2:2 gegen Bremen:Der BVB stellt sich Grundsatzfragen

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Bedient: Marco Reus nach dem 2:2 gegen Bremen. Im Hintergrund debattieren Roman Bürki und Axel Witsel. (Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Borussia Dortmund lässt gegen Werder Bremen wieder Punkte liegen.
  • Hinten ist der BVB anfällig bei Standards, vorne fehlt die letzte Konsequenz.
  • Schon in der vergangenen Saison plagten die Borussia ähnliche Probleme.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Florian Kohfeldt strahlte. Das Unentschieden fühlte sich "wie ein Sieg an", und damit beschrieb der Trainer von Werder Bremen nicht nur die eigene, sondern auch die allgemeine Stimmungslage - mitsamt jener des Gegners. Denn auf der Gegenseite, bei Borussia Dortmund, hinterließ das 2:2 dasselbe Gefühl, nur andersherum. Mit den erneuten Punktverlusten, genau wie vergangene Woche beim 2:2 in Frankfurt, steht für den Meisterschafts-Aspiranten BVB nun erst mal der schlechteste Saisonstart seit fünf Jahren zu Buche. Und nach bereits neun Gegentoren und zuletzt zwei verschenkten Führungen gegen zwei eher im Mittelmaß steckende Gegner (Frankfurt und Bremen) wird den Dortmundern allmählich mulmig zumute.

Torwart Roman Bürki grantelte nach dem Spiel, dass seine Kameraden "nicht wie Männer gespielt" hatten. Das sei Fußball, der nett anzuschauen sei, aber vorne fehle der "Killerinstinkt", so Bürki, und hinten würde oft nicht "dorthin gegangen, wo es auch mal weh tut". Als Bürki Dampf abgelassen hatte, begann der gewohnte Statement-Marathon beim BVB. Axel Witsel, vor mehr als einem Jahr geholt, um der vom Klub-Management attestierten mangelnden "Mentalität" der BVB-Elf auf die Sprünge zu helfen, verneinte, dass die schwachen Ergebnisse mit mangelndem Biss zu tun hätten. Eher fehle die Qualität, wenn man Torchancen nicht verwerte oder einfache Gegentore zulasse.

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Der Rückstand auf die Tabellenspitze, die mit der ausgerufenen Mission Meisterschaft zwingend verbunden ist, beträgt zwar erst drei Punkte. Aber die Unzufriedenheit in Dortmund verschaffte sich erstmals sogar durch ein leichtes Pfeifkonzert nach dem Schlusspfiff Gehör. Das kennt man im Dortmunder Stadion so eigentlich nicht, selbst nach bescheidenen Aufführungen. Die Rede von Kapitän Marco Reus, der nach dem 2:2 in Frankfurt schlagzeilenträchtig gesagt hatte, man solle ihn mit "diesem Mentalitätsscheiß" in Ruhe lasse, hatte offenbar so manchen Zuschauer hellhörig und auch ein wenig nachdenklich gemacht. Diesmal musste Reus eingestehen, dass man "etwas ändern würde - wenn wir wüssten, woran es liegt".

Favres Spiel ohne Mittelstürmer kriselt auch gegen Bremen

Zum Beispiel bei der Frage, warum sich der BVB bei Standardsituationen Gegentore wie am Fließband fängt. So war das auch gegen Werder wieder, als Marco Friedl nach einer Eckball-Verlängerung von Sargent mit Leichtigkeit das zwischenzeitliche Dortmunder 2:1 ausgleichen konnte. Zuvor hatten Mirot Rashica für Bremen sowie der erstmals in die Startelf aufgenommene Mario Götze und Reus getroffen.

Im Gegensatz zu Dortmunds Anführer Reus, der seine Mannschaft "in der zweiten Halbzeit nicht mehr gut" gesehen hatte, fand Trainer Lucien Favre, Dortmund habe "eigentlich ein gutes Spiel gemacht", aber die Gegentore seien unnötig und unerklärlich gewesen. Der Großteil der neutralen Beobachter hätte sich wohl eher der Version von Reus angeschlossen. Dortmund hatte das Spiel bis zur Halbzeitführung scheinbar im Griff, aber dann sorgte Bremens Trainer Kohfeldt mit einer weiterhin offensiven und aggressiven Ansage für eine Wende. Der Bremer Coach berichtete nachher nicht ohne Stolz, dass er seinen Spielern nur eine einzige schlechte Verteidigungs-Szene in der Halbzeit per Video vorgeführt und ihnen ansonsten eingetrichtert habe, weiterhin mutig den BVB unter Druck zu setzen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kohfeldt die zaudernde Grundtendenz der Dortmunder dechiffriert hatte - in der vergangenen Saison warf Bremen den BVB an gleicher Stelle sogar aus dem Pokal-Wettbewerb. Ob das eine Mentalitätsfrage bei Dortmund sein könnte, ist eine andere Frage. Aber wer die qualitativ so hoch eingeschätzten Borussen beschäftigt und auch physisch unter Druck setzt, der hat der vermeintlichen Wucht der BVB-Offensive schon viel von ihrer Schärfe genommen. Fast hätte man am Samstag glauben können, dass Kohfeldt die spielerisch überlegen besetzte Mannschaft coachte, und nicht sein Pendant Favre.

Die Unaufmerksamkeit bei an sich trainierbaren Standard-Situationen hat Dortmund schon im vorigen Jahr zu schaffen gemacht. Und die vom eigenen Torwart Bürki monierte Laschheit im Abschluss oder beim letzten Pass, ist auch kein neues Phänomen bei den Borussen.

Mario Götze bot eine sehr ansprechende Leistung im ersten Spiel, in dem Favre ihn für den zuletzt abgetauchten Paco Alcacer einsetzte. Seine frappierende Ballsicherheit verschaffte Dortmunds Spiel Tiefe: Götze ist anspielbar und verliert selten Bälle - im Gegensatz zu Alcacer. Aber die Philosophie Favres, ohne einen echten Mittelstürmer-Typus à la Lewandowski zu spielen, scheint auch die typische Gefahr mitzubringen, dass es den vielen Mittelfeldspielern in Favres System bisweilen an Durchschlagskraft fehlt. "Typen" werden nicht umsonst Mittelstürmer, es scheint fast eine Frage der DNA zu sein, ob jemand in seinem Fußballerleben Mittelstürmer oder doch eher Mittelfeldkünstler wird.

Das erklärt auf den ersten Blick nicht die frappierenden Gegentore des BVB. Aber wer die Psychologie des Fußballs lesen kann, der weiß, was es bedeuten kann, wenn man vorne die Tore nicht selber schießt. Solche Weisheiten des Fußballs sitzen tief - Dortmund muss sich schon nach sechs Spieltagen damit herumschlagen: am Mittwoch in der Champions League bei Slavia Prag und am Wochenende dann in Freiburg.

© SZ vom 30.09.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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