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Champions League, 2. Spieltag:Supergigi im grünen Hemd

In Italiens Konformisten-Fußball gibt Juve-Torwart Gigi Buffon den Anarchisten. Seine Unangepasstheit hat ihn sowohl bei den Tifosi als auch bei Kollegen äußerst populär gemacht.

Man muss nicht lange suchen, um den größten Star dieser Mannschaft zu finden. Es ist der Schlaks mit den zurückgekämmten Haaren, er grüßt beim Aufwärmtraining übermütig in die Runde und trabt dann ins Tor. Er trägt ein grünes Hemd. Nicht grasgrün, sondern in der undefinierbaren Farbe italienischer Mineralwasserflaschen. "Um Gottes Willen: Grün", hat sein Vorgänger gebrummt - der Über-Torwart Dino Zoff. "Ich habe nur Schwarz oder Grau getragen. Und dann noch kurze Ärmel... Ein Torwart ist ein Torwart. Muss der sich anziehen wie zum Strandausflug?"

Nun, Zoff ist der Existentialist unter den Schlussmännern. Zoff ist außerdem Zoff. Er stand bei Juventus elf Jahre lang ohne einen einzigen Spieltag Unterbrechung im Tor. Gigi hat das nicht geschafft. Der Rücken, der Oberschenkel, es war keine Erkältung, die ihn ausfallen ließ, aber er fiel eben aus. Um von Alex Manninger ersetzt zu werden, damals zweiter Torwart Österreichs. Manninger war kein Überflieger, doch durchaus überzeugend. Als Buffon zurückkam, musste er sich gegen seine Reserve wieder durchsetzen. Er tat das, ohne zu murren, nur das Publikum klagte, Manninger sei besser. Bei Juventus darf sich keiner auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Treu auch in der zweiten Liga

Einmal sah Gianluigi Buffon Rot - gegen Albinoleffe in der Serie B. 2006 war das, Gigi Buffon war gerade Weltmeister geworden und dann mit seinem Klub zwangsabgestiegen. Damals schaltete Juventus ganzseitige Anzeigen in den Sportzeitungen, um seiner Nummer 1 für die Treue zu danken - Buffon hatte alle Angebote aus der Serie A abgelehnt. "In der zweiten Liga habe ich enorm viel gelernt und sehr viel Spaß gehabt", sagte er später. Jetzt spielt er wieder Champions League, das macht ihm noch mehr Spaß. Mit einer anderen Juve. Einer Juventus, in der alle ersetzbar sind. Außer dem Mann im grünen Hemd, auf dessen Torwarthandschuhen das Kürzel C.U.I.T steht, für "Commando Ultras Indian Trips". Gigi Buffon ist auch als bester Torwart der Welt Tifoso des Viertligisten US Carrarese geblieben, dem Klub der Marmor-Stadt Carrara in der Toskana. Carrara gilt als heimliche Hauptstadt des italienischen Anarchismus. Außerdem ist sie die Heimatstadt von Buffon.

Die Alte Dame hat eine Menge Spieler gesehen, die eine Partie quasi allein entscheiden konnten. Platini etwa oder Zidane. Jetzt ist Buffon, 31, so ein Spieler. Die Gegner rümpfen gern die Nase darüber, zuletzt Laurent Blanc, der Trainer von Bordeaux. "Ihr bester Spieler war Buffon", sagte Blanc nach dem 1:1 gegen Juventus, und das klang nicht nach einem Kompliment. Wieso eigentlich nicht? Buffons Paraden sind nicht weniger spektakulär als Diegos Dribblings - und manchmal bekommt in Turin auch der Torwart Ovationen von seinem Publikum. Wie vor zehn Tagen bei Juves 2:0 gegen Livorno. Da zeigte Gigi Buffon ein Dutzend Variationen zum Thema "Wie man einen Ball abwehrt", und das sah natürlich nicht immer elegant aus, aber dafür auch mal sehr akrobatisch. Sie nennen ihn "Supergigi" deswegen oder "Gigione" oder "San Buffon". Der Schlussmann als Retter des Vaterlandes.

Kumpel Cannavaro

Neuerdings ist Juventus' Abwehr ein bisschen wacklig geworden. Immer noch die beste in der Serie A, aber Buffon ist sie nicht gut genug. Man kann ihn schreien hören aus seinem Tor, wenn die anderen nicht richtig stehen, etwa der grobfüßige, etwas ungeschlachte Giorgio Chiellino oder der zerstreute Nicola Legrottaglie. Der ist außerhalb des Rasens ein religiöser Eiferer und nervt die Mannschaft sowie den Rest der Fußballwelt mit seinen Keuschheits-Tiraden. Buffons Lieblingskollege ist Fabio Cannavaro, der gerade von Real Madrid zurückgekehrt ist. Gemeinsam waren sie vor Jahren beim AC Parma, gemeinsam spielen sie in der Squadra Azzurra. Cannavaro ist rascher gealtert als Buffon, aber immer noch ein überragender Techniker. In München kann er wegen einer Verletzung nicht dabei sein, Gigi wird also allein den Ball flach halten. Wenn alles gut geht.

Er ist bekannt dafür, dass er manchmal die größten Böcke schießt. Der gekaufte Schulabschluss, die Wettleidenschaft, jede Menge freche Sprüche. Aber Buffon ist auch einer, der öffentlich mit sich selbst abrechnet. Er gab zu, wegen Depressionen in psychologischer Behandlung gewesen zu sein - keine einfache Sache in Berlusconis Italien, das sich lieber laut zu Tode amüsiert. Er kritisierte den Rekordtransfer von Cristiano Ronaldo zu Real Madrid: "Wenigstens einen Funken Moral müsste es auch im Fußball geben. Wenn am Sonntag das Spiel abgepfiffen ist und ich unter normale Leute gehe, höre ich, wie viel Schwierigkeiten die haben, es bis zum Monatsende zu schaffen. Da fühlt man sich mies angesichts gewisser Summen." Sicher, Buffon hatte selbst 50 Millionen gekostet, als er 2001 zu Juventus kam. Eine ungeheure Summe für einen Torwart. Seinen Wechsel zu Manchester City hat er vor einigen Monaten abgelehnt. Da gab es nur Geld, und davon habe er genug.

Buffon, der seinen ersten Sohn nach Kameruns legendärem Torwart N'Kono Thomas genannt hat, ist längst der populärste Fußballer Italiens. Manchmal sagt er Dinge, bei denen die Tifosi sich die Haare raufen, aber er wirkt authentisch, das ist für einen italienischen Nationalspieler derzeit sehr viel. Im Calcio der Konformisten beweist Gigi Buffon Persönlichkeit, nicht nur auf dem Platz. Das macht ihn zum würdigen Nachfolger von Dino Zoff. Der allerdings eine solche Prognose nicht einmal bei vorgehaltener Pistole abgegeben hätte: "Italienischer Meister 2010 wird US Palermo. Oder der CFC Genua, meine Lieblingsmannschaft in der Serie A." In der Champions League ist das aber Juventus.

© SZ vom 30.09.2009/jbe
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