Videobeweis im Revierderby:Zwayer liefert den nächsten Video-Irrtum

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Videobeweis im Revierderby: Schwere Partie in Dortmund: Referee Felix Zwayer.

Schwere Partie in Dortmund: Referee Felix Zwayer.

(Foto: AFP)

Nach der umstrittenen Elfmeterentscheidung in Bremen folgt im Revierderby die nächste: Die Szene zeigt, wie sehr Schiedsrichter an der komplexen Handspielregel scheitern können.

Kommentar von Freddie Röckenhaus

In den Zeiten vor Einführung des sogenannten Videobeweises hätte sich die Entrüstung schnell gelegt. Experten hätten den Handelfmeter, den Schiedsrichter Felix Zwayer am Samstagnachmittag beim Stand von 0:1 zugunsten von Schalke 04 gegen Borussia Dortmund gab, vielleicht nicht als allein spielentscheidend, aber doch als wegweisend bewertet; am Ende der Saison womöglich sogar als wegweisend für die Entscheidung in der Meisterschaft. Aber man hätte Zwayer sicher bald entlastet: In der Kürze des Augenblicks sei es menschlich, Dinge vielleicht auch mal falsch zu beurteilen.

Dortmund sei halt zu unerfahren gewesen, um trotz einer solchen Fehlentscheidung das wichtig Spiel zu gewinnen. Der Videobeweis wurde aber im Sommer 2017 eingeführt, weil er für mehr Gerechtigkeit sorgen soll. Weil er tote Winkel verhindern und blitzartige Abläufe des immer schnelleren Spiels in der Zeitlupe transparent machen soll. Der angebliche "Beweis" ist zwar oft keiner, weil auch Videobilder oft nichts beweisen, sondern nur weitere Indizien liefern. Wer Videobilder aber interpretiert - ob als Videoassistent im Kölner (Überwachungs-) Keller oder als Schiedsrichter live im Stadion - der gerät tatsächlich unter einen viel größeren Wahrhaftigkeitsdruck, als das früher der Fall war. Damals, als man einen Schiedsrichter für beinahe jede noch so grobe Fehlentscheidung entlasten konnte oder musste.

Zwayer spricht von alternativloser Entscheidung

Am vorigen Mittwoch entschied der junge Schiedsrichter Daniel Siebert das Pokal-Halbfinale in Bremen zugunsten des FC Bayern. Mit einem Elfmeterpfiff für die Münchner, den der oberste Videochef des Deutschen Fußball-Bundes, Jochen Drees, kurz danach öffentlich als "schiedsrichterfachlichen Fehler" bewertete. Siebert hielt es nicht für erforderlich, sich die Videobilder am Spielfeldrand selbst einmal anzusehen, offenbar blindlings vertrauend auf offenbar konfuse Ansagen seines Video-Zuarbeiters Robert Kampka im Kölner Keller.

Geht man so mit einem Pokal-Halbfinale um? In dem einer wie Daniel Siebert eventuell noch nicht stressfest genug ist für diesen Job? Und was ist mit seinem Assistenten Kampka, der vom DFB im Nachgang von seinem nächsten Einsatz am Wochenende als Schiedsrichter-Assistent kurzfristig abgezogen wurde? Schiedsrichterkollegen und Fußballexperten jedenfalls waren sich selten so einig, dass Siebert und Kampka die Chance gehabt hätten, gemeinsam ihre Fehlentscheidung zu vermeiden.

Felix Zwayer dagegen, der am Samstag mit einiger Verspätung durch seinen Videoassistenten Guido Winkmann auf den Hand-Kontakt des Dortmunders Julian Weigl mit dem Ball hingewiesen wurde, fühlte sich vollends im Recht. Die Regel sei nun mal so, erklärte Zwayer in die Mikrofone. Der Elfmeter, der den Spielverlauf drehte, sei alternativlos gewesen. Da könne man nichts machen.

Kollegenschelte hat es vor dem Videobeweis nicht gegeben

Die einstigen Schiedsrichter-Autoritäten Torsten Kinhöfer und Markus Merk korrigierten Zwayer postwendend. Die Regel schreibe schon heute vor, dass auch eine "Absicht" des Spielers und eine "Vorhersehbarkeit" der Situation für den Spieler vorliegen müsse. Beides verneinten Kinhöfer und Merk; Zwayers Elfmeter sei "unmöglich" gewesen. Als Schalkes Embolo dem Dortmunder Weigl den Ball aus der Nahdistanz an den Arm donnerte, war Weigl keine Absicht zu unterstellen, außer der, im Wettstreit mit der Schwerkraft die Oberhand zu behalten.

Zwayer glaubte sich dennoch im Recht. Dabei zeigte die Szene vor allem eines: dass Zwayer bei dem Versuch scheiterte, die komplexe Regel mit ihren wichtigen Einschränkungen am Videobildschirm im Stadion schnell, regelkonform und sportgerecht anzuwenden.

Kollegenschelte wie jene für Zwayer hat es vor der Einführung des Videobeweises nicht gegeben. Das liegt auch daran, dass Top-Schiedsrichtern wie Manuel Gräfe oder Deniz Aytekin solche Fehler so gut wie nie passieren. Beide passen offenbar zum Videozeitalter, mit ihrer größeren Gelassenheit, Souveränität und einem sportaffinen Urteilsvermögen. Zeitenwenden sind manchmal so. Nicht alle Stummfilm-Stars haben es vor hundert Jahren zum Tonfilm geschafft. Manche Schiedsrichter werden nun an der Schwelle zum Videozeitalter scheitern. Wer sich im Leistungssport bewegt, muss sich an den Qualitäten der anderen messen lassen. Das gilt nun auch voll und ganz für die Zunft der Referees.

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