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Dortmund-Trainer Edin Terzic:Der Hansi Flick des BVB

Fußball: 1. Bundesliga, Saison 2020/2021, Training von Borussia Dortmund am 03.08.2020 in Dortmund (Nordrhein-Westfalen; Edin Terzic

Edin Terzic: bisher Co-Trainer und nun zum Chef befördert

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Dass Dortmund nach dem Rauswurf von Lucien Favre nicht den nächsten Trainer-Guru verpflichtet hat, steht für eine Abkehr von Hysterie - aber nicht von großen Zielen.

Kommentar von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Vielleicht haben sie in Dortmund ja Glück. Vielleicht haben sie an diesem Wochenende ihren eigenen Hansi Flick gefunden, einen Assistenztrainer, der im Verborgenen schlummerte, dem man lange nicht den Chef zutraut, der fortan aber alle von den Beinen fegt. Edin Terzic, 38, war zwar kein großer Spieler, er agierte weit unter der Spielerkarriere des aktuellen Bayern-Trainers. Und der neue Coach von Borussia Dortmund war auch nicht Assistent des Weltmeistertrainers - wie Flick 2014. Aber vielleicht ist er ein Zeichen dafür, dass die Hysterie, die bei den Großklubs seit Jahren ausgebrochen ist, auch nichts anders ist als eben das: ein psychischer Defekt.

Manches spricht dafür, dass es etwas weniger Schnappatmung auch tut bei der Suche nach einem Übungsleiter. Der Trainer auf der Seite des VfB Stuttgart, gegen den Lucien Favre sein letztes Spiel historisch hoch mit 1:5 verlor, heißt Pellegrino Matarazzo. Ja, er war ein Jahr lang Assistent eines gewissen Julian Nagelsmann in Hoffenheim, davor aber einfacher Nachwuchstrainer in Nürnberg. Eine Biografie also einigermaßen unterhalb der Meriten-Liga der Guardiolas, Klopps, Mourinhos. Am Samstag aber führte seine Mannschaft die Dortmunder taktisch wie am Nasenring durchs leere Stadion.

Und was den Borussen noch mehr weh getan haben muss: Eingestellt hat beim VfB den vermeintlichen Nobody Matarazzo ein gewisser Sven Mislintat, der langjährige Talente-Schnüffler von Borussia Dortmund, dem sie beim BVB vor drei Jahren keine richtigen Aufstiegschancen mehr anbieten wollten, und der nun Sportdirektor in Stuttgart ist.

Matarazzo ist studierter Mathematiker, Mislintat studierter Sportwissenschaftler, genau wie sein ehemaliger Dortmunder Scoutingkollege Terzic. Und als Nagelsmann, 33, in Hoffenheim 2016 zum Chef beordert wurde - man erinnert sich kaum noch angesichts seines kometenhaften Aufstiegs - ,war auch er vorher nur Lehrling und Jugendtrainer.

Gute Laune kann Terzic schon mal besser verbreiten als Vorgänger Lucien Favre

Wahrscheinlich hätten sie in Dortmund schon wesentlich früher Konsequenzen ziehen müssen. Und sich trauen dürfen, einem ganz normalen Menschen ohne vermutete Qualitäten als Handaufleger oder Wasserwandler zu vertrauen.

Gerade Dortmunds junge Spieler könnten eine neue Orientierung bekommen. Gute Laune, das weiß man, kann Terzic in jedem Falle besser verbreiten als sein Vorgänger. Zugleich kommt es beim BVB auch darauf an, den von reicheren Klubs begehrten jungen Überfliegern eine Erfolgsperspektive zu geben. Typen wie Haaland, Sancho, Reyna, Bellingham, Brandt, Passlack oder Moukoko wollen hoch fliegen, Euphorie erleben, auf der Überholspur kicken. Das ist in ihrem Alter, von 16 bis 20 oder etwas mehr, noch einen Hauch wichtiger als das schnelle Geld. Dortmund hat nur eine Chance, diese Talente ein bisschen länger zusammenzuhalten: wenn sie mit dem BVB an großen Erfolgen zumindest nippen dürfen, wenn sie mal losgelassen werden.

Die Chefs des BVB haben lange gezaudert, das Kapitel mit dem Zauderer Favre zuzuschlagen. Eigentlich ganz sympathisch. Aber auch geprägt von der Angst, dass man ohne einen großen Trainernamen nicht standesgemäß besetzt wäre.

© SZ/cca/ska
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Von Freddie Röckenhaus

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