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BVB-Krise:Nun sogar mit Slapstick

Stuttgart Deutschland 17 11 2017 1 Bundesliga 12 Spieltag VfB Stuttgart BV Borussia Dortmund

Weiß auch nicht mehr weiter: Mario Götze.

(Foto: imago/DeFodi)

Hannes Wolf stand regungslos im Mittelkreis. Der VfB-Trainer beobachtete aus sicherer Entfernung das Treiben seiner Spieler vor der Cannstatter Kurve. Die Fans feierten nach dem 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund am Freitagabend ausgelassen, Wolf dagegen zeigte keine Emotionen. Wie eine Statue stand er da. Was hinter seinem Rücken passierte, konnte Wolf nur hören. Er hörte Pfiffe für die Dortmunder Spieler, als sie sich dem eigenen Fanblock näherten. Wolf arbeitete sieben Jahre für den BVB als Jugendtrainer. Der Klub ist seine erste Liebe, er gewann mit den Junioren drei deutsche Meisterschaften, nun hat er seine erste Liebe in ernste Turbulenzen gestürzt. Die Dortmunder warten in der Bundesliga nun seit fünf Spielen auf einen Sieg. "Ich habe null Schadenfreude für den BVB", sagte Wolf hinterher, "ich freue mich nur für meine Mannschaft.

Die Partie gegen den clever und energisch verteidigenden VfB war ein Spiel, das die Dortmunder nicht so einfach aus ihren Köpfen kriegen werden, es wird ihnen noch eine Weile nachhängen. Vor allem das erste Gegentor passte zu den trostlosen und erfolglosen Wochen, die der BVB durchlebt, nachdem er die Bundesliga zunächst mit erfrischendem und begeistertem Offensivfußball aufgemischt und die Tabelle sogar mit fünf Punkten vor dem FC Bayern angeführt hatte. Doch diese bunte, schöne Welt liegt in etwa so lange zurück wie das schwarz-weiß-Fernsehen. War da wirklich ein 6:1 gegen Gladbach?

"Wir müssen den Karren nun selber aus dem Dreck holen"

Danach folgte der Absturz, nun herrscht Tristesse, und niemand weiß so recht, wie sie "aus der nicht gerade großartigen Situation", wie es Mario Götze euphemistisch umschrieb, wieder herauskommen wollen. "Wir müssen den Karren nun selber aus dem Dreck holen und als Mannschaft zusammenstehen", sagte zum Beispiel BVB-Kapitän Marcel Schmelzer und fügte hinzu: "Wir wollten alles hinter uns lassen, neu anfangen."

Doch dann mussten sie in der dritten Minute ein Gegentor hinnehmen, das er als "Slapstick-Ding" bezeichnete. Es war ein Tor, "das fast lächerlich ist", wie BVB-Trainer Peter Bosz anmerkte. Marc Bartra spielte einen Ball in der eigenen Hälfte zu Torwart Roman Bürki. Er hatte so einen Rückpass schon Tausendmal gespielt, aber diesmal misslang er, weil der Schweizer aus seinem Tor eilte und den Ball so nur mit dem Schienbein traf. Das sah ziemlich komisch aus, unbeholfen, weil VfB-Stürmer Chadrac Akolo sich den Ball schnappte und ihn ins leere Tor schob.

"Wir haben danach aber guten Fußball gespielt", sagte Bosz. Das stimmte sogar, die Dortmunder ließen sich von dem Gegentor nicht beeindrucken, sie kombinierten, mit viel Drang nach vorne. Nur beim letzten Pass im Strafraum schlampten sie. "Die Reaktion war da, das Ergebnis nicht", fand Bosz hinterher, "das war enttäuschend". Erst Sekunden vor der Halbzeitpause gelang den Gästen durch Maximilian Philipp der Ausgleich, nachdem André Schürrle mit einem Hand-Elfmeter zuvor an Ron-Robert Zieler gescheitert war. Doch die zweite Hälfte begann wie die erste, mit einem frühen Gegentor, Josip Brekalo tunnelte Bürki. "Du machst den Ausgleich, du nimmst dir in der Pause so viel vor und dann bekommst du wieder so einen Schlag", haderte Schmelzer. Es sind einfach zu viele Schläge in letzter Zeit, die die BVB-Fußballer hinnehmen müssen.

Überfordert das Hochrisikospiel die BVB-Profis?

Lag es in Stuttgart nun an Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang, der wegen Disziplinlosigkeiten fehlte? Oder womöglich am Trainer, der seine Spieler mit seinem unstrukturierten Hochrisikospiel überfordert? Kapitän Schmelzer antwortete ruhig auf diese Fragen, er hatte sie erwartet. Zu Aubameyang wollte er genauso wenig etwas sagen wie Mario Götze und zum Trainer hat er eine klare Meinung: "In der Mannschaft stellt sich die Trainerfrage nicht", betonte Schmelzer: "Nicht der Trainer macht die Fehler, die zu den Gegentoren führen. Er steht nicht auf dem Platz. Das liegt in unserer Verantwortung."

Schmelzer erwähnte irgendwann selber, dass er mit dieser immer wiederkehrenden Analyse allmählich alle langweilen würde. Aber was sei denn die Alternative, sie müssten halt weiterarbeiten, ruhig bleiben, ihm fällt auch nichts Fantasievolles mehr ein. "Uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen", sagte er plötzlich drastisch, "das bringt ja nichts."

Bosz lässt sich nichts anmerken

In Dortmund sind sie angesichts der Rückschläge in den vergangenen Wochen zunehmend genervt und ratlos. Am Dienstag steht nun in der Champions League das Spiel gegen Tottenham an, danach wartet in der Bundesliga der FC Schalke. Manche im Umfeld sprechen davon, dass da schon Bosz' Zukunft auf dem Spiel steht, auch wenn BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Suspendierung Aubameyangs voll unterstützte. Der Niederländer lässt sich - zumindest nach außenhin - nichts anmerken. "Wenn wir mit der gleichen Mentalität spielen wie nach dem ersten Gegentor, dann können wir das drehen", sagte er in Stuttgart. Das klang aber eher nach verzweifelten Satzbausteinen aus dem Floskel-Wörterbuch für Trainer als nach einer klugen Problemlösung.

Am Ende präsentierte Mario Götze dann doch noch eine Lösung für die ganze Misere: "Wir müssen am Dienstag gegen Tottenham gewinnen." Das sei die einzige Möglichkeit, hob er hervor, um da wieder rauszukommen. Aus der Krise, die für die Dortmunder keine ist. Eine Krise, in der VfB-Trainer Wolf ein wenig mitleidet.

© SZ.de/sonn

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