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Revierderby:Ein bisschen Gruseln

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Wieder einmal mit einer außergewöhnlichen Leistung: Erling Haaland guckt nach seinem Tor grimmig.

(Foto: INA FASSBENDER/AFP)

In einem fast leeren Dortmunder Stadion ist der BVB Schalke 04 viel zu überlegen, als dass wenigstens ein bisschen Derby-Stimmung aufkommen könnte. Nur Mats Hummels spricht von einem "Traumtag".

Von Ulrich Hartmann

Ein Revierderby, das nach exakt 90:00 Minuten abgepfiffen wird, kann seiner emotionalen Bestimmung nicht gerecht geworden sein, aber Schiedsrichter Felix Zwayer sah einfach keinen Anlass für Bonusminuten. Schalke 04 hatte jedenfalls bei Borussia Dortmund erwartungsgemäß deutlich mit 0:3 (0:0) verloren, damit haben die Königsblauen seit April 2019 kein Tor mehr gegen den BVB geschossen. Die Borussen hingegen rehabilitierten sich so halbwegs für die vorangegangene 1:3-Blamage in der Champions League bei Lazio Rom. Manuel Akanji, Erling Haaland und Mats Hummels erzielten die Treffer in den letzten 35 Spielminuten. Akanji war geradewegs aus der Corona-Quarantäne in die Startelf zurückgekehrt. "Zum Glück ging es mir während der Quarantäne sehr gut", sagte der Schweizer hinterher bei Sky.

Nicht gut geht es weiterhin den erfolglosen Schalkern. 21 Bundesligaspiele nacheinander haben sie saisonübergreifend nicht mehr gewonnen. Der bislang letzte Sieg, ein 2:0 gegen Mönchengladbach, datiert vom 17. Januar. 2020 immerhin. 21 sieglose Spiele nacheinander haben in der Bundesliga-Geschichte auch schon der 1. FC Kaiserslautern, Dynamo Dresden und Blau-Weiß 90 Berlin hinbekommen. Mehr schaffte lediglich das unvergessene Tasmania Berlin 1966 mit 31 sieglosen Spielen in Serie. Rein rechnerisch könnte Schalke diesen Rekord am 9. Januar 2021 gegen Hoffenheim einstellen, wenn sie bis dahin weiter nichts gewinnen.

"Das war mit dem Ball viel zu wenig", bemängelte der Trainer Manuel Baum, "wir haben teilweise gar nicht so schnell schauen können, wie die Bälle wieder weg waren." In der zweiten Halbzeit hatten die Schalker kaum Aktionen in der gegnerischen Spielhälfte. Aber nicht einmal Dortmunds Trainer Lucien Favre zeigte sich hinterher überschwänglich. "Es war ganz okay", sagte er ein bisschen lapidar, "es war schwierig, aber es war verdient."

Tagelang hatte vor dem Derby der übertragende TV-Sender Sky mit einem pathetischen Monolog von Ex-BVB-Trainer Jürgen Klopp geworben, ein Monolog, in dem Klopp so tat, als sei das Revierderby die größte deutsche Fußball-Sehenswürdigkeit schlechthin. Es mag Zeiten gegeben haben, in denen man diese Auffassung zumindest nachvollziehen konnte, doch das jüngste Duell in einem nahezu leeren Dortmunder Stadion (300 Zuschauer waren zugelassen) mit dem Zweitliga-Anwärter Schalke war phasenweise auch etwas für Halloween-Freaks. Viel zu häufig ging in der ersten Stunde irgendjemand schreiend zu Boden, und die Schalker standen oft zu acht, zu neunt am und sogar im eigenen Strafraum.

Nach dem miserablen 1:3 in Rom hatte Favre fünf neue Spieler in die Dortmunder Startelf gebracht, und es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass von diesen fünfen vier (Roman Bürki, Manuel Akanji, Mahmoud Dahoud, Julian Brandt) auch am 16. Mai in der Startelf gestanden hatten, als der BVB in der vorigen Saison das erste Geisterderby mit 4:0 gegen Schalke gewonnen hatte. Mit dem Rückkehrer Akanji in der Innenverteidigung neben Mats Hummels führte Favre die Viererkette wieder ein. Dahoud und Thomas Delaney bekamen auf der Doppelsechs den Vorzug vor Jude Bellingham und Axel Witsel. Der Innenverteidiger Emre Can fehlte wegen einer Corona-Infektion.

Bei Schalke fiel eine junge Achse auf, von hinten nach vorne spielten der 19 Jahre alte Malick Thiaw mit seinem Bundesliga-Startelf-Debüt, der 20 Jahre alte Kilian Ludewig mit seinem zweiten Bundesliga-Einsatz und in der Spitze der 20 Jahre alte Rabbi Matondo mit seinem allerdings schon 29. Bundesligaspiel. Die Schalker glänzten vor der Pause allenfalls durch Einsatz, fußballerisch agierten sie jedoch nur entsprechend ihrem Tabellenplatz (17). Die beste Dortmunder Chance der ersten Hälfte war in der 31. Minute ein 20-Meter-Schuss von Dahoud auf die Latte des von Frederik Rönnow gut behüteten Tors.

Mats Hummels erzielt sein erstes Tor in einem Revierderby

Bis zur 55. Minute hielt der Däne das Schalke Tor sauber, dann parierte er recht ansehnlich einen Flachschuss von Raphael Guerreiro, ließ den Ball dabei allerdings frontal abprallen und legte ihn damit Dortmunds aufgerücktem Innenverteidiger Akanji zum Vollzug hin. Der Schweizer hatte zuvor beim 1:0-Sieg in Hoffenheim und beim 1:3 in Rom wegen einer Corona-Infektion nicht mitspielen können, nun gelang ihm sein erstes Bundesliga-Tor seit zwei Jahren. Es war sein zweiter Treffer im 69. Bundesliga-Spiel - keine Bilanz, mit der er mit jenem Erling Haaland mithalten könnte, der sechs Minuten später mit seinem 18. Tor im 20. Bundesligaspiel für die Vorentscheidung im Derby sorgte. Von Jadon Sancho steil geschickt, überlupfte der Norweger den Dänen Rönnow aus steilem Winkel sehr versiert.

Es war längst klar, dass die Schalker diese Partie nicht mehr würden drehen können. Nicht zu denken war an so etwas wie das 4:4 nach 0:4-Rückstand im November 2017. Der damalige 4:4-Schütze Naldo saß am Samstag als Motivator auf der Schalker Bank, aber Motivation nützt nichts, wenn der Gegner qualitativ so viel besser ist wie diesmal die Dortmunder. Mats Hummels erzielte per Kopf (78.) den Treffer zum 3:0-Endstand. Es war sein erstes Tor überhaupt in einem Revierderby. "Dieses Derby-Tor hat mir in meiner Karriere ja wirklich noch gefehlt", sagte Hummels, "insofern war es ein absoluter Traumtag für mich." Das Traditionsduell wird also doch bei einem Spieler in bester Erinnerung bleiben.

© SZ/schm

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