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BVB:Scheitern in den absoluten Reizmomenten

Die Dortmunder ärgern sich darüber, dass es ihnen zwar gelingt, die Schwächen der Münchner aufzudecken - nicht aber, daraus ausreichend Kapital zu schlagen.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Die 87. Minute wäre es gewesen. Raphael Guerreiro flankt haargenau zu Marco Reus. Der steht mutterseelenallein im Bayern-Strafraum, nimmt den Ball volley und drischt ihn übers Bayern-Tor auf die menschenleere Südtribüne. Es wäre das 3:3 für Dortmund gewesen, trotz eines Manuel Neuer zwischen den Pfosten. Aber im Fußball ist der Konjunktiv eben immer wie gemacht für den Verlierer.

Von den letzten acht Bundesligaspielen gegen die Münchner hat Dortmund sieben verloren. Zuletzt war es wieder enger, mit einem 0:1 im Mai. Und auch im Supercup-Endspiel zu Saisonbeginn, das in diese Statistik nicht eingeht, gab es bei den Bayern ein 2:3, nach dem nicht wenige fanden, dass es eng war und eher ein gefühltes Remis. Das konnte man auch dieses Mal so sehen, nicht nur wegen des Fehlschusses von Reus. Der hatte seine Borussen kurz vor der Pause mit einem Kunstschuss noch in Führung geschossen.

Mats Hummels, nach kurzer Auszeit wegen Verletzung wieder dabei, konstatierte nach Abpfiff: "Alle Gegentore waren abgefälscht." Tatsächlich rutschten die Bälle dreimal ins Tor von Roman Bürki, und dreimal wären diese Versuche ohne die Ablenkung vielleicht nicht im Tor gelandet. "Es ist einfach so, dass Glück und Pech, vor allem in Spitzenspielen, oft ausschlaggebend sind", fand Dortmunds Abwehrchef. Klingt wie eine Binse, ist aber wahr.

Zugleich klagte Hummels aber auch, dass "uns heute die Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor gefehlt hat". Auch das stimmte. Reus scheiterte nicht nur kurz vor Toresschluss, sondern versemmelte auch nach 70 Minuten eine Riesenchance. Ebenso erging es Giovanni Reyna, und Erling Haaland klagte am meisten über sich selbst: "Ich muss die Dinger einfach reinmachen, dann hätten wir gewonnen." Mag sein, vielleicht hätte Haaland neben seinem Tor zum 2:3 noch ein, zwei seiner Läufe mit einem besseren Abschluss veredeln können. Auch das gehörte zum Komplex, dass die Bayern den Dortmundern immer ein wenig an Effektivität voraus sind und enge Spiele so verlässlich für sich entscheiden. Hummels analysierte das messerscharf. Und auch BVB-Trainer Lucien Favre stimmte ein: "Wir hatten viele Torchancen, die wir nicht genutzt haben. Das war unglaublich." Soweit das Klagen über fehlendes Glück - und über den Tick zu wenig Konzentration beim Abschluss.

Dortmund konnte tatsächlich dem Meister in vielen Belangen und nach den üblichen Spielbewertungs-Kriterien ein fast ausgeglichenes Spiel liefern. Die angekündigten Tiefenläufe, vor allem mit dem überragend explosiven Haaland, klappten erstaunlich oft und erstaunlich unbehindert. Hummels meinte: "Die Bayern waren offensiv stark, defensiv aber offen." Umso schlimmer für die Dortmunder, dass es zwar gelang, die Schwächen der Münchner aufzudecken, aber nicht, daraus ausreichend Kapital zu schlagen.

All das zusammen genommen rechtfertigt sehr wohl eine knappe Niederlage wie diese. Je intensiver Spiele werden, desto mehr kommt es auf jene Kleinigkeiten an, die zuletzt in Serie den Ausschlag für die Münchner geben. Besonders die ganz jungen Dortmunder konnten die Bayern zwar immer wieder in Bedrängnis bringen, aber Spiele wie dieses entscheiden sich eben in den wenigen, den absoluten Reizmomenten. Beim letzten Pass und beim Torabschluss leisten sich die Jungspunde des BVB immer wieder Fahrigkeiten. In dieser Kategorie sind die 25- bis 30-jährigen Münchner erkennbar überlegen. Und selbst den routiniertesten Borussen, Mats Hummels und Marco Reus, fehlte in den wichtigsten Augenblicken des Spiels die letzten Quäntchen Kaltblütigkeit. Reus, der bereits sein achtes Bundesliga-Tor gegen die Bayern schoss, ist am Ende eben doch kein echter Mittelstürmer wie Robert Lewandowski, der seit seinem Wechsel vom BVB nach München nun immerhin schon 17 Mal gegen seinen alten Verein getroffen hat. Der Unterschied liegt bei ihm nicht einmal mehr im Detail.

Erling Haaland, Lewandowskis wahres Pendant, ließ sich von der Momentaufnahme allerdings nur kurz beeindrucken. "Wir müssen noch härter arbeiten, um diesen letzten Schritt zu machen. Die Bayern sind das beste Team der Welt." Der Norweger fährt, wie die meisten Dortmunder, nun zur jeweiligen Nationalmannschaft und muss hoffen, sich auf der Dienstreise nicht irgendwo das Virus einzufangen und in Quarantäne zu müssen. "Und danach", sagte Haaland trotzig, "komme ich zurück, und dann werden wir versuchen, bis zum Jahresende jedes Spiel zu gewinnen." Siegermentalität ist das Letzte, was dem 20-Jährigen abgeht. Die Wucht seiner Antritte und Sprints ist bislang nur eine Verheißung auf das, was da noch kommt.

Für die meisten anderen im Dortmunder Lager hinterließ die Niederlage eher das schale Gefühl, es mal wieder nicht geschafft zu haben, obwohl vielleicht mehr drin gewesen war. Auf die Dauer wird es nicht nur das Fernsehpublikum langweilen, wenn es selbst im Spitzenduell der Liga immer nur denselben Gewinner gibt, egal, wie sehr die Dortmunder sich auch anstrengen. Die finanzielle Kluft zwischen beiden Klubs wächst zudem weiter. Ein Jahr, in dem den Bayern ein Topspieler (wie jüngst Thiago, wie demnächst vielleicht David Alaba) verloren zu gehen droht, ist in Dortmund der Normalfall. Auch diese Erkenntnis schmerzt beim BVB immer dann am meisten, wenn wieder so ein direktes Duell knapp, aber erklärbar verloren geht.

© SZ vom 09.11.2020
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