Süddeutsche Zeitung

Arturo Vidal in Barcelona:Er grillt mit Messi

Ex-Bayern-Spieler Arturo Vidal hat seinen Startelf-Platz sicher - manche sehen auch in der Nähe zu Barcelonas Führungsspieler einen Grund dafür. Bei den Vereinsbossen machte er sich zuletzt nicht beliebt.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Am letzten Tag seines Urlaubs meldete sich Arturo Vidal bei seinen Fans, wie man das heutzutage so macht als Fußballprofi: per selbstreferenziellem Livestream in einem sozialen Netzwerk. Das Bild war dunkel und schwankte, was daran lag, dass Vidal sich auf einer Yacht vor Ibiza befand. Andererseits: Womöglich hätte er auch selbst geschwankt, wenn er aufgestanden wäre, denn was er mitzuteilen hatte, war nicht so leicht zu entziffern; seine Sprache war verwaschener als eine alte Jeans.

Das war einerseits die Bestätigung dafür, dass der frühere Profi des FC Bayern und heutige Angestellte des FC Barcelona es sich immer noch ganz gern gut gehen lässt. Andererseits belegte es, dass Vidal aus der Vergangenheit gelernt hat: Seit seinem monumentalen Unfall bei der Copa América 2015, dem ein nagelneuer, noch nicht angemeldeter Ferrari zum Opfer fiel, praktiziert er offenkundig das berühmte Motto: Don't drink & drive. Erst recht jetzt, in Zeiten sozialer Distanz.

Wobei: An gesellschaftlichem Leben mangelt es Vidal offenkundig nicht, und das trägt, wie man in der katalanischen Hauptstadt hört, einen erheblichen Teil zu seinem Ansehen beim FC Barcelona bei. Vidal, 33, gehört zum Kreis der Spieler, mit denen der unumstrittene Leader der Mannschaft, Lionel Messi, sich gern umgibt.

Wenn Messi zusammen mit seinem Nachbarn Luis Suárez Rindfleisch auf den Grill wirft und nach den besten Regeln südamerikanischer Kunst garen lässt, zählt auch Vidal zu den gern gesehenen Gästen. Es gibt Beobachter in der katalanischen Hauptstadt, die in der Gunst des Anführers Messis einen Faktor dafür sehen, dass Vidal als gesetzt gilt, wenn Barça am Freitag im Viertelfinale der Champions League gegen den FC Bayern antritt.

Im angedachten 4-4-2-System soll er zusammen mit Busquets, Sergi Roberto und De Jong das Vierermittelfeld besetzen. Dafür gibt es freilich auch sehr überzeugende fußballerische Gründe. Vidal wird bei Barça dafür geschätzt, dass er Intensität und Aggressivität für ein ganzes Regiment mitbringt, und das ist bei den feinfüßigen Barça-Profis nicht so ausgeprägt vorhanden. Gewiss ist freilich auch dies: Gäbe es die Nähe zu Messi nicht, wäre es für Barças Verantwortliche ungleich einfacher, den Chilenen wieder fortzuschicken. Denn er eckt schon mal an.

Vidal kratzte an der Ehre des Trainers

Wobei Freizeitvergehen keine Rolle spielen. Für größere Verwunderung sorgte, dass er Barça wegen angeblich ausstehender Prämienzahlungen verklagte. Oder dass er mit einem Abschied kokettiert, wenn er zu oft auf der Bank sitzt. Zuletzt wartete er überdies mit Äußerungen auf, die angetan waren, an der Ehre seines direkten Vorgesetzten Quique Setién zu kratzen. Und das zu einem Zeitpunkt, da eine Ablösung Setiéns wahrscheinlich war.

Am Ende der Saison werde man sorgsam über die Zukunft Barcelonas entscheiden, insbesondere "ob der gleiche Trainer weitermacht" (und welche Spieler bleiben), sagte Vidal in einem Interview in Kolumbien. Wörtlich fügte er hinzu, dass das Team bisher mit Setién "wenig gearbeitet" habe - wobei er das wohl wirklich darauf bezog, dass Setién erst seit der Ablösung von Vorgänger Ernesto Valverde im Januar im Amt ist und noch keine Zeit hatte, seine Ideen umzusetzen. Der Versuch, die Äußerungen zu glätten, las sich, als habe er noch nie ein Bügeleisen in der Hand gehabt. Wenn Barça die Champions League nicht gewinne, "werden die Verantwortlichen Entscheidungen treffen müssen." Aber wenn Setién weitermache: "Auch gut!", sagte Vidal, der bislang 95 Spiele für Barça ausgetragen hat.

Sollte er am Freitag gegen die Bayern seinen 96. Einsatz feiern, so dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass er sich aufopfern wird wie kein Zweiter. Als Blaupause darf das 0:4-Desaster beim FC Liverpool aus der vergangenen Saison gelten, Vidal war damals der einzige, der sich gegen den Schiffbruch nach dem 3:0-Hinspielsieg auflehnte. Und überhaupt: Die Champions-League-Trophäe fehlt noch in seiner Sammlung, die unter anderem drei deutsche und vier italienische Meistertitel sowie zwei Copa-América-Pokale schmücken. Das nagt an ihm, erst recht seit Berlin 2015, als er mit Juventus das Königsklassen-Finale 1:3 verlor - gegen Barcelona. Er kämpft mit allen Mitteln darum, und was immer er sich nach Feierabend leisten mag - er stählt seinen Körper wie ein Besessener, mithilfe eines Privattrainers.

Einen Flecken Haut auf seinem mit Tätowierungen bedeckten Körper hat er freigelassen, für den Henkelpott, den er sich unbedingt noch stechen lassen will. Lieber heute als morgen.

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SZ vom 12.08.2020/ska
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