Im Estadio Metropolitano von Madrid kommt seit geraumer Zeit eine Art experimenteller Paartanz zur Aufführung, präsentiert von Vater und Sohn. Hier Diego Pablo Simeone, Trainer von Atlético Madrid; dort Giuliano, der jüngste seiner Söhne, der auf dem Rasen in der Arbeitsuniform der Profis der zweiten großen Mannschaft der spanischen Hauptstadt schwitzt. Es ist kein Tanz, der einer strengen Choreografie folgen würde; seine Grundelemente haben freilich nahezu rituellen Charakter: Beide wenden sich dem Publikum zu und laden es mit Sprüngen, aufgerissenen Mündern und ausladenden Armbewegungen dazu ein, die Tribünen in Flammen zu setzen. Auf dass diese sich in einen dantesken Feuerring von einschüchternder Natur verwandeln. Auch am Dienstag wird es so sein, wenn der FC Barcelona des früheren Bundestrainers Hansi Flick im Rückspiel des Viertelfinales der Champions League gastiert. „Das Publikum spielt mit“, sagt Diego „El Cholo“ Simeone, dessen Sohn sie verniedlichend El Cholito nennen, den kleinen Cholo.
Ihr Atlético muss einen 2:0-Sieg aus dem Hinspiel verteidigen, Simeone junior – vom Vater „Giuli“ genannt – trug entscheidend dazu bei. Mit einem klugen Lauf in die Spitze provozierte der Cholito nicht nur jenen Freistoß, den Julián Álvarez zur 1:0-Führung in den Winkel setzte (45.), sondern auch die gelb-rote Karte für den überrumpelten Barça-Verteidiger Pau Cubarsí (44.). Später erhöhte der frühere Bundesliga-Profi Alexander Sörloth auf 2:0. Die Atlético-Fans sehen sich seither im Halbfinale. Denn jedes Mal, wenn Atlético in der K.-o.-Runde eines europäischen Wettbewerbs auswärts das Hinspiel gewonnen hatte, setzte sich der Klub am Ende durch. Barcelona hingegen schied nach sechs Hinspiel-Heimniederlagen sechsmal aus. Giuliano Simeone warnte dennoch: „Es gibt nur wenige (Hinspiel-)Resultate, die man gegen Barcelona als endgültig betrachten kann.“
Dass er gleich so sehr nach dem Papa klingt, ist insofern überraschend, als er nicht die ganze Kindheit an dessen Seite verbrachte. Nachdem der Papa die Karriere als Profifußballer bei Racing de Avellaneda im heimischen Argentinien beendet hatte, siedelte die Familie aus Europa nach Argentinien über, schon 2011 zog es Diego Simeone als Trainer zurück zu Atlético Madrid. Giuliano Simeone, damals gerade neun Jahre alt, blieb in Buenos Aires, spielte dort in der Jugendabteilung von River Plate. Aber die Besuche beim Vater führten ihn immer wieder ins Calderón, mitunter als Balljunge. „Ich bin Atlético-Fan“, sagt El Cholito. Als er 16 war, wechselte er von River Plate in die Jugendabteilung Atléticos, tauschte er Buenos Aires gegen Madrid ein.
Als Trainer spricht Diego Simeone betont sachlich über seinen Sohn
In das Team des Vaters fand er über Umwege: Zwar hatte er als schneller Mittelstürmer der zweiten Mannschaft Atléticos geglänzt (in einer Saison kam er auf 25 Tore), danach wurde er aber verliehen: 2022 an den damaligen Zweitligisten Real Zaragoza, ein Jahr darauf an den Erstligisten Deportivo Alavés. 2024 kehrte er zu Atlético zurück und entwickelte sich dort zu jener Art Spieler, die der Großvater – Diego Simeones Vater – in ihm erkannt hatte. „Du bist ein Außenbahnspieler – und wirst es bis in die Nationalmannschaft schaffen“, habe der Opa gesagt, erzählt Giuliano. Und siehe: Er hat tatsächlich schon elf Länderspiele hinter sich; bei der WM in Nordamerika wird er wohl dabei sein. Denn spätestens seit dieser Saison ist er bei Atlético nicht mehr wegzudenken. Nur Torwart Jan Oblak und Verteidiger David Hancko kommen auf höhere Einsatzzeiten als „El Cholito“.
Das ist keine Form von Vetternwirtschaft. Im Gegenteil. El Cholo Simeone hat fast schon manisch obsessiv darauf geachtet, dass ihm nicht unterstellt wird, er bevorzuge den Sohn. Wenn sie bei Spielen der zweiten Mannschaft Atléticos zuschauen, sitzen sie nicht nebeneinander. Außenstehende spüren, dass es Simeone nachgerade körperlich unangenehm ist, über den Sohn zu sprechen. Wenn er es doch tut, fallen seine Kommentare betont sachlich aus. „Er hat sehr gute physische Voraussetzungen, was ihm erlaubt, Anstrengungen oft zu wiederholen. Und auch wenn es sein mag, dass er kein Virtuose ist, so hat er eine bessere Technik, als gemeinhin gedacht wird. Aber: Es gibt Dinge, die er noch verbessern kann“, sagt der Trainer Simeone über den Spieler Simeone, der in dieser Saison wettbewerbsübergreifend in 45 Spielen auf sieben Tore und acht Assists gekommen ist.
Dass er tatsächlich noch Luft nach oben hat, ist dem Buben wohl bewusst. In einem Rundfunkinterview erzählte er einmal, dass er sich schon verbeten habe, vom Vater am Küchentisch mit Tassen, Tellern und Marmeladengläsern taktische Nachhilfe zu bekommen („Irgendwann ist auch mal gut, Papa“). Er selbst schaue sich aber jedes einzelne Spiel in voller Länge an – ohne den Vater, „mir reichen seine Videositzungen mit der Mannschaft“. Das habe ihm dabei geholfen, im und am Strafraum ruhiger zu werden, bessere Entscheidungen zu treffen. Und wer weiß: Vielleicht hilft es den Simeones dabei, eine neue Marke aufzustellen. Söhne, die von illustren Vätern trainiert werden, gibt es in der Fußballgeschichte zuhauf; einen Champions-League-Triumph von Vater und Sohn bisher nicht.



