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Carlsen bei der Schach-WM:Ohne Gefühlsregung

Eine Begegnung vor nicht allzu langer Zeit in Oslo. Eine befreundete Firma lässt Carlsen ihre Räume für Interviews nutzen, vor allem Vertreter norwegischer Medien sind gekommen. Carlsen läuft unruhig durch die Räume. Er wirkt kleiner und jünger als erwartet, die Frisur ist noch verstrubbelter. Carlsen scheint doch mehr ein Junge als ein Schachweltmeister zu sein. Das Interview beginnt, 30 Minuten. Small Talk zu Beginn? Keine Chance. Das Eingeständnis, dass man selbst nicht viel Ahnung von Schach hat, führt zu keiner sichtbaren Reaktion. Er hört sich die Fragen an, antwortet langsam und zögerlich, als denke er über jede Antwort sehr gut nach. Als sei die Frage eine Aufgabe, für die es nur eine richtige Lösung gibt. Er ist dabei nie unfreundlich. Er ist präzise. Aber ein Dialog entsteht so nicht.

Seine Gegner beschweren sich zuweilen, dass er während des Spiels keine Gefühlsregung zeigt, kalt wirkt. Was sagt er dazu? "Ich weiß nicht, ob sie sich beschweren, oder ob das einfach Feststellungen sind. Außerdem bin ich emotional während der Spiele." Dann kann er das einfach nur gut verbergen? Carlsen: "Einige Spieler werden nervös, wenn sie in Zeitprobleme geraten. Manche zeigen das, manche nicht. Ich komme nie in Zeitprobleme, also ist das für mich kein Thema." Beim Thema Privatleben geht es noch schneller. Auf die Frage nach einer Freundin: kein Kommentar. Wer ist der wichtigste Mensch in seinem Leben? "Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich müsste ich darüber mehr nachdenken. Aber es passt nicht zu mir, über diese Dinge viel zu grübeln. Die meiste Zeit denke ich über mich selbst nach."

Die Fotos zeigen ihn segelnd, wandernd, Fußball, Tennis und Golf spielend

Alles, was er über sich preisgeben möchte, findet man auf seiner Facebook-Seite. Die Fotos zeigen ihn segelnd, wandernd, Fußball, Tennis und Golf spielend. Es ist schwer, sich ihm zu nähern, ihn zu fassen. Ein Wunderkind? Als er fünf Jahre alt war, wollte sein Vater ihm das Spiel beibringen. Der Junge hatte keine Lust. Er lernte lieber alle Länder der Welt samt Hauptstädten und Einwohnerzahl auswendig. Sein Vater dachte damals, das sei normal, gestand er später in einem Fernsehinterview.

Schach-WM Zum Remis mit einem isolierten Bauern
Schach-WM

Zum Remis mit einem isolierten Bauern

Fünf Stunden Spielzeit und am Ende: unentschieden. Titelverteidiger Magnus Carlsen aus Norwegen und der Inder Viswanathan Anand lieferten sich bei der Schach-WM in Sotschi eine recht friedliche vierte Partie. Carlsen wollte keinen scharfen Kampf - und Anand zeigte, dass er dazugelernt hat.   Von Martin Breutigam

Seine Schwester war dann der Grund dafür, dass er sich Schach selbst beibrachte. Es hatte ihn der Ehrgeiz gepackt, er wollte sie schlagen. Eine frustrierende Erfahrung für sie, die bald unterlag und erst einmal aufhörte, Schach zu spielen. Für Magnus dagegen begann ein einziger Siegeszug: Mit neun spielte er sein erstes Turnier, mit zehn gewann er die norwegischen Meisterschaften in seiner Altersklasse, mit 13 wurde er Schach-Großmeister. Mit 19 stand er an der Spitze der Weltrangliste, mit 22 gewann er die Weltmeisterschaft.

"Weltmeister klingt ziemlich gut, viel besser als Nummer eins der Welt", sagt er. "Für mich war der Titel zwar ein schwieriger Schritt, aber auch ein natürlicher." Er sei ja sowieso schon der Beste der Welt gewesen. Nebenher macht Carlsen heute vieles, das nicht zum natürlichen Repertoire eines Schachspielers gehört. Er modelt für die Jeans-Marke G-Star, stand unter anderem schon mit Liv Tyler vor der Kamera. Er spielte Schach gegen die Investorenlegende George Soros und den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Um Bill Gates zu besiegen, brauchte er nur zwölf Sekunden. Er sollte sogar im neuen Starwars-Film mitspielen, was dann aber an praktischen Gründen scheiterte. Egal, er spielt lieber blind gegen zehn Gegner gleichzeitig, natürlich um sie alle zu schlagen.

Das Schlimmste für ihn ist nach wie vor zu verlieren. Wie geht er mit Niederlagen um? "Ich denke nicht, dass zu verlieren etwas Normales für mich sein sollte", sagt er. "Ich sollte keine Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, wie ich mit Niederlagen umgehe." Am Dienstag ist es passiert.