Siegtreffer in der Nachspielzeit:Haaland gruselt Hoffenheim

Bundesliga - Borussia Dortmund v TSG Hoffenheim

Freestyle-Jubel: Erling Haaland nach dem 3:2.

(Foto: Leon Kuegeler/Reuters)

Dank eines unnachahmlichen Tores des Norwegers gewinnt Borussia Dortmund gerade noch so mit 3:2. Trainer Marco Rose sieht noch viele Baustellen - die größte in der Abwehr.

Von Ulrich Hartmann

Die Jubel-Figur "Norwegischer Hampelmann" hat es in der Fußball-Bundesliga so noch nicht gegeben. Für einen Film mit Anspruch auf historisch-zeremonielle Vollständigkeit wird man Erling Haalands anarchischen Zappelphilipp in der Seitwärtsbewegung unbedingt benötigen. Der Freitagabend und die Spielzeit waren bereits vorgerückt, als der Norweger in der ersten Minute der Nachspielzeit den Treffer zu Borussia Dortmunds 3:2 (0:0)-Sieg gegen die TSG Hoffenheim erzielte. Daraufhin entfuhr seinem Leib jegliche Muskelspannung und man sah ihn mit der Körpersprache eines überdrehten Geisterbahn-Skeletts irre grinsend über den Rasen klappern. Den Hoffenheimern war entsprechend gruselig zumute.

Nach fünf Torbeteiligungen beim 5:2-Sieg zum Liga-Auftakt gegen Eintracht Frankfurt hatte Haaland sich beim 1:3 im Supercup gegen Bayern München sowie bei der 1:2-Niederlage in Freiburg rein statistisch zurückgehalten. Gegen Hoffenheim drohte dem 21-Jährigen schon das dritte Pflichtspiel nacheinander ohne Scorerpunkt, aber als kaum noch jemand damit rechnete, gelang ihm mit unnachahmlichem Durchsetzungsvermögen dieses umso bedeutsamere Tor.

Sein Trainer Marco Rose nahm den anschließenden Tanz-Battle an und hüpfte derart überschwänglich und fäustewerfend die Außenlinie entlang, dass Jürgen Klopp sich noch was abschauen kann. Nach dem Spiel erklärte Rose seine Erleichterung: "Es gibt schon echt noch 'ne Menge, woran wir arbeiten müssen, aber der Sieg gibt uns dazu Ruhe und Zeit."

Woran es zu arbeiten gilt, ist beim BVB leicht aus den nackten Resultaten ersichtlich. Zwei Gegentore gegen Frankfurt, drei im Supercup gegen Bayern München, zwei in Freiburg und jetzt wieder zwei gegen Hoffenheim. Das ist keine überzeugende Abwehrarbeit und erfordert vorne zum Gewinnen umso mehr Treffer. Fünf gegen Frankfurt und nun drei gegen Hoffenheim waren genug dafür, nur je ein Treffer gegen Bayern München und in Freiburg bedeuteten hingegen Niederlagen. Wackelig wie eine neugeborene Giraffe ist der BVB noch in der Frühphase der neuen Saison.

Die Schlussphase hatte es aber sowieso in sich: 42 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit glich Munas Dabbur zum 2:2 für Hoffenheim aus, ein von Dortmund schlecht verteidigter Eckball. Aber nach 53 Sekunden in der Nachspielzeit schoss Haaland den Treffer zu jenem Sieg, der Dortmund vor 25.000 Zuschauern zumindest über Nacht an die Tabellenspitze der Bundesliga hievte.

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Erling Haaland jagte den Ball mit enormer Wucht unter die Latte.

(Foto: Sascha Meiser via www.imago-images.de/imago images/Jan Huebner)

Der anfänglich auffälligste schwarz-gelbe Faktor im Spiel war jener gewesen, dass der Mann in Schwarz, Felix Zwayer, früh viele gelbe Karten an Hoffenheim vergeben musste: an Christoph Baumgartner nach zehn Sekunden (!), an Stefan Posch nach sechs Minuten und an Dennis Geiger nach 19 Minuten. Die Gäste wollten ihren Gastgebern den Schneid abkaufen, stibitzten ihnen aber eher auf unrühmliche Art Tempovorteile und sorgten damit für einen gewissen Unmut beim BVB-Personal.

Der danach auffälligste schwarz-gelbe Faktor war die Dominanz der Westfalen, die Hoffenheim an den eigenen Strafraum drängten, aus dem einen oder anderen guten Pass in den Rücken der TSG-Abwehr aber kein Kapital schlugen. Trotz der drückenden Dortmunder Überlegenheit ging das torlose Remis zur Pause in Ordnung, weil Andrej Kramaric mit einem Kopfball ans Lattenkreuz (3.) und Baumgartner mit einem Flachschuss an den Fuß vom Torwart Gregor Kobel (39.) für Hoffenheim die beiden besten Chancen der ersten Halbzeit hatten.

In der Abwehr fehlen zahlreiche Stammkräfte

Rose spricht nach wie vor von einer "Baustelle", die man da hinten habe, weil mit Mats Hummels weiterhin verletzt der Abwehrchef fehlt und mit Emre Can und Dan-Axel Zagadou relevante Alternativen. Obwohl auf den Außen der Viererkette mit Thomas Meunier und Raphael Guerreiro zwei Stammkräfte in die Startelf zurückgekehrt waren, musste innen der eher positionsfremde Axel Witsel wieder an der Seite von Manuel Akanji aushelfen.

Die Chance, aus der Giovanni Reyna in der 49. Minute die 1:0-Führung für Dortmund erzielte, war gar keine richtige. Jude Bellingham hatte ihm den Ball zugeschoben, und Reyna zog aus 15 Metern einfach mal ab. Weil er mit seinem Schuss genau die Lücke fand zwischen den Hoffenheimer Innenverteidigern Stefan Posch und Kevin Vogt, sauste der Ball unhaltbar für den Torwart Oliver Baumann ins Netz.

Auf der Baustelle hinten war aber noch längst nicht Feierabend. In der 59. Minute scheiterte beim Alleingang aufs BVB-Tor Kramaric noch am fabelhaften Torwart Kobel, allerdings war letzterer chancenlos, als Baumgartner in der 61. Minute - von Geiger mustergültig in Szene gesetzt - aus spitzem Winkel zum 1:1-Ausgleich einschoss.

"Werbung für den Fußball", nennt Hoeneß den Abend

Bellinghams Treffer zum 2:1 in der 69. Minute, ein präziser Schuss von der Strafraumgrenze ins linke Tor-Eck, schien die Partie bereits zugunsten der Dortmunder zu entscheiden, weil Hoffenheim seine anschließende Dominanz nicht in Tore umzuwandeln wusste. Doch im Anschluss an eine Ecke in der 90. Minute gelang Dabbur doch noch jener Ausgleich, der eineinhalb Minuten später allerdings schon wieder Makulatur war.

Als "Werbung für den Fußball" lobte Hoffenheims Trainer Sebastian Hoeneß den Abend. Vom Ergebnis enttäuscht, nannte er sich dennoch stolz auf die Leistung seiner Mannschaft. Er klang sogar stolzer als Rose, von dem vor allem Erleichterung zu vernehmen war.

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