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Borussia Dortmund:Hummels arbeitet an seiner Bucket-List

Borussia Dortmund: BVB-Verteidiger Mats Hummels gegen Schalke 04

Endlich mal ein Tor im Revierderby! An diesen Plan kann BVB-Verteidiger Mats Hummels jetzt ein Haken machen.

(Foto: INA FASSBENDER/REUTERS)

Das legendäre Revierderby schrumpft auf einen nüchternen Arbeitstag zusammen. Am Ende rätselt der BVB trotz des 3:0 über sein wahres Leistungsvermögen.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Ein Minütchen gab es, in dem ein Hauch von Derby-Knistern aufkam. Das war, als Mats Hummels gerade einen wuchtigen Kopfball im Schalker Tor versenkt hatte, und als er danach bedeutungsvoll auf der Stelle stehen blieb. Erling Haaland, sowieso immer in emotionalen Höchstdrehzahlen unterwegs, rannte auf den Torschützen zu, dann brüllten sich die beiden gegenseitig ihre Begeisterung in die verzerrten Gesichter, dass die Aerosole nur so flogen. Man hätte für einen Moment lang denken können, es wäre Derby.

Ansonsten aber schrumpfte das sonst so überdrehte Spiel der Spiele auf einen nüchternen Bundesliga-Arbeitstag zusammen. Gerade mal 300 Zuschauer waren vom Gesundheitsamt zugelassen, und so gab es wenig zu jubeln und anzufeuern auf den Tribünen. 3:0 stand es am Ende für Borussia Dortmund gegen den Erzrivalen Schalke. In ein paar Minuten, genauer: zwischen der 55. und 61. Minute, war das Spiel entschieden, als zuerst der von seiner Corona-Infektion zurückgekehrte Manuel Akanji ein Abstaubertor zum 1:0 und dann Erling Haaland nach schöner Kombination mit Jadon Sancho das 2:0 erzielt hatten.

Spätestens da wurde klar, warum der alte Ruhrrivale nun schon seit 21 Spielen auf einen Sieg wartet. Wie eine wackere Amateurmannschaft hatten die Schalker eine Halbzeit lang verteidigt, zu mehr aber reichte es nicht. Und wer jene Statistik anschaute, die für Schalke bei null Torchancen in 90 Minuten endete, dem schwante, dass das Toreschießen für diese kaum vorhandene Offensive die ganze Saison schwierig bleiben könnte, auch gegen die kleineren Kaliber der Liga.

Alte Zweifel brechen beim BVB wieder auf

Für Mats Hummels persönlich bedeutete das Tor zum 3:0 etwas, obwohl das Spiel da schon entschieden zu sein schien. Dortmunds Ersatzkapitän kennt schließlich die Folklore um das Derby, und es war tatsächlich das erste Mal, dass ihm ein Treffer gegen Schalke gelang. "Das Derby-Tor war wirklich etwas, was auf meiner persönlichen Bucket-List ganz oben stand", sagte er. Bucket-List bedeutet in der Generation Hummels so viel wie: Dinge, die man im Leben noch gerne abhaken will. Dass der Rahmen der Spiele derzeit nicht wirklich berauschend ist, konnte Hummels für seinen speziellen Moment offenbar abhaken.

Wegen der augenfälligen Schwäche der Schalker wusste aber keiner bei Dortmund so recht, wie hoch man das Thema "Wiedergutmachung" nach der desaströsen Champions-League-Aufführung bei Lazio Rom am vergangenen Dienstag hängen sollte. Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl bejahte zwar ausdrücklich, dass das Derby für das klägliche 1:3 in Rom versöhnt habe, aber zugleich merkte man Kehl die Verunsicherung an, die auch schon die 0:2-Niederlage beim FC Augsburg erzeugt hatte. In Dortmund waren in den letzten Tagen alte Zweifel wieder aufgebrochen - auch die Zweifel an Trainer Lucien Favre, der eine bemerkenswert hohe Punkteausbeute in seinen annähernd zweieinhalb BVB-Jahren aufweist, aber nach Schlappen wie der gegen Lazio immer schnell in die Kritik gerät.

Favre hängt ein Stigma an

Gerade in wichtigen Spielen wirkt die Elf unter der Führung des Schweizers oft abwartend, passiv, zu wenig auftrumpfend und selbstbewusst. Dieses Stigma hängt Favre inzwischen deutlich an. Und es scheint durchaus ein Spiegel der Mentalität des BVB-Trainers zu sein. Das Anstacheln und laute Auftrumpfen sind sicher nicht Favres auffälligste Eigenschaften.

Das relativ leichte 3:0 gegen Schalke hat das Stirnrunzeln erst mal vertrieben; bis zum nächsten Mal. Am Mittwoch erwartet der BVB nun Zenit Sankt Petersburg, das in der ersten Champions-League-Runde zu Hause gegen den FC Brügge 1:2 verlor.

"... muss man um 20.15 Uhr abends halt Pro Sieben einschalten"

Favre hatte gegen Schalke mehrere Wechsel vorgenommen, auch durchaus interessante. Mats Hummels berichtete nach dem Spiel, dass sie mit dem Trainer intensiv über die - dann auch vollzogene - Rückkehr zur Viererkette in der Abwehr gesprochen hätten. "Es war klar, dass wir einen offensiven Spieler mehr brauchen, gegen eine enge Defensive", sagte Hummels, von dem man andererseits weiß, dass er sich vor einiger Zeit eher für den Wechsel zur Dreierkette stark gemacht hatte.

Ein System, das Favre an sich nicht favorisiert, das ihm aber offenbar von Mannschaftsleitung und führenden Spielern empfohlen wurde. Außerdem wechselte Favre zurück zum eigentlichen Stammtorwart Roman Bürki (nachdem Ersatzmann Marvin Hitz dreimal gespielt hatte) und verzichtete auf Stammspieler wie Marco Reus, Axel Witsel und den jungen Jude Bellingham. "Wir haben hier Konkurrenz, wie jeder überall Konkurrenz hat, genau wie Sie und ich auch", reagierte Favre für seine Verhältnisse fast giftig, als er danach gefragt wurde.

Mats Hummels war an diesem Abend offenkundig in Geberlaune und wollte Favre ein wenig in Schutz nehmen. "Wir sind hier in Dortmund durch sieben Jahre Pressekonferenzen mit Kloppo etwas verwöhnt", sagte Hummels, zweimal Meister unter Jürgen Klopp, "denn das waren ja eigentlich keine Pressekonferenzen, sondern Late Nights Shows." Favre sei eben eher in sich gekehrt, er gebe nicht viel preis. "Wenn man unterhalten werden möchte, muss man um 20.15 Uhr abends halt Pro Sieben einschalten." Am Samstagabend um viertel nach acht lief eine Folge der Spielfilm-Serie "Star Wars". Von Luke Skywalker zu Lucien Favre ist es wahrlich eine halbe Galaxis.

© SZ vom 26.10.2020/jbe
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