BVB in der Champions League:Kung-Fu-Haaland überstrahlt alles

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Borussia Dortmund hat Manchester City 80 Minuten lang so gut es geht unter Kontrolle. Doch Erling Haaland entblößt eine von zwei kleinen Dortmunder Schwachstellen.

Von Freddie Röckenhaus

Für wahre Mittelstürmer zählen nur Momente eines Spiels. Nur die, die später in quälend langsamer Zeitlupe immer wieder vorbeiflimmern. Die Szenen eines Mittelstürmers sind wie das Setzen auf Rot oder Schwarz, Gerade oder Ungerade, Tor oder Aus. An diesem Abend hatte Erling Haaland nur 26 kurze Ballkontakte, nur zehn davon im Strafraum von Borussia Dortmund. Aber als er in der 84. Minute im Stile eines Kung-Fu-Kämpfers zwischen drei Dortmunder Spielern waagerecht in der Luft lag und den Ball mit der gestreckten Fußspitze ins BVB-Tor balancierte, zählte keine Statistik mehr. Nur die eine: 2:1 für Manchester City. The winner takes it all.

Zu erklären sind die Momente von Torjägern nicht. Dortmunds erfahrener Verteidiger Mats Hummels bilanzierte: "Erling Haaland ist eben Erling Haaland." Gegen ihn zu spielen, müsse heißen, ihn nie an den Ball kommen zu lassen. Das habe man in der gemeinsamen Zeit ja gelernt, als der lange Blonde für den BVB spielte. Manchesters Trainer Pep Guardiola schwärmte: "Wie er das Tor macht, diese Gelenkigkeit, das ist unglaublich. Ich habe damals Johan Cruyff spielen sehen. Haaland ist auch so ein ganz besonderer Spieler."

Und Haaland selbst? Grinste verschmitzt, aber zurückhaltend in die TV-Kameras. Dortmund habe eines der zwei besten Spiele gemacht, so lange er den Klub verfolge. Er habe am Ende mehr Druck gespürt, als er selbst von sich erwartete habe. "Aber als ich dann beim Aufwärmen Edin (Terzic) gesehen habe, Marco (Reus) und Jude (Bellingham; Anm. d. Red.), und gespürt habe, okay, ich spiele jetzt gegen die: Das fühlte sich komisch an." Nach seinem Tor gegen seine alten Kumpels aus Dortmund gelang Haaland zum Jubel nur ein vorsichtiges Heben des Armes.

Vor Haalands Auftritt hatte der BVB City am Rande einer Niederlage

"Ich hab halt lange Beine", kommentierte Haaland später schelmisch seine Kampfkunsteinlage, "und ich trainiere meine Gelenkigkeit." Auf die Frage, ob er davor nicht 80 Minuten lang ziemlich abgemeldet gewesen sei durch Dortmunds Verteidigerpaar Hummels und Niklas Süle, parierte der Norweger mit jener gelassenen Arbeitsplatzbeschreibung, die eben nur Mittelstürmer vorbringen können, die am Ende das Spiel entschieden haben: "Das ist mein Job, die ganze Zeit im Strafraum zu sein - und auf die Chance zu warten." Ob Haaland damit sagen wollte, dass er sich in drei Monaten bei einem der reichsten Klubs der Welt auch schon Zen-artige Geduld angeeignet hat, blieb im Raum stehen.

Das intergalaktische Staunen über Haaland, der in Dortmund in 69 Pflichtspielen 62 Tore erzielte und bei City in bisher acht Spielen schon zwölf, hätte sich allerdings relativieren lassen, wenn der Fußball nicht so auf Heldengeschichten stehen würde, dass ein Kung-Fu-Haaland dann alles andere überstrahlt. Dabei ging unter, dass Dortmund Manchester City im dritten Champions-League-Aufeinandertreffen zwar zum dritten Mal mit 1:2 knapp unterlag, zuletzt im Frühjahr 2021 im Viertelfinale, auch damals unter Edin Terzic. Aber City war klar am Rande einer Niederlage. Und hätte sie auch verdient gehabt.

Wenn man den komplexen Organismus des Spiels genauer analysierte, konnte man erkennen, dass City nicht allein wegen des Genieblitzes von Haaland am Ende das Spiel noch drehen konnte. Zum einen hatte das Ableben von Queen Elizabeth II. der Premier League und damit auch City ein spielfreies Trauer-Wochenende ermöglicht. Während der BVB sich mit dem direkten Rivalen RB Leipzig ein Abnutzungsduell liefern musste (und es auch noch 0:3 verlor). Hummels attestierte seinen Mitspielern, dass ab der 80. Minute die Kräfte schwanden. "Wir waren müde. Wir haben dann zwanzig Meter vor unserem Tor die Gegner einfach zu frei stehen gelassen, statt bis zur 95. Minute über die Grenzen zu gehen, wenn jeder Schritt wehtut."

Dortmund hatte seit der 56. Minute durch ein Tor von Jude Bellingham 1:0 geführt, und lange Zeit City so sehr kontrolliert, wie das mit dem Ensemble von Guardiola nur geht. Mag sein, dass dazu viel Extra-Laufarbeit nötig war. Aber als in der 80. Minute Citys John Stones dann aus 20 Metern auffällig unbedrängt abziehen konnte und der Ball zum 1:1 einschlug, war das der erste Schuss, der überhaupt auf das Tor von Ersatztorwart Alexander Meyer kam. Bis dahin hatte Dortmund Manchester mit einer Deckungstaktik wie ein Zentralmassiv gut abgeschirmt.

Champions League: John Stones trifft zum 1:1 gegen den BVB

City-Verteidiger John Stones (re.) schickt einen Schuss Richtung Dortmunder Tor, den Stammtorwart Gregor Kobel vermutlich gehalten hätte.

(Foto: Li Ying/Imago)

Den Schuss von Stones, so ungerecht es sein mag, hätte Dortmunds verletzter Stammtorwart Gregor Kobel vermutlich irgendwie gehalten. So wie Manuel Neuer üblicherweise selbst gegen einen wie Robert Lewandowski nicht nur die Bälle hält, die man als Klassetorwart eben hält - sondern noch etwas mehr. Kobel ist nicht Neuer, aber mit ihm hätte der BVB wohl noch ein paar Minuten der einsetzenden Müdigkeit überstanden. Und was dann?

War es eine gute Idee von Terzic, das System umzustellen?

Am anderen Ende der Aufstellung des BVB offenbarte sich die andere kleine Schwachstelle. Mittelstürmer Anthony Modeste, unfairerweise also das Pendant zu Erling Haaland, hatte einige gute Szenen im eigenen Strafraum und kämpfte mit seiner Statur und seinem Kopfballspiel gegen die Versuche der City-Spieler mit an. Offensiv aber wurden Modeste seine Grenzen aufgezeigt. Bälle festzumachen, der eigenen zweiten Reihe das Nachrücken zu ermöglichen - das gab es an diesem Abend nicht. Dortmunds gedachter Mittelstürmer Sébastien Haller wäre ein anderes Kaliber auf dem Platz. Aber er ist derzeit mit Chemotherapien beschäftigt, an Fußball ist nicht zu denken.

Und so hätte Dortmund noch aufzählen können, dass seine drei schnellsten Spieler, Donyell Malen, Karim Adeyemi und Jamie Bynoe-Gittens, entweder gar nicht oder erst spät in das titanische Ringen auf dem Rasen eingreifen konnten, und auch Gio Reyna, eben erst von einer fast einjährigen Verletzungsmisere zurückgekehrt, konnte die Offensivbemühungen noch nicht vorantreiben.

"Im Fußball geht's darum, dass man gewinnt", sagte Hummels frustriert, "und gut, hier in Manchester wäre ein Punkt auch noch gut gewesen. Wir hatten City bis zur 80. Minute genau da, wo wir sie haben wollten. Aber es war zu wenig, um das bis zum Ende durchzuziehen. Für den Rest können wir uns nichts kaufen." Sein Trainer Edin Terzic war vielleicht froh, dass man alles zuletzt dem fliegenden Genius von Haaland zuschieben konnte. "Es gibt nicht viele Spieler, die solche Bälle wie den zum 2:1 verarbeiten können."

Wieder zu Hause wird Terzic die Verletztenliste durchgehen und vielleicht überlegen, ob es eine wirklich gute Idee war, kurz vor den beiden späten Toren von Manchester noch das Spielsystem umgestellt zu haben, auf ein trügerisch besseres 5-4-1. Kurz vor Schluss ändert man wohl am besten nichts mehr. Am Samstag gegen Schalke 04, den Erzrivalen aus der Nachbarschaft, wird das System aber ohnehin schon wieder ein anderes sein.

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