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BVB-Legende:Schon nach zehn Tagen Heimweh

Uli Hoeneß FC Bayern München gegen Dieter Hoppy Kurrat Borussia Dortmund

Ganz schön lange her: Dieter "Hoppy" Kurrat (rechts) im Zweikampf mit Uli Hoeneß vom FC Bayern in der Bundesligasaison 1971/72.

(Foto: imago/WEREK)

Dieter "Hoppy" Kurrat hat es selbst im Urlaub nie lange ausgehalten. Klar, dass er in seiner Profilaufbahn nie den Verein gewechselt hat. So sind 612 Pflichtspiele zusammengekommen.

Wenn Hoppy Kurrat mal in "Hoppys Treff" zu Abend isst, dann wählt er "Hoppys Leibgericht" aus. Die Karte braucht er dazu natürlich nicht. Dieter "Hoppy" Kurrat war 33 Jahre lang selbst der Wirt in "Hoppys Treff" in Holzwickede bei Dortmund. Vor fünf Jahren hat er die Gaststätte an einen neuen Wirt abgegeben. Hönes heißt der Mann, Karsten Hönes. Solche Geschichten schreibt wirklich nur das Leben.

Kurrat, 74, hat zwischen 1956 und 1974 ausschließlich für Borussia Dortmund gespielt und in seinen späten Profi-Jahren manches Duell mit Uli Hoeneß vom FC Bayern ausgefochten. Dass der neue Wirt seines Lokals fast genauso heißt wie der ehemalige Widersacher vom Erzrivalen Bayern München, ringt Kurrat heute nur noch ein Lächeln ab. An diesem Samstag wird er in Berlin sein und das Endspiel um den DFB-Pokal anschauen. "Wir ham ne Chance", sagt Kurrat in seinem Ruhrpott-Slang und fügt mit verstohlenem Grinsen hinzu: "Wär' nicht schlecht, wenn die Bayern mal eins auf'n Deckel bekommen."

Hoppy Kurrat darf so reden. In Dortmund geboren, hat er bei Hoesch eine Lehre zum Drahtzieher gemacht und später, weil das neben dem Fußballtraining leichter war, in der Registratur der Hansa-Brauerei gearbeitet. 1963 ist er mit dem BVB Meister geworden, 1965 Pokalsieger und 1966 Sieger im Europapokal der Pokalsieger. 50 Jahre ist der 2:1-Triumph gegen den FC Liverpool in Glasgow in diesem Mai her. In "Hoppys Treff" gibt es auch ein Steak "Liverpool" mit Pfeffersoße, aber das bestellt sich Kurrat nie. Er bleibt seinem Leibgericht treu, einem Filetsteak mit Spiegelei, Kräuterbutter und Reis. Das Steak isst er blutig. "Englisch", sagt er.

Ungefähr so haben sie am 5. Mai 1966 die Liverpooler verzehrt - wenn auch erst nach Verlängerung. Kurrat kann die Dortmunder Aufstellung von damals Mann für Mann im taktischen Gerüst aufsagen. Und auch an die Heimkehr erinnert er sich, als wäre es gestern passiert: der Flug nach Köln, die Busfahrt nach Dortmund-Hohensyburg und dann der Umstieg der Mannschaft in 20 Cabrios von "Fiat Schmidt". 300 000 Menschen haben die Straßen Richtung Borsigplatz gesäumt und ihre Fußballer bejubelt. Abends gab es Spargel mit Schinken im Gasthaus "Krone". Es war damals der erste Europapokalsieg einer deutschen Mannschaft überhaupt.

Hoppy - der Spitzname geht auf Hopalong Cassidy zurück, Held vieler Western

Ein bisschen haben sich die Dortmunder am 6. Mai 1966 gefühlt wie zwölf Jahre zuvor die Nationalelf, die als Weltmeister aus der Schweiz heimgekehrt war. "Na ja, ein bisschen größer war der WM-Titel schon noch gewesen", sagt Kurrat. Das Finale in Bern hat er als Zwölfjähriger in einem Fernseher in der Kneipe des Dortmunder Radrennfahrers Hans Pützfeld gesehen. Zwei Jahre später hat er sich, von Max Merkel entdeckt, Borussia Dortmund angeschlossen und sollte dem Verein für 612 Pflichtspiele bis 1974 treu bleiben. Atalanta Bergamo, sagt er, habe ihn mal verpflichten wollen. "Aber ich habe ja schon im Italien-Urlaub in Rimini nach zehn Tagen solch ein Heimweh bekommen, dass wir aus dem Hotel ausgebucht haben mit der Ausrede, daheim ist jemand gestorben."

Solch eine Heimatverbundenheit kennen Fußballer heute kaum mehr. Kurrat regt das nicht auf. Die Zeiten sind andere. Für 120 Mark im Monat hat er anfangs gespielt. Als 1963 die Bundesliga eingeführt wurde, hat sich sein Gehalt verzehnfacht. "Wir wurden halt 40 Jahre zu früh geboren". Obwohl Kurrat in den Ältestenrat von Borussia Dortmund berufen wurde und für sich und seine Frau Marga jede Saison eine Dauerkarte bekommt, gibt es wenig Kontakt zu den heutigen Profis. Spieler wie Mats Hummels hat er bei Heimspielen schon mal im Fahrstuhl getroffen, aber über eine Plauderei ging das nie hinaus. Dabei ist Kurrat doch ein Stück lebendige Geschichte. Die ist dem Klub vor allem in der Außenwirkung wichtig. "Goldene Zukunft braucht Vergangenheit", lautet ein Slogan, mit dem der BVB zurzeit auf Plakaten anlässlich des Jubiläums des Europapokalsieges von 1966 wirbt. Dass Hummels den BVB verlässt, nimmt Kurrat gelassen. "Bei ihm kann man's verstehen, er kommt ja aus München und hat seine Familie dort unten."

Wenn man Kurrat fragt, welcher seiner Titel ihm am meisten bedeutet, ob Meisterschaft, Pokal oder Europacup, dann weist er darauf hin, dass er 1976 als Spielertrainer ja auch noch deutscher Amateurmeister mit dem SV Holzwickede geworden sei. Titel ist Titel, ob in Holzwickede oder in Glasgow - da macht der Fußballpurist Kurrat keinen Unterschied. Ärgern könnte er sich noch manchmal, dass er kaum Erinnerungsstücke behalten hat. Trikottausch mit Gegenspielern wie Overath, Netzer, Suarez oder Eusébio war vom Klub aus Kostengründen streng verboten, und das gelbseidene Dortmunder Flutlichttrikot, das er einmal extra für sich behalten hat, das hat er eines Nachts in "Hoppys Treff" spontan einem BVB-Fan geschenkt. "Heute", sagt Kurrat, "ärgere ich mich."

Holzwickede östlich von Dortmund ist seit Jahrzehnten sein Lebensmittelpunkt. "Hallo Hoppy", hört er zigfach, wenn er die Hauptstraße hinunterspaziert. Hier muss er niemandem mehr erzählen, wie er als Achtjähriger an seinen Spitznamen gekommen ist. Mit dem Sammeln von Metall und Ziegelsteinen haben er und seine Freunde sich nach dem Krieg das Geld fürs Kino verdient und die Wildwestfilme um den Leinwandhelden Hopalong Cassidy angeschaut. "Hoppy hatte ein weißes Pferd, trug schwarze Klamotten und hatte immer zwei Pistolen im Gürtel - der war hellwach und blitzschnell", sagt Dieter Kurrat. "Der war wie ich."