Bayern-Basketballer Winston:Er degradiert Gegner zu Slalomstangen

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Cassius Winston FC Bayern

"Basketball ist einer der Orte, an denen ich ganz bei mir bin und nicht über die Probleme da draußen nachdenke": Cassius Winston.

(Foto: Markus Fischer/Imago)

Ist dieser Aufbauspieler die neue Attraktion der Bundesliga? Cassius Winston bringt NBA-Erfahrung mit nach München und ist vom Leben gezeichnet - seine Karriere will er auch für seinen gestorbenen Bruder fortentwickeln.

Von Sebastian Winter

48 Punkte also. Cassius Winston kann sehr zufrieden sein mit diesem Saisonauftakt, mit seinen ersten beiden Spielen für den FC Bayern: 25 Zähler am Samstag im Heimspiel gegen Ulm, das die Münchner 87:80 gewannen, 23 am Montag im Auswärtsspiel in Frankfurt, das 83:74 für die Bayern endete. Topscorer war Winston in beiden Partien, die für den Basketball-Profi aus Detroit ja zugleich seine Premiere in Europa waren. Und nicht nur einmal ließ der schnelle, wendige US-Amerikaner seine Fähigkeiten aufblitzen.

Gegen Frankfurt degradierte er im zweiten Viertel drei gegnerische Verteidiger zu Slalomstangen, dribbelte in die Zone und legte den Ball lässig in den Korb. So, wie er es zuvor auch schon einige Male gegen Ulm gezeigt hatte. Sein Aufbauspiel: klar. Sein Auge für die Mitspieler: scharf. Außerdem ist Winston gesegnet mit einem feinen Händchen aus der Distanz und von der Freiwurflinie. Rein statistisch traf der 24-Jährige gegen Frankfurt sieben von elf Würfen aus dem Feld, sieben von sieben Freiwürfen, außerdem gelangen ihm drei Assists (und ihm unterliefen drei Ballverluste).

Die Münchner haben ihren erfolgreichen Start auch und vor allem Winstons Treffern zu verdanken - vor allem im Spiel gegen die Skyliners. Dort waren sie schon mit 25 Punkten vorne gelegen, als am Ende des dritten Viertels der Schlendrian kam. "Wir sind lahm und oberflächlich geworden, arrogant. Mein Team muss verstehen, dass sie Frankfurt 40 Minuten respektieren müssen statt nur 27", sagte ihr Trainer Andrea Trinchieri. Winston hatte er damit eher nicht gemeint. Er traf kurz vor Schluss auch seine letzten Freiwürfe.

Winston hatte wie seine Kollegen frei am Dienstag, wer ihn aber mit ein paar Fragen behelligte, dem schickte er trotzdem eine kleine Sprachnachricht. Mit seinem tiefen, brummeligen Detroiter Akzent erzählte er aus einem Leben, das fast schon klischeehaft ist für ein Großstadtkind in den USA, das mit Basketball in Berührung kommt und beginnt, diesen Sport in sich aufzusaugen. Und von einem schweren Schicksalsschlag.

"Ich spielte überall. Es war egal, ich spielte einfach viel. Basketball war meine erste Liebe."

Winston jedenfalls wuchs in Detroit in einer der besseren Gegenden auf, "dort gibt es auch schlechte Viertel, Detroit ist Detroit". Als Junge spielte er Basketball, wo immer er konnte, draußen auf der Straße, drinnen, "ich spielte überall. Es war egal, ich spielte einfach viel. Basketball war meine erste Liebe", sagt Winston. Cassius, der Junge, war klein, aber er wollte besser sein, "besser als jeder andere auf dem Platz. Ich bin ja nicht der Größte, ich musste mir daher andere Stärken zunutze machen. Oder mal das Tempo ändern."

So wurde er in der High School im Jahr 2016 zum "Mr. Basketball of Michigan" gekürt, so erhielt er bei seinem Team Michigan State einen Stammplatz in der College-Liga NCAA. In seinen beiden letzten Jahren dort erzielte er im Schnitt mehr als 18 Punkte pro Spiel - und weckte das Interesse der NBA-Scouts. Besonders, als er mit Michigan State 2019 das Final Four der NCAA erreichte. Alles lief gut für Winston.

Bis ihn im selben Jahr, es war schon November, die schmerzvollste Nachricht seines Lebens erreichte. Zachary, sein jüngerer Bruder, mit dem er engstens verbunden war, war in Albion, Michigan, von einem Zug erfasst worden und gestorben.

Zachary war selbst Basketballer, er hatte für das Albion College gespielt. "Das Schicksal meines Bruders beschäftigt mich noch immer bis heute", sagt Winston nun an diesem Dienstag in München: "Ich weiß, er wollte, dass ich weitermache und mich immer anstrenge. Er wollte, dass ich versuche, der beste Spieler und der beste Mensch zu werden, der ich sein kann."

"Die Leute sind nett, die Stadt ist sauber, sie hat eine gute Energie", sagt Winston über seine Wahlheimat

Einen Tag nach dem Tod seines Bruders spielte Winston wieder College-Basketball für Michigan State, erzielte laut einem ESPN-Bericht 17 Punkte und machte elf Assists beim 100:47-Erfolg über Binghamton - und bekam Ovationen von den Rängen. "Basketball ist ganz sicher einer der Orte, an denen ich ganz bei mir bin und nicht über die Probleme da draußen nachdenke. Ich fühle mich wie in einem sicheren Raum, bin klar im Kopf", sagt Winston nun.

Bei der NBA-Draft 2020 wurde er an Nummer 53 ausgewählt, kam später zu knapp 30 Kurzeinsätzen für die Washington Wizards. Ganz schaffte er den Sprung in die beste Liga der Welt nicht - doch dann kam ein weiterer Wink des Schicksals. Der frühere FC-Bayern-Spieler Greg Monroe, mit dem er in Washington kurz zusammenspielte, empfahl ihm den Klub von der Isar.

Nun ist Winston also nach München gekommen, er mag es dort, "die Leute sind nett, die Stadt ist sauber, sie hat eine gute Energie". An den Spielstil muss er sich noch gewöhnen, auch an Trinchieris Training. "Viel Text!", sagte Winston kürzlich im Trainingslager über Trinchieris Ansprachen, aber auch das: "Er pusht, er erwartet Perfektion, er will, dass du definitiv besser wirst - und in der Hinsicht bin ich vollkommen bei ihm." Das Abenteuer Europa wartet nun auf Winston- auch und gerade in der Euroleague.

Apropos: Sein Spielwitz und seine Kreativität erinnern ein wenig an Parker Jackson-Cartwright, der in der vergangenen Saison für Bonn auf dem Parkett stand und die Bayern mit seinen Läufen und Dreiern mehr ärgerte, als ihnen lieb war. In dieser Saison treffen sich Winston, das 1,84 Meter kleine Kraftpaket, und der schmale, noch vier Zentimeter kleinere Jackson-Cartwright, der inzwischen für Lyon-Villeurbanne spielt, in der Euroleague. Am Donnerstag (20.30 Uhr, Audi Dome) gibt Winston dort aber erst einmal im Heimspiel gegen Fenerbahce Istanbul, den Champion von 2017, seine Premiere.

Es ist eine Standortbestimmung, für die Bayern, die wieder in die Euroleague-Playoffs einziehen und deutscher Meister werden wollen. Und für Winston, der bei seiner Begrüßung in München sagte: "Ich bin ein richtiger Playmaker, der weiß, wie man Spiele gewinnt und der dafür jeden Abend einfach alles geben wird." Er hat es seinem Bruder versprochen.

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