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BVB nach 0:5 gegen Bayern:Jeder darf Schuld haben, nur Favre nicht

Bayern München - Borussia Dortmund

Konsterniert: Lucien Favre.

(Foto: dpa)
  • Nach der Klatsche in München wird Trainer Lucien Favre von der Kritik auffällig ausgenommen.
  • Dabei wählte Favre eine ungewöhnliche Aufstellung, verzichtete auf Mario Götze und ließ Marco Reus als Sturmspitze auflaufen.
  • Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc verteidigen ihren Trainer mit deutlichen Worten.

Sebastian Kehl drehte sich mit gequältem Grinsen ab, zur Flucht vor den Mikrofonen. Und vor der vermuteten Fangfrage: Ob denn auch er vor dem Spiel ein wenig überrascht gewesen sei über die Liste der Namen, die Dortmunds Trainer Lucien Favre auf dem Spielberichtsbogen hatte eintragen lassen. Vom Zeugnisverweigerungsrecht, in Rechtsstaaten ein sinnvolles Mittel, um Verwandte und andere vor Loyalitätskonflikten zu schützen, machte an diesem vermaledeiten Abend in München fast jeder Dortmunder Gebrauch, nicht nur Kehl, der Leiter der Lizenzspielerabteilung. Die diplomatische Schadensbegrenzung beim BVB war kurz nach dem Abpfiff allenthalben in vollem Gange. Die Parole schien zu lauten: Jeder darf Schuld haben, nur der Trainer nicht.

Was soll man auch sagen, nach so einer Darbietung? Kein einzelner Grund konnte als Erklärung für das Debakel genügen, dazu war das spielerische Organversagen der Borussia zu allumfassend. Aber zumindest eine Fehlerquelle, da schien es ein stilles Einverständnis bei der Borussia zu geben, sollte weggedrückt werden: dass nämlich auch BVB-Trainer Favre zu der seltsamen Verunsicherung und Deplatziertheit seiner Spieler beigetragen haben könnte.

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Und so resümierte Kapitän Marco Reus zerknirscht, man habe "ein katastrophales Spiel abgeliefert", erklärte aber auf die Frage nach Favres Aufstellung und Einstellung: "Ich bin nicht der Trainer." Sportdirektor Michael Zorc griff zum beliebten Mittel des Kompetenz-Konters: "Wer die Aufstellung als Begründung sieht, hat keine Ahnung von Fußball." So harsch wird Zorc meist nur dann, wenn Finger in tatsächliche Wunden gelegt werden. Und Favre selbst befand: "Ob wir mit Mario Götze besser gespielt hätten, weiß man nicht."

Natürlich ließen die seltsame Gehemmtheit, das mangelnde Zweikampfverhalten, die bisweilen slapstickartigen Fehler bei dem als Tabellenführer angereisten BVB keine eindimensionale Erklärung zu. Fest steht ja, dass Dortmund vorige Woche gleich drei wichtige Stammspieler ausgefallen waren: der schnelle Verteidiger Achraf Hakimi mit Mittelfußbruch, Torjäger Paco Alcácer mit einer Armverletzung, Raphael Guerreiro mit Muskelproblemen. Die Weisheit der meisten Trainer umfasst die goldene Regel: Wer drei Spieler ersetzen muss, lässt alles andere unverändert.

Der oft etwas professoral wirkende Favre aber setzte auf die erzwungenen Änderungen noch mindestens zwei freiwillige oben drauf: Mario Götze, der zuletzt serienweise gute Spiele gemacht hatte und mit seiner enormen Ballsicherheit Stabilität hätte bringen können, blieb draußen. Stattdessen ließ Favre den seit einem halben Jahr nur sporadisch eingesetzten Mahmoud Dahoud als verkappten Regisseur spielen. Zugleich musste deshalb Marco Reus auf die von ihm ausdrücklich ungeliebte Position der Sturmspitze wechseln.

Dahoud gewann nur 28 Prozent seiner Zweikämpfe, wenn er sie nicht gleich ganz vermied, und bekam im ganzen Spiel kein einziges effektives Anspiel auf den Zielspieler Reus zustande. Beim tatsächlich einzigen Torschuss des BVB, nach sechs Spielminuten, hatte der gedachte Mittelfeldstratege dann auch noch Pech und traf - auf Zuspiel von Reus - nur den Pfosten. Reus hatte im ganzen Spiel nur rund 30 Ballkontakte. Obwohl er in seiner gewohnten Rolle als Spielmacher hinter den Spitzen Alcácer und Götze an besseren Tagen das Spiel seiner Mannschaft initiiert und lenkt.

Reus beschrieb die Lähmung aller Dortmunder Offensiven auch so: "Wir hatten eigentlich schon vor zu pressen, aber dann stellte sich heraus, dass zwischen uns ganz vorne und unserer nächsten Linie eine große Lücke war." Auch die mochten viele an diesem Abend dem Dortmunder Trainer zumindest mit anlasten. Verbal hatte Favre eine mutige Spielweise angekündigt, in der Realität aber schien seine Taktik passiv und allzu defensiv zu sein. Dahoud hätte, gemeinsam mit Außenstürmer Jakob Bruun-Larsen, offenbar für Tempo sorgen sollen, um die bisweilen behäbige Rückwärtsorientierung der Bayern auszukontern. Das klappte nur einmal, in eben jener sechsten Minute, als man die Blaupause der Dortmunder Absichten zu sehen bekam: einen katapultartigen Konter über Bruun-Larsen, Reus und eben Dahoud.

Reus glaubt an die Meisterschaft

Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wollte am Sonntag in der Sky-Sendung "Wontorra" die Jugend als Begründung anführen: "Viele Bayern-Spieler sind erfahren mit solchen Konstellationen und Situationen. Unsere jungen Spieler vielleicht noch nicht so." Gemeint waren neben Dahoud, 23, vor allem der früh völlig entnervt wirkende Dan-Axel Zagadou, 19, dem vor dem zweiten Bayern-Treffer durch Robert Lewandowski ein haarsträubender Fehler unterlief, wie man ihn selbst in A-Junioren-Mannschaften selten sieht. Auch Bruun-Larsen, 20, und das englische Wunderkind Jadon Sancho, 19, tauchten ab. Auf der anderen Seite hatte Favre den 33-jährigen Lukasz Piszczek nach acht Wochen Verletzungspause aufgeboten. Die mangelnde Spielpraxis war schmerzhaft zu sehen, Piszczek schien bei zwei Gegentoren verstrickt zu sein, aber in seinem Fall hatte Favre wegen seiner Verletzungsmisere kaum alternative Mittel.

All das darf die Dortmunder nicht lange beschäftigen. "Ich glaube fest, dass wir Meister werden", versicherte Kapitän Reus auf Nachfrage, obwohl ihm nach dem 0:5 eher nicht danach war. Auch Sebastian Kehl versicherte: "Es ist nur ein Punkt. Das Rennen ist nicht vorbei." Die Flurschäden sind zwar noch schwer zu berechnen, aber Dortmund hat in der laufenden Saison schon andere Rückschläge verkraftet. Zudem ist die sportliche Katastrophe von München nicht die erste dort: "Ich bin hier mal genauso unter die Räder gekommen", erinnerte sich Kehl. Das Restprogramm des BVB, zunächst gegen Mainz, dann unter anderem gegen Mönchengladbach, Bremen und den Revier-Rivalen Schalke, ist nicht ohne Tücken, aber auch nicht furchterregend.

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