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BVB:Emre Mor, noch so ein Hochbegabter

Borussia Dortmund - SC Freiburg

Die moderne Allzweckwaffe gegen humorlos verteidigende Ketten: Emre Mor (re.) im Zweikampf mit dem Freiburger Vincenzo Grifo.

(Foto: dpa)

Als der 19-Jährige aus Dänemark nach Dortmund empfohlen wurde, verglichen sie ihn mit Lionel Messi. Das ist weit hergeholt, aber auch nicht ganz falsch.

Manchen Fußballern wünscht man, dass sie auf dem Spielfeld häufiger einen Ball für sich alleine hätten. Emre Mor ist einer von dieser Sorte. Am Freitagabend durfte der Teenager erstmals in der Startelf von Borussia Dortmund auflaufen und sich nach dem 3:1 gegen Freiburg mit dem Team vor der Südtribüne feiern lassen. Fazit nach Mors erstem Langauftritt: Noch so ein Hochbegabter! Wo nehmen sie die beim BVB nur alle her?

Viel Genie, ein bisschen Wahnsinn - die moderne Allzweckwaffe

Die Unberechenbarkeit, die Technik, der Speed: Alles bei Mor erinnert ein bisschen an Ousmane Dembélé, der zwei Monate älter ist, ebenfalls 19 Jahre jung, schon wesentlich mehr Spielanteile bei Thomas Tuchel bekommt und irgendwie doch auch ganz anders ist. Was beide eint, ist das Prädikat: Tempodribbler. Viel Genie, aber auch ein bisschen Wahnsinn - die moderne Allzweckwaffe gegen humorlos verteidigende Ketten und zähen Ballbesitzfußball.

Emre Mor jedenfalls brauchte gegen Freiburg nur eine halbe Stunde, ehe er sich zutraute, den Ball mit seltsam vertrackter Schusstechnik aus 20 Metern an die Latte des Freiburger Tores zu schaufeln. Neulich, beim 6:0 gegen Darmstadt, hat er bereits mit ähnlich eigenartiger Haltung das sechste BVB-Tor erzielt. Ein Spieler, so viel hört man aus dem Training, dem es nicht an Selbstbewusstsein für das bisschen Eigensinn fehlt - und der immer in der Gefahr schwebt, sich selber den genialen Pass für den eigenen Torabschluss geben zu wollen. Ein Straßenfußballer im alten Sinne, von dem sie in Dortmund sagen, dass er auch ein bisschen Straßenmentalität mitgebracht habe. Aber eben auch einer, der schon jetzt Spiele entscheiden kann. Was, wenn er dann mal erwachsen ist?

Als er jüngst für die türkische Nationalelf auflief, kaute er beim Abspielen der Hymne breit auf einem Kaugummi herum (und sollte sich anschließend öffentlich entschuldigen), auch in Dortmunder Restaurants sagt man Mor leicht schnöseliges Benehmen nach. Das alles wollen sie beim BVB hinbekommen, ebenso wie die taktische Ausbildung nachgeholt werden soll. Gegen Freiburg nahm der nur 1,68 Meter große Dribbler bisweilen giftig an der Defensivarbeit teil. Zuvor, beim dänischen Erstligisten FC Nordsjælland, war für Mannschaftstaktik wenig Zeit, dort spielte Mor nur ein halbes Jahr. Otto Addo, ehemaliger Dortmunder und Co-Trainer in Nordsjælland, empfahl ihn weiter. Ein anderer Vergleich als der mit Lionel Messi fiel Addo nicht ein, und der ist im Ansatz nicht so falsch. Trainer Thomas Tuchel war offenbar die treibende Kraft, Mor für fast zehn Millionen Euro aus Dänemark zu holen - ehe es andere tun.

Warum er sich für die Türkei entschied, ist noch nicht geklärt

Mor spielt für die Türkei, hat aber erst seit März die türkische Staatsbürgerschaft. Geboren und aufgewachsen ist Mor in Kopenhagen, er spielte deshalb für die U 17- und U 19-Teams von Dänemark, ehe das türkische Scouting-System auf seine zumindest zur Hälfte türkischen Wurzeln aufmerksam wurde. Mors Mutter, Güzela Bekirov, stammt aus Mazedonien. Sie und Mors Vater Enver sind getrennt, und so spricht Mor kaum Türkisch. Im türkischen Fernsehen hat Emre Mors Mutter berichtet, dass er bis zu seinem 12. Lebensjahr im Kopenhagener Problembezirk Brønshøj aufwuchs, und dass sie ihm mit 16 Jahren erlaubte, das Gymnasium zu verlassen, um sich beim BK Lyngby auf den Fußball konzentrieren zu können.

Um an eine Unterschrift von Vater Enver für den Staatsbürgerschaftsantrag für Sohn Emre zu kommen, mussten die Vertreter des türkischen Fußball-Verbands sogar ins Gefängnis, wo Emres Papa zu jener Zeit ein paar Monate abbrummte, wegen Fahrens mit einem unversicherten Kraftfahrzeug. Warum Emre, der nur Dänisch fließend, Englisch aber ganz akzeptabel spricht, sich für die Türkei entschied, ist eines der Rätsel um Mor. Der türkische Verband ist allerdings bekannt dafür, den Eltern von derart vielversprechenden Talenten finanziell Gutes zu tun.

Dass Mor am Dienstag gegen Real Madrid erneut in der BVB-Startreihe steht, ist unwahrscheinlich. Für Tuchel kommt es darauf an, den Heißsporn bei Laune zu halten, ihn nach und nach zu einem vollwertigen taktischen Mitglied der Mannschaft zu machen.

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