Dortmund nach dem Pokal-Aus Vergrippt und zugenäht

Bedient: Die Dortmunder nach dem Elfmeterschießen.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Borussia Dortmund kassiert nach Atlético Madrid und Fortuna Düsseldorf gegen Werder Bremen erst die dritte Niederlage in dieser Saison und scheidet aus dem Pokal aus.
  • Den BVB erwischt eine Grippewelle. Beide Stammtorhüter fallen aus - Kapitän Marco Reus muss in der Halbzeit zudem mit einer Oberschenkelverletzung in der Kabine bleiben.
  • Als Ausrede für das 5:7 nach Elfmterschießen lässt Reus die Personalsituation aber nicht gelten.
Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Lucien Favre hustete und schniefte, seine Augen glänzten fiebrig. "Es ist schwer, dagegen zu kämpfen", sagte der Trainer von Borussia Dortmund, und für einen Augenblick war nicht ganz klar, ob er seine Erkältung meinte oder Werder Bremen. Der 61-jährige Schweizer nutzt für die Themenblöcke "Fußball" und "Katarrh" das gleiche Vokabular und war sozusagen im doppelten Sinne verschnupft nach dem Achtelfinal-Aus im Elfmeterschießen. Aber in dieser Nacht hing sowieso alles miteinander zusammen: die durchwachsene Leistung der eigentlich aktuell besten deutschen Fußballmannschaft und die Winterkrankheitswelle.

Ohne seine vergrippten Torhüter Roman Bürki und Marwin Hitz sowie ohne die unter den gleichen Symptomen leidenden Jadon Sancho und Marcel Schmelzer war der BVB ins Spiel gegangen. Zur Halbzeit verlor er wegen muskulärer Probleme dann auch noch seinen Spielmacher Marco Reus, den Torschützen zum 1:1 (45. Minute). Und so ging das insgesamt fast drei Stunden dauernde Pokaldrama am Ende verloren. "Ganz ehrlich: Dass Marco Reus zur Halbzeit raus musste, war eine Riesenschwächung für Dortmund", sagte Bremens Trainer Florian Kohfeldt weit nach Mitternacht beinahe flüsternd.

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Über Roman Bürki und Marvin Hitz hat Kohfeldt das nicht gesagt, vielleicht auch, weil es eher nicht an Eric Oelschlägel, 23, gelegen hat, dass Dortmund verlor. Am 0:1 in der fünften Minute konnte der Torwart Nummer drei aus der viertklassigen Regionalliga-Elf des BVB nichts machen, und dass er im Elfmeterschießen keinen der vier Bremer Schüsse abwehrte, muss man ihm auch nicht ankreiden. Oelschlägel, der im vergangenen Sommer aus der zweiten Mannschaft Werder Bremens in die zweite Mannschaft Borussia Dortmunds gewechselt war und am Dienstagabend zum ersten Mal überhaupt in einem nationalen Topspiel zum Einsatz kam, wirkte hernach einigermaßen aufgeräumt. "Enttäuschend" sei das Ergebnis schon, aber er habe den Abend "trotzdem schon auch ein bisschen genießen" können. "Seine Leistung war okay", sagte Favre hüstelnd, der Trainer bemühte sich aber gar nicht erst um tröstende Worte, sondern sagte deutlich, er hoffe, dass entweder Bürki oder Hitz am Samstag gegen Hoffenheim wieder zur Verfügung stehe.

Favres Urteil über jene Mannschaft, die unter seiner Leitung nach einer Niederlage in der Champions League (0:2 bei Atletico Madrid) und einer Niederlage in der Bundesliga (1:2 bei Fortuna Düsseldorf) nun erstmals auch im DFB-Pokal ein Spiel verloren hat, fiel speziell aus: "Unsere Leistung war interessant." So drückte sich früher auch der Fernsehmoderator Alfred Biolek aus, wenn ihm ihn seiner Kochsendung etwas überhaupt nicht geschmeckt hatte. Favres Spieler wussten fast zwei Stunden lang mit zwei Drittel Ballkontrolle nahezu nichts anzufangen, und dann, als sie in der Verlängerung zwei Mal in Führung gingen, öffneten sie für Werder gönnerhaft die Abwehr. Auf zwei Tore binnen 90-minütiger Regelzeit folgten vier Tore binnen 30-minütiger Verlängerung und sechs Tore im achtminütigen Elfmeterschießen. Die Dramaturgie der Nacht war fabelhaft, vielleicht auch deshalb klang der verletzte Verlierer Marco Reus halbwegs milde - aber nicht weniger kritisch.

Marco Reus vermisst das dreckige Spiel, und Borussia Dortmund vermisst Marco Reus

Es gab Zeiten, da hätte sich Reus mit allerhand Floskeln aus der heiklen Analyse eines solchen Spiels herauslaviert. Doch mittlerweile ist der gebürtige Dortmunder 29 Jahre alt, Mannschaftskapitän und werdender Vater. Reus nimmt kein Blatt mehr vor den Mund und sah die Leistung gegen Bremen kritisch. "Wir sind selbst schuld, wir haben uns ein bisschen dumm angestellt und müssen einfach cleverer sein." Spieler und Fans in Schwarz-Gelb haben sich fast durchgängig über die robuste Gangart der Bremer aufgeregt, immer wieder zeigten sich Publikum und Mannschaft geradezu eingeschnappt. "Da müssen auch wir dreckiger spielen", sagte Reus, "ich hoffe, dass wir daraus lernen."

Die nächste Gelegenheit dazu besteht am Samstag gegen Hoffenheim. Doch der Virus, der durch den Kader wandert, macht unwägbar, mit welcher Mannschaft Dortmund im 21. Ligaspiel auflaufen kann. Auch der Einsatz von Marco Reus bleibt ungewiss. Gegen Bremen war deutlich zu sehen, welche qualitativen Einbußen Ausfälle wie jene von Reus und Sancho fürs Dortmunder Offensivspiel bedeuten. Das ist auch die größte Gefahr für den BVB im Bundesliga-Titelkampf. Aber aus genau diesem Grund war Reus ja in der Pause auch aus dem Spiel gegangen. "Die Entscheidung ist mir schwer gefallen", gestand er, "aber wir haben uns mit Blick auf die kommenden Spiele und Wochen entschieden." Dann geht es um Meisterschaft und Champions League, und in diesen beiden Wettbewerben kann der BVB auf seinen Kapitän und Spielmacher erst recht nicht verzichten.

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