Süddeutsche Zeitung

Champions League:Auch Real wurde schon böse überrascht

  • Auch wenn die Ausgangsposition kaum besser sein könnte, wissen die Spieler von Real Madrid, dass ihnen noch Arbeit blüht, um das Champions-League-Finale zu erreichen.
  • Schon zwei Mal in dieser Saison haben sie Resultate hinnehmen müssen, die den FC Bayern am Dienstag weiterbringen würden.
  • Es deutet sich an, dass die Zeit von Gareth Bale bei Real Madrid zu Ende geht - das dürfte Bewegung in den Tranfermarkt bringen.

Von Javier Cáceres

Als die jüngste Ära von Real Madrid begann, im Sommer 2014 in Lissabon, streckte die Zeitung El País die Waffen - als ob sie da schon verlässliche Hinweise darauf gehabt hätte, was noch kommen sollte: drei Champions-League-Titel in vier Jahren (2014, 2016, 2017). Real Madrid sei nicht zu entziffern, widerspreche jeder Logik, schrieb das Blatt. Denn da, wo andere Klubs nach einer eigenen Philosophie oder Spielkultur suchen, gehe Real Madrid hin - und erziele Siege um des Siegens willen. Es sei dem Klub immer schon einerlei gewesen, ob die Mannschaft gut, schlecht oder mittelmäßig spiele, ob gute oder schlechte Fußballer auf dem Rasen stehen, Hauptsache: gewinnen! Nach dem Motto: "Sollen doch die anderen über Gründe diskutieren." Oder sich an einem Mysterium abarbeiten, das man am Mittwoch auch in München beobachten konnte.

Zumindest zuckten viele Madrilenen nach dem 2:1-Sieg von Real beim FC Bayern im Hinspiel des Halbfinales der Champions League mit den Schultern, allen voran Trainer Zinédine Zidane. Er wisse nicht, ob der Sieg verdient gewesen sei, sagte er, und stand dabei offenkundig unter dem Eindruck der vielen Hände, die Torwart Keylor Navas auspacken musste, um die zahlreichen Chancen der Bayern zu vereiteln. Dem defensiven Mittelfeldspieler Casemiro wurde von einem Radioreporter hinterbracht, sein Kollege Toni Kroos habe gesagt, dass man nicht das beste Spiel geboten und Glück gehabt habe. Doch der Brasilianer widersprach vehement: "Ich denke das nicht!", sagte Casemiro und relativierte seine eigene Aussage dann doch: "Das Glück ist Folge der Arbeit."

Wie auch immer: Am nunmehr dritten Madrider Sieg in München in Serie ist nicht mehr zu rütteln, mit Konsequenzen für das ewige Verhältnis zwischen den Rekordmeistern Deutschlands und Spaniens.

Bestia Negra, schwarze Bestie?

So wurde der FC Bayern in Madrid seit den Zeiten genannt, da die Münchner zum bisher letzten Klub wurden, die den Henkeltopf drei Mal in Serie (1974, 1975, 1976) mitnehmen durfte. Es war einmal: "Die Bestia Negra taucht nur noch im Rückspiegel der Zeitmaschine auf. Die Gegenwart spricht von der Bestia Blanca", schrieb die Zeitung As über eine Real-Mannschaft, die zwar in München in Schwarz antrat, es gewöhnlich aber in Weiß tut - und die nun davon träumt, beim Finale in Kiew ebenfalls den dritten Champions-League-Sieg in Serie zu feiern, mit den Bayern und mit Ajax Amsterdam (1971, 1972, 1973) gleichzuziehen - und den eigenen Ahnen nahezukommen, die Europas Königswettbewerb von 1956 bis 1960 gleich fünf Mal nacheinander gewonnen hatten. "Die Ambition ist immer noch intakt, obwohl die Vitrinen voll sind", sagte Kapitän Sergio Ramos.

Doch auch wenn die Ausgangsposition für die Madrilenen kaum besser sein könnte: dass ihnen beim Rückspiel am deutschen Tag der Arbeit noch selbige blüht, haben sie verinnerlicht: "Das ist noch nicht gelaufen", erklärte Casemiro. Stürmer Marco Asensio, der das Siegtor erzielte (57.), sekundierte: "Das Rückspiel wird genauso schwierig oder gar noch schwieriger."

Real lockt der arabische Markt

Das spricht dafür, dass sie in Madrid einige Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit gut verinnerlicht haben. Zum Beispiel: dass die Bayern im Viertelfinale des vergangenen Jahres das identische Hinspielresultat nach 90 Minuten egalisiert hatten und dabei bewiesen, zu den wenigen Mannschaften Europas zu zählen, die im Bernabéu keine Angst verspüren. Oder auch, dass sie schon zwei Mal in dieser Saison Resultate hinnehmen mussten, die den FC Bayern am Dienstag weiterbringen würden: in der Liga gegen den FC Barcelona (0:3) und im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinales gegen Juventus Turin (1:3). Noch schlimmer war es im Pokal: Drittligist Fuenlabrada und Zweitligist Numancia kamen im Bernabéu zu überraschenden Remis (je 2:2), ehe der derzeitige Tabellenfünfzehnte der Liga, CD Leganés, Real durch einen 2:1-Viertelfinal-Rückspielsieg im Bernabéu aus dem Pokal warf. Insgesamt hat Real im Bernabéu 32 Saison-gegentore in 25 Pflichtspielen hinnehmen müssen: 19 in der Liga, sieben in der Königsklasse, sechs im Pokal.

Angesichts solcher Zahlen kommt ungelegen, dass Rechtsverteidiger Dani Carvajal im Rückspiel ausfallen wird; er erlitt in München eine Muskelverletzung im Oberschenkel. Andererseits machte es der eigentlich offensiv ausgerichtete, quirlige Lucas Vázquez ganz gut, als er für Carvajal nach hinten rücken musste. Lucas, der in der Startelf stand, zählt zu den Spielern, die einem gewissen Gareth Bale den Rang abgelaufen haben. Dass der Waliser, einst 100-Millionen-Einkauf aus Tottenham, nicht in der Startelf stand, war erwartet worden; dass er aber nicht mal mehr eingewechselt wurde, bedeutet wohl, dass seine Zeit bei Real Madrid zu Ende geht.

Das dürfte Bewegung in den Transfermarkt bringen. Real schielt schon länger auf den Brasilianer Neymar von Paris Saint-Germain, zudem ist der Ägypter Mo Salah vom FC Liverpool spätestens seit seiner Halbfinalgala gegen AS Rom (5:2) en vogue. Sollte Real das Champions-League-Finale erreichen und dort auf Liverpool treffen, dürften die Spekulationen erst recht sprießen, Transfergerüchte können eine destabilisierende Wirkung auf Gegner haben.

Zudem ist Real Madrid der arabische Markt wichtig. Um die Nachfrage nach weißen Leibchen im Orient zu erhöhen, tilgte Real Anfang 2017 sogar das Kreuz aus dem Wappen jener Madrid-Trikots, die in muslimischen Ländern vertrieben werden. Wenn das der Söder wüsste ...

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SZ vom 27.04.2018/ska
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