Dortmund im DFB-Pokal:Pflichtsieg vor 55 000 Sitzschalen

26.10.2021, Fussball, Saison 2021/2022, DFB Pokal, 2. Runde, Borussia Dortmund - FC Ingolstadt Die Mannschaft von Borus

Die BVB-Spieler bedanken sich nach dem Spiel vor der Südtribüne, die immerhin gut besucht war.

(Foto: Dennis Ewert/RHR/Imago)

So dünn wie die Zuschauerzahl ist auch der Unterhaltungswert des 2:0-Sieges gegen Ingolstadt. Der BVB fragt sich weiterhin, wo genau er in dieser Saison steht - und kämpft mit der Verletztenliste.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Dass die Zeiten vorbei sind, als schon der Betrieb des Rasengärtners die Massen ins Stadion zog, war an diesem Abend in Dortmund an lauter gut sichtbaren, leeren Plastikschalen zu sehen. 25 130 Zuschauer wollten den 2:0-Sieg des Bundesliga-Zweiten und Pokalsiegers Borussia Dortmund gegen den Zweitliga-Letzten FC Ingolstadt sehen. Ganz schön viel für ein DFB-Pokalspiel, bei dem man das Resultat schon vorher zu wissen glaubte. Aber zugleich auch der Bruch eines Zuschauer-Nimbus. Dass sich die BVB-Spieler nach dem Abpfiff wenigstens vor der gut besuchten Südtribüne ein bisschen Wärme abholen konnten, vor Corona als Gelbe Wand weltberühmt, war ein Trostpflaster.

Vor rund 55 000 leeren Plätzen hatte sich das ungleiche Spiel der ernüchternden Kulisse über weite Strecken angepasst. Das schien auf den ersten Blick an der langen Liste malader Borussen zu liegen, allen voran der immer wieder genannte Erling Haaland, der mit einer Blessur des Oberschenkels und des Hüftbeugers wohl noch eine Weile wird aussetzen müssen. Aber natürlich spielte Dortmund gegen die Ingolstädter mit ihrem frischen Trainer André Schubert immer noch mit einer Phalanx von Nationalspielern. Wer sich bei ausbleibendem Torerfolg nach 70 Minuten Einwechslungen von Marco Reus und Thorgan Hazard leisten kann, der spielt eben immer noch in einer ganz anderen Sphäre.

Jude Bellingham war mit 18 Jahren erneut bester Dortmunder

Hazard war noch keine zwei Minuten auf dem Spielfeld, als ihm das 1:0 gelang, auf Vorlage von Julian Brandt, und er war erst gut zehn Minuten im Spiel, als er zum 2:0 traf, erneut auf Vorlage von Brandt. Vorher hatte Dortmund durch Haaland-Vertreter Steffen Tigges und durch Jude Bellingham schon zweimal die Latte getroffen, sich aber sonst oft festgerannt oder festgespielt. Bellingham, erneut bester Dortmunder mit seinen gerade 18 Jahren, fasste es nach dem Spiel zusammen mit der modischen Fußballer-Phrase, dass man "lange genug Geduld gehabt" habe. Das klingt auf Englisch auch nicht viel charmanter als auf Deutsch, und es änderte wenig daran, dass hinterher eigentlich niemand im Stadion das Gefühl haben konnte, er habe etwas Wichtigem live beigewohnt.

Und so war der Pokal-Pflichtsieg irgendwie doch der Ausdruck einer etwas weichen Stimmungslage beim BVB. Trotz Platz zwei in der Liga und erreichtem Achtelfinale im Pokal. Spätestens seit der 4:0-Tracht Prügel bei Ajax Amsterdam in der Champions League weiß man nicht so recht, wo man eigentlich steht, ob die Saison bisher recht gut verlaufen ist, und ob man wirklich Chancen auf Titel hat. Die Verletzungen - nicht nur die von Haaland, sondern akut von Giovanni Reyna, Raphael Guerreiro, Mo Dahoud und anderen -, sie verunsichern zudem die Mannschaft, die doch eigentlich so hochgesteckte Erwartungen im Reisegepäck hat.

Der Belgier Axel Witsel schwappte ohne Antritt durchs Mittelfeld

Am Dienstagabend war es wie immer: Ja, da spielt eine Gruppe erstaunlich guter Fußballer zusammen. Aber den Punch, den man eben auch gegen strauchelnde Zweitligisten wie Ingolstadt braucht, diese Durchschlagskraft vermisst man bei Marco Roses Mannschaft.

Kein Wunder, dass da der betont physische Bellingham oder einer wie der lange abgeschriebene Marius Wolf die auffälligsten Typen beim BVB waren. Eigentlich sollte da, wo sich Dortmund sieht, ja die fußballerische Spitzenqualität den kleinen Unterschied machen. Rose konnte sie, mit Reus und Hazard, am Ende einwechseln, und auch Brandt brillierte ab und zu mit feinen, unberechenbaren Pässen. Andererseits schwappte ein Routinier wie Belgiens EM-Star Axel Witsel ohne Antritt durchs Mittelfeld.

Viele in Roses Truppe haben sich nach Verletzungen mühsam wieder zur Einsatzfähigkeit zurückgerobbt. Dazu gehört auch Witsel, der Monate vor der EM im Sommer einen Achillessehnenriss überstehen musste. Dazu Hazard, Mats Hummels, Emre Can oder Thomas Meunier, die alle nach Verletzungen noch nicht bei hundert Prozent sind. Die Suche nach den Ursachen sei, wie Rose meinte, "wie eine Suche im Heuhaufen". Man mache Präventionstraining, versuche Belastungsteuerung, wie dieses Mal mit dem Startelf-Verzicht von Reus und Hazard. "Aber wenn du Spieler fragst", meinte Rose lakonisch, "ob sie fit sind, dann werden sie dir immer sagen: Klar, ich kann spielen." Das alles hindert den BVB nicht, eine Mannschaft wie Ingolstadt aus dem Pokal zu werfen. Aber viel mehr als die Pflicht geht wohl gerade nicht.

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