Süddeutsche Zeitung

BVB-Pleite in London:Wenn ein Spiel in der zweiten Minute endet

Borussia Dortmund verliert beim FC Arsenal und damit auch erstmals in dieser Saison in der Champions League. Der Gruppensieg scheint zwar nicht in Gefahr - doch Körpersprache und Form vieler Spieler sind sehr bedenklich.

Die gute Nachricht vorneweg: Es tat sich diesmal keiner weh, auch Blut und Tränen blieben aus. Solche Erkenntnisse sind viel wert in diesen Tagen, wenn es um die Geschicke des Fußballvereins Borussia Dortmund geht. Und damit zur schlechten Nachricht: Mit Schweiß alleine lässt sich dummerweise kaum bestehen in dieser verzwickten Champions League. Es war beim BVB ja viel um Kämpfertugenden gegangen zuletzt - so ist das oft, wenn in einer Mannschaft über längere Zeit wenig gut läuft.

Ausdrücklich hatte sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gewünscht, dass die Spieler sich auf die oben genannten Qualitäten besinnen. Als am Mittwochabend aber die verdiente 0:2-Niederlage beim FC Arsenal feststand, schlenderte der Dortmunder Klubboss genauso ratlos in den Teambus wie der Rest seiner Angestellten. Sagen wollte Watzke diesmal nichts, ein Blick auf seinen gut sitzenden, grauen Anzug verriet immerhin: Bei ihm hinterließ diese feuchte Londoner Nacht keine physischen Spuren.

Vieles gestaltete sich so wie immer in dieser komplizierten Saison für die Borussia. Eine ganze Reihe an Fehlern, dazu gleich mehrere Profis, die nicht ansatzweise ihr Potenzial abriefen. Und dann offenbarte sich noch ein Problem, das wohl nicht auf die Schnelle zu lösen ist: Diese sonst so enthusiastische Elf, deren Fähigkeiten unbestritten sind, ist im Moment sehr mit sich selbst beschäftigt. Verteidiger Neven Subotic bestätigte diese These, er sagte den bemerkenswerten Satz: "Wir nehmen uns nicht bewusst vor, zu verlieren - aber wir sind auch nur Menschen und nicht jedes Mal perfekt."

Von Perfektion war die Auswahl von Trainer Jürgen Klopp tatsächlich meilenweit entfernt - vor allem zu Beginn. Im Arsenal-Stadion wischten viele Zuschauer vor dem Hinsetzen noch die Regentropfen von ihren Sitzschalen, da geriet der BVB bereits durch plumpes Abwehrverhalten in Rückstand. Matthias Ginter kam gleich zweimal gegen Yaya Sanogo zu spät, sein versammeltes Kollegium schaute einem einfachen Doppelpass der Engländer zu, ehe Sanogo den Ball ins Tor spitzelte. Die Dortmunder Reklamationen wegen Abseits waren nachvollziehbar, aber nutzlos. Es lief gerade die 2. Minute - eigentlich war das Spiel damit gelaufen.

Klopp brachte es so auf den Punkt: "Es war der schlechteste Start, den man haben kann." Außenverteidiger Lukasz Piszczek hatte selbiges ausgemacht: "Das schnelle Gegentor hat das Spiel früh für uns zerstört." Es ließe sich nun einräumen, dass es auch schon Zeiten gab, in denen Dortmund solche Unwägbarkeiten des Fußballs einfach wieder gerade bog. Doch in dieser Verfassung ist die Mannschaft derzeit nicht.

"Heute waren wir nicht gut genug, es fehlt an Selbstvertrauen und Leichtigkeit", erklärte Klopp, der den Geschehnissen nur einen positiven Aspekt abgewinnen konnte: Der Gruppensieg ist kaum in Gefahr, denn Arsenal verpasste es, mit weiteren Toren den direkten Vergleich für sich zu entscheiden. Zwar gelang den Londonern dank eines feinen Zirkelschusses von Alexis Sanchez noch das 2:0 (57.), aber mehr Unheil als eine wohl unbedeutende Pleite brach über den BVB nicht herein. Im abschließenden Gruppenspiel gegen Anderlecht dürfte ein Unentschieden für Platz eins reichen.

Immobile: Mamma mia, das wird heute nichts

Festmachen lässt sich die Dortmunder Schwächephase an den Formkrisen vieler Spieler: Hinten mühte sich Marcel Schmelzer nach langer Pause um die richtige Balance, während sein Kollege Ginter mit der Wucht der Gegner bisweilen überfordert wirkte. Im Zentrum leistete sich selbst der sonst unerschütterliche Sven Bender einige Wackler und vorne trieb sich mit Ciro Immobile ein Stürmer herum, der schon nach zehn Spielminuten mit seiner Körpersprache signalisierte: Mamma mia, das wird heute nichts.

"Wir müssen jetzt durch diese Phase durch, es hilft nichts", sagte Subotic, der hinten noch einer der Besseren war, "ich befürchte nur, dass die ganzen Probleme nicht mit einem Mal gegessen sind." Bisher hatte sich die Dortmunder Krise mit den Absturz auf Position 16 ja vor allem in der Bundesliga manifestiert - jetzt erlebte der Klub auch auf internationalem Niveau einen Abfall.

Man darf sich um diese Elf getrost Sorgen machen, so fragil kommt sie dieser Tage daher. Oder wie Marcel Schmelzer es ausdrückte: "Es ist an der Zeit, dass wir wieder in die Spur finden. Dafür müssen wir uns alle zusammenreißen." Vielleicht ist das doch noch eine zweite gute Nachricht: Sie wollen es in Dortmund weiter versuchen.

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