BVB in der Bundesliga:Zur Gala gibt´s Tränen

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BVB in der Bundesliga: Bester Dortmunder am Sonntagabend: Marco Reus, zwei Tore selbst gemacht, drei vorbereitet.

Bester Dortmunder am Sonntagabend: Marco Reus, zwei Tore selbst gemacht, drei vorbereitet.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Famoser Reus, Entwarnung bei Reyna, aber weitere Verletzte: Dortmunds Achterbahnsaison führt nach dem 6:0 gegen Gladbach direkt nach Glasgow - dort wird eine große Leistung nötig sein.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Schmerz und Freude sind engere Verwandte, als man gemeinhin denkt. Und so war das eindringlichste Bild, das vom 6:0-Triumphzug der Dortmunder Borussia gegen den Namensvetter aus Mönchengladbach blieb, jene Szene, als Gio Reyna tränenüberströmt vom Platz geführt werden musste, ganz offenbar überwältigt von der Sorge, dass die nächste lange Verletzungs- und Rekonvaleszenz-Zeit auf ihn zukommen könnte. Marco Reus hatte gerade das 1:0 für Dortmund erzielt, aber Reyna lag da schon in den Armen von Vereinsarzt Markus Braun und war außer sich.

Nach dem Schlusspfiff tauchte Dortmunds 19-jähriges Toptalent, im kalten Dauerregen dick eingemummt, noch einmal auf dem Spielfeld auf. Reyna wollte gar nicht mehr aufhören, einen zu umarmen, der sich mit ewigen Verletzungspausen und immer neuen Anläufen gut auskennt: Marco Reus. Der wiederum hatte gerade eines seiner besten Spiele für den BVB überhaupt gemacht: fünf Scorerpunkte, zwei Tore selbst geschossen, drei vorbereitet. Das war dem 32-Jährigen in der Bundesliga noch nie gelungen.

Reyna, den alle nur "Gio" nennen, obwohl ihn seine Eltern, beide Fußball-Nationalspieler für die USA, Giovanni hatten taufen lassen, stand gegen Gladbach zum ersten Mal wieder in der Startelf. Im August des Vorjahres hatte er sich bei einer Länderspielreise mit dem US-Nationalteam eine tückische Verletzung am Sehnenansatz im rechten Oberschenkel zugezogen. Niemand dachte damals, dass er damit fast ein halbes Jahr außer Gefecht gesetzt sein würde.

Für einen 19-Jährigen ist ein halbes Jahr eine Ewigkeit, ein Leidensweg, immer nur mit Physios, Ärzten, allein an Fitnessmaschinen oder mit Medizinbällen statt Fußbällen. Erst seit drei, vier Wochen trainierte Reyna wieder auf dem Rasen und mit seinen Mitspielern. Die erste ärztliche Vermutung, ließ Trainer Marco Rose erkennbar bedrückt kurz nach dem Spiel wissen, deutete auf ein erneutes Aufbrechen der gleichen Verletzung hin. Trotz des Kantersieges wirkte Rose deshalb beinahe konsterniert: "Ich will nicht vorgreifen", sagte der BVB-Coach, "aber er wirkte schon sehr fertig."

Der hohe Sieg schürt wieder Zuversicht für eine Wende in der Europa League

Es ist bekannt, dass Rose ein erklärter Fan der eleganten und zugleich so zupackenden Spielweise von Reyna ist - das filigrane Gegenstück zum 18-jährigen Jude Bellingham, mit dem der ebenfalls in England geborene Reyna befreundet ist. Kein Wunder also, dass es Reyna auf dem Rasen liegend derart übermannte, dass er mit dem Himmel um die Wette weinte. Doch so, wie sich für die ganze Mannschaft das ewige Auf und Ab dieser Saison beim 6:0 mit einem Hoch fortsetzte, so hellte sich auch im Fall Reyna am Montag die Stimmung auf. Nach einer MRT-Untersuchung gab der BVB Entwarnung: keine schwere strukturelle Verletzung, kein Wiederaufbrechen der alten. Reyna dürfte mit einer kurzen Trainingspause davonkommen.

BVB in der Bundesliga: In den Jubel mischt sich Schmerz: Torschütze Marco Reus (Zweiter von links) und andere BVB-Spieler trösten den verletzten Gio Reyna (ganz rechts).

In den Jubel mischt sich Schmerz: Torschütze Marco Reus (Zweiter von links) und andere BVB-Spieler trösten den verletzten Gio Reyna (ganz rechts).

(Foto: Maik Hölter/Imago/Team 2)

Gefrustet war tags zuvor auch Dortmunds Verteidiger Dan-Axel Zagadou, 21, er musste zur Halbzeit in der Kabine bleiben, Diagnose: Muskelfaserrisses im Oberschenkel. BVB-Torjäger Erling Haaland, 21, bejubelte die sechs Tore ebenfalls nur als Zuschauer. Auch er fällt mit einer Muskelverletzung weiterhin aus.

Die Geschichte des Spiels scheint sich bei einem 6:0 fast von selbst zu erzählen, hatte aber komplizierte Wendungen. Gladbach hatte in der ersten halben Stunde drei herausragende Tormöglichkeiten, scheiterte aber mit schwachen Abschlüssen an BVB-Torwart Gregor Kobel. Der frühere Dortmunder Jonas Hoffmann platzierte zudem einen Distanzschuss ans Lattenkreuz von Kobels Tor. Aber wie es dann oft im Fußball so geht: Die Chancen kamen nicht wieder - außer beim Gegner.

Wären die Verletzungen nicht gewesen, das Flutlicht hätte noch mehr Glanz ins Dortmunder Regenwasser geworfen - angesichts des großen Abends von Marco Reus: das 1:0 selbst gemacht, das 2:0, 3:0, 4:0 vorbereitet, vollendet durch Malen sowie die eingewechselten Marius Wolf und Youssoufa Moukoko, und dann das 5:0 wieder selbst geschossen. Nur am 6:0, dem finalen Elfmeter von Emre Can in der Nachspielzeit, hatte Reus am Sonntagabend keinen Anteil. Für Reus war es sein 333. Bundesliga-Spiel. Nach der Gala sagte er erstaunlich nüchtern das, was man als Kapitän nach jeder neuen Wiedergutmachungs-Tour des BVB zu sagen hat: "Wir mussten heute eine Reaktion zeigen. Das haben wir auch wieder geschafft."

Auch sein Kollege Julian Brandt spielte auf die andauernde Dortmunder Wankelmütigkeit an: "Wir wollen diese Achterbahnfahrt natürlich auch nicht. Es gibt Spiele, bei denen wir uns ganz doll an den Kopf fassen." Dortmund hatte die Rückrunde stark begonnen, war dann 1:2 im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten St. Pauli rausgeflogen, hatte sich wieder gefangen, war danach mit 2:5 gegen Leverkusen untergegangen, hatte am vergangenen Wochenende bei Union Berlin wieder überzeugt (3:0) - und schließlich am vergangenen Donnerstag in der Europa-League-Qualifikation gegen die Glasgow Rangers zu Hause ein herbes 2:4 kassiert. Es war das bisher schlechteste in einer ganzen Reihe von schlechten Saisonspielen.

Eher unwahrscheinlich ist, dass Erling Haaland in Schottland einsatzfähig sein wird

"Die letzten Tage war bei uns wirklich Land unter", fasste Brandt die Stimmung zusammen, "aber ich habe die Hoffnung für Donnerstag in Glasgow nicht aufgegeben." Dortmund müsste im Rückspiel im berühmten Ibrox Stadium in Glasgow mit zwei Toren Unterschied gewinnen, um noch eine Verlängerung zu erreichen, und käme erst mit drei Toren Vorsprung oder notfalls über ein Elfmeterschießen ins Achtelfinale. Die altbekannte Auswärtstor-Regel gilt nicht mehr, aber trotz der guten Nachrichten bei Reyna mindert die Verletzungsmisere die Chancen. Eher unwahrscheinlich ist, dass Haaland in Schottland schon einsatzfähig sein wird. Und hinten fehlen die Innenverteidiger Zagadou und Akanji.

Immerhin verbinden den BVB mit dem Donnerstags-Spielort große Momente. In Glasgow, allerdings im Stadion Hampden Park, gewann Dortmund als erste deutsche Mannschaft einen Europapokal - den der Pokalsieger, der später in den Uefa-Cup, die heutige Europa-League, fusioniert wurde. Das war 1966, im Finale siegte der BVB 2:1 gegen den FC Liverpool. Für Dortmund spielten damals Emmerich, Held, Libuda, Tilkowski, Redder, Paul, Kurrat und Assauer. Lange her. Aber Fußballer sind verdammt abergläubisch, in beide Richtungen.

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