BVB in der Champions League:Dramaqueen Dortmund

Dieser Verein kann nur Drama: Borussia Dortmund verschleudert beste Chancen und steht knapp vor dem Abstieg in die Europa League - dann trifft Kevin Großkreutz mit einem "erwürgten Tor". Die Mannschaftskabine in Marseille wird spontan zur Partyzone erklärt.

Von Felix Meininghaus, Marseille

Kurz vor Mitternacht bekam Christian Schulz einen eminent wichtigen Auftrag: Der Busfahrer des BVB musste aus akutem Anlass Kaltgetränke besorgen, und dieser Pflicht kam er nur allzu gerne nach: Wenige Minuten, nachdem der Partybeauftrage von seiner Mission erfahren hatte, meldete er Vollzug und tauchte in den Katakomben des Stadions von Marseille mit einer gelben BVB-Plastiktüte auf, die prall mit Bierflaschen gefüllt war.

In der Kabine von Borussia Dortmund fand eine Spontanparty statt. "Wir haben gesungen und ein bisschen was getrunken", verkündete Kapitän Sebastian Kehl, als er sich später bei den Journalisten zum Gespräch einfand.

Das Happening wird nach dem dramatischen 2:1 (1:1) der Dortmunder in der südfranzösischen Hafenstadt noch weitergegangen sein, weil Jürgen Klopp seinen Spielern volle Rückendeckung gab. "Im Hotel ist sowieso Happy Hour", sagte der BVB-Trainer: "Nicht, dass wir einen saufen würden, aber ein Bierchen ist sicher erlaubt." Die Steilvorlage nahm Kevin Großkreutz auf und interpretierte sie zu seinen Gunsten: "Ein, zwei Bierchen, dürfen wir heute trinken, und das werde ich mit Sicherheit tun.

Wenn ein Protagonist an diesem Abend die Berechtigung hatte, diese Forderung zu stellen, dann war es der Außenverteidiger. Der Ur-Dortmunder war der Held einer Nacht, die der verrückten Europapokal-Geschichte des BVB in den vergangenen Jahren ein weiteres Kapitel hinzufügte: Robert Lewandowski brachte die Borussia früh in Führung (4. Minute), nach dem Ausgleich von Diawara (14.) taumelte der Revierklub am Abgrund und befand sich sogar im freien Fall, als der Konkurrent aus Neapel im Parallelspiel gegen Arsenal in Führung ging.

"Die Anzeigetafel ist ja groß genug", berichtete Marco Reus, die Spieler wussten also, dass sie dringend reagieren mussten. "Wir hatten genügend Chancen", sagte der Stürmer, "und kriegen den Ball nicht rein." Ein Tor musste her, und das fiel ganz am Schluss, als der Abstieg in die Europa League beinahe besiegelt schien. Dramaqueen Dortmund.

Es ist wohl tatsächlich so, dass Borussia Dortmund nicht in der Lage ist, einfache Siege einzufahren. Es geht in diesem Verein offenbar nur mit Drama, die leichte Tour scheint quasi ausgeschlossen. Aus der vergangenen Saison sind noch die nervenaufreibenden Duelle mit Málaga und Madrid in bester Erinnerung, jeweils mit besserem Ende für den BVB. In Madrid schloss sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sogar auf der Toilette ein, weil er es nicht mehr aushielt.

Starkes Debüt von Sarr

Auch in Marseille erspielte sich der BVB nach der gelb-roten Karte für Payet eine Stunde lang unglaubliche Gelegenheiten und schaffte es dennoch nicht, die Partie frühzeitig zu entscheiden. Błaszczykowski verpasste per Kopf, Mchitarjan schaffte es nicht, den völlig freistehenden Lewandowski zu finden, Reus knallte den Ball an den Pfosten und Lewandowski vollbrachte das Kunststück, den Ball aus kürzester Distanz am rechten Pfosten vorbeizuschieben.

"Wir hatten Chancen für drei Spiele, da wurde es ja langsam Zeit, dass dann mal einer reingeht", berichtete Sportdirektor Michael Zorc. "Wir haben ganz viel richtig gemacht", wusste auch Klopp, "um dann das Entscheidende falsch zu machen."

Tatsächlich ist es schon oft schiefgegangen, wenn eine Mannschaft ihre Chancen dermaßen fahrlässig verschleudert. Dieses Mal klappte es, weil ausgerechnet der Ball zum 2:1 ins Tor rollte, der die geringste Erfolgsaussicht hatte (87.). "Der ist mir abgerutscht, und dann rutscht er rein", berichtete Großkreutz, und sein Trainer ergänzte: "Wir haben durch ein erwürgtes Tor das Schicksal erzwungen."

Dieses Spiel hatte mehrere Helden. In erster Linie natürlich Großkreutz, der den entscheidenden Treffer setzte, drei Minuten vor Schluss. Aber auch Nuri Şahin, der trotz eines Außenbandanrisses auflief und eine starke Leistung bot. Oder Marian Sarr, der sein erstes Spiel für die Profimannschaft absolvierte, gleich in der Champions League, und überzeugte.

"Den Jungen zeichnet eine unheimliche Ruhe am Ball aus", lobte Zorc. Klopp adelte den 18-jährigen Innenverteidiger mit den Worten: "Ich kann mich nicht erinnern, dass er einen entscheidenden Zweikampf verloren hat."

Der Teenager darf also wiederkommen und wird dann in einer Mannschaft verteidigen, die glänzende Perspektiven besitzt, wenn all die Verletzten mal wieder zurückgekehrt sein werden. Borussia Dortmund hat die erste Phase der Champions League in einer "brutalen Gruppe" (Zorc) nicht nur erfolgreich, sondern sogar als Gruppensieger bestanden. Ein Umstand, der dem börsennotierten Klub mehr als fünf Millionen Euro an zusätzlichen Einnahmen beschert.

Diese Nachricht bewegte Jürgen Klopp allenfalls am Rande: "Damit habe ich mich ehrlich gesagt überhaupt nicht beschäftigt", verkündete der Trainer am Ende eines aufregenden Abends: "Ich bin einfach nur überglücklich, dass wir in der Champions League noch mitspielen dürfen."

© Süddeutsche.de/ebc
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