Terzic beim BVB:Der erfolgreichere Trainer muss gehen

Champions League - Round of 16 Second Leg - Borussia Dortmund v Sevilla

Keimende Zuversicht: Edin Terzic nach dem 2:2 gegen Sevilla.

(Foto: Pool via REUTERS)

Edin Terzic hat den Auftritt der Dortmunder spielerisch, taktisch und kämpferisch völlig überarbeitet. Was will man mehr? Im Sommer kommt trotzdem Marco Rose.

Kommentar von Freddie Röckenhaus

Frage an Radio Eriwan: Kann man ein Trainerproblem haben, wenn man zu oft gewinnt? Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip nein. Aber was nützen alle Prinzipien, wenn der Ball doch rund ist?

Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc hat noch am Samstag, vor dem Gastspiel beim FC Bayern, prinzipiell versichert, dass der derzeitige Cheftrainer Edin Terzic am Ende der Saison wieder zum Assistenztrainer zurück delegiert werde, wie er es bis zum Dezember bei Lucien Favre war. Sei doch gar kein Problem, stellte Zorc klar, Terzic, der Chef, werde praktisch auf eigenen Wunsch wieder zu Terzic, dem Assistenten. Nun ja. Im Prinzip. Die Antworten im legendären Radio Eriwan waren ähnlich gestrickt, damals, als Armenien noch zur Sowjetunion gehörte, und die Wahrheit täglich aus dem fernen Moskau kam.

Inzwischen haben die Borussen unter ihrem künftigen Co-Trainer das beste Auswärtsspiel in München seit Jahren abgeliefert, trotz der 2:4-Niederlage nach einer 2:0-Führung. Und seit Dienstagabend steht der BVB zudem unter Europas besten Acht, im Champions-League-Viertelfinale. Das bringt, einmal netto und nach Abzug aller Siegprämien betrachtet, über neun Millionen Euro in die corona-bedingt schwindsüchtigen Kassen. Nebenbei hat der BVB in der Woche zuvor unter Terzic das Halbfinale im DFB-Pokal erreicht, und weil das Losglück gerade auch noch mit ihm ist, steht dort ein Heimspiel gegen den Zweitligisten Holstein Kiel an. Es duftet also schon ein bisschen nach Finale (oder gar Pokalsieg). Und nach noch mehr unverhofften Einnahmen.

In der Bundesliga liegt der Klub zwar auch mit Terzic, der die Mannschaft nach dem elften von inzwischen 24 Spieltagen übernahm, noch immer nicht auf einem der ersten vier Plätze, die den Champions-League-Startplatz auch für die nächste Saison garantieren. Aber in Dortmund sind sich fast alle inzwischen wieder ziemlich sicher, dass man den VfL Wolfsburg und/oder Eintracht Frankfurt schon noch einholen werde. Nur das Duo München/Leipzig scheint im Titelkampf enteilt zu sein.

Wie man hört, gehen Terzics Beliebtheitswerte in der Mannschaft durch die Decke

Die keimende Zuversicht beim BVB speist sich aus dem inzwischen völlig überarbeiteten Auftritt der Mannschaft, spielerisch, taktisch, vor allem kämpferisch. Unter Terzic hat Dortmund begonnen, die wichtigen Spiele zu gewinnen. Egal wie. In Leipzig mit 3:1, gegen Wolfsburg 2:0, im Pokal in Mönchengladbach 1:0, in der Champions-League in Sevilla 3:2 und im Derby auf Schalke 4:0. In München lief es am Ende nicht so gut, aber es fehlten in Sancho, Guerreiro, Reyna und nach einer Stunde dann auch Haaland diverse Stammkräfte.

Zwischenstand also: Im Prinzip hat Terzic eine Wende geschafft, ohne eine Vorbereitungsphase, einfach nur mit harter Arbeit unter der Woche. Wie man hört, gehen Terzics Beliebtheitswerte in der Mannschaft durch die Decke. Manchen ist er schon fast zu beliebt. Es erinnert ein bisschen an die ferne Zeit mit Jürgen Klopp. Nach dem Sevilla-Spiel sei erstmals seit Jahren wieder eine Art Party in der Kabine gestartet worden. Angeblich sogar mit Bier!

Seit Terzic die Regie übernahm, dessen Englisch nach seinen fünf Jahren in Istanbul und London - als Co-Trainer bei Besiktas und West Ham United - nahezu perfekt sein soll, haben sich die Leistungen und Marktwerte mehrerer BVB-Sorgenkinder auffällig verbessert. Beim Engländer Jadon Sancho vor allem, aber auch bei Mo Dahoud, der zuvor zwei Jahre lang unsichtbar zu sein schien, bei Jude Bellingham, 17, oder auch dem Kapitän Marco Reus, 31. Und selbst Erling Haaland hat sein Zwischentief überwunden - und in Gegners Strafraum wieder zu seiner längst global bestaunten Unwiderstehlichkeit zurück gefunden. Abwehrchef Mats Hummels prophezeit Terzic eine große Trainerkarriere. Nachfrage also: Was will man mehr?

Im Prinzip halt: den "absoluten Wunschtrainer". Wie man das im Überschwang so sagt. Mönchengladbachs Marco Rose übernimmt im Sommer. Aber der hat seit der Verkündung seines Wechsels nach Dortmund nur noch verloren. Im Prinzip jedenfalls. Gladbach ist inzwischen Zehnter, mit einer Mannschaft, die wie der BVB immerhin im Champions-League-Achtelfinale steht. Wenn der Trend nicht bald dreht, dann kommt Rose zerzaust in Dortmund an. Man wird dann wohl kaum mehr von den zwei Meistertiteln in Österreich sprechen, im beschaulichen und vom Red-Bull-Konzern gepamperten Salzburg, sondern vom Krisenmanagement in Gladbach. Man wird dann auf die frischen Erfolge schauen. Witzbolde stellen nicht nur im Internet bereits die Frage, ob man nicht besser Rose als Co-Trainer von Terzic ...

Frage an Radio Eriwan: Soll man einen erfolgreichen Trainer durch einen weniger erfolgreichen ersetzen? Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip nein. Aber im Fußball weiß man ja nie.

© SZ/hoe/jkn
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