An dem Norweger Julian Ryerson ist möglicherweise ein talentierter Biathlet verloren gegangen. Knapp zwölf Kilometer hetzt er während eines Fußballspiels die rechte Seitenlinie rauf und runter, um zwischendurch mit hohem Puls immer wieder sehr präzise Schüsse abzugeben – in seinem Fall: Flanken, Ecken und Freistöße. Der 28-Jährige ist der derzeit zweitbeste Torvorlagengeber der Bundesliga. Aber nicht nur bei Borussia Dortmund sind sie froh, dass Ryerson sich für Fußball entschieden hat. Auch in seiner Heimat Norwegen ist man gerade selig über seine fußballerische Lauf- und Schusstechnik.
Norwegen hat sich unter Ryersons Mithilfe mit acht Siegen in acht Gruppenspielen erstmals seit 1998 wieder für eine Fußball-WM qualifiziert. Und mit dem BVB spielt der Sohn einer Norwegerin und eines US-Amerikaners an diesem Mittwoch (18.45 Uhr, Dazn) im Playoff-Rückspiel bei Atalanta Bergamo um den Einzug ins Champions-League-Achtelfinale. Die Chancen stehen gut. Dortmund hat das Hinspiel in der vergangenen Woche auch deshalb mit 2:0 gewonnen, weil Ryerson schon in der dritten Minute eine famose Flanke zum 1:0 durch Serhou Guirassy serviert hatte. So macht er das in diesen Tagen am laufenden Band.

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Auch Vincent Kompanys Anti-Rassismus-Plädoyer zeigt, welcher Glücksgriff dem FC Bayern bei der Trainerwahl gelungen ist. Und sein nächster Meistertitel wird immer wahrscheinlicher.
Ryerson, im Branchenjargon ein sogenannter Schienenspieler, weil er zwischen vorn und hinten die Räume beackert, hat von den jüngsten acht Dortmunder Bundesligatoren sechs vorbereitet. Beim 4:0 gegen Mainz kürzlich sogar alle vier. Auch am vergangenen Samstag beim 2:2 in Leipzig ist der wichtige Dortmunder 1:2-Anschlusstreffer nach seinem Eckstoß gefallen, aber weil zwei Spieler den Ball noch streiften, bevor Leipzigs Rômulo zum Eigentor einköpfelte, bekam Ryerson den Assist nicht gutgeschrieben. So blieb er bei elf in dieser Bundesligasaison. Er ist damit im Assists-Ranking Zweiter hinter Bayerns Michael Olise mit 16 Vorlagen.
In dieser Rolle sind es für Ryerson gerade spannende Zeiten. 2024 hat er mit Dortmund im Champions-League-Endspiel gestanden (0:2 gegen Real Madrid), aber so viele Spielanteile und Torvorlagen wie momentan hatte er beim BVB noch nie. Vier Vorlagen waren es in der vergangenen Saison und davor zwei. Allerdings hat er in der vorletzten Saison noch vier Tore selbst geschossen – und in der aktuellen Saison bislang kein einziges. „Ich würde ihm ja auch mal ein Tor gönnen“, sagt sein Trainer Niko Kovac, „aber ich freue mich auch, wenn er weiter so fleißig auflegt.“ Einer, der auflegt, ist normalerweise ein DJ. Ryerson sammelt zwar Schallplatten, aber mit den Flanken, die er anderen auflegt, erzeugt er höhere Dezibelzahlen.
Dabei zeugt sein Werdegang von einem leisen Aufstieg in immer lautere Stadien. Im Sommer 2018 wechselte Ryerson vom damaligen norwegischen Zweitligisten Viking Stavanger zum damaligen Zweitligisten Union Berlin. Ein Jahr später stiegen die Köpenicker in die Bundesliga auf. In Berlin lernte Ryerson viereinhalb Jahre beim Pragmatik-Trainer Urs Fischer. Der Schweizer hat den Norweger bundesligatauglich gemacht in einer Art, die Fischer kürzlich am eigenen Leibe zu spüren bekam, als er am vorletzten Samstag mit seinem neuen Klub Mainz 05 in Dortmund spielte und Ryerson die erwähnte Vorlagenshow ablieferte.
Jeder Klub ist dankbar für einen Spieler, der die Bälle dort hinbringt, wo sie hin müssenBVB-Coach Kovac über die Qualitäten von Ryerson
Ryerson, im Januar 2023 für fünf Millionen Euro Ablöse zum BVB gewechselt, demonstrierte gegen Mainz binnen 90 Minuten sein ganzes beeindruckendes Repertoire: Torvorlage per Flanke, Torvorlage per Ecke, Torvorlage per Freistoß. Seine präzisen, scharfen Hereingaben sind schwer zu verteidigen. Und weil der BVB vorne so kopfballstarke Spieler wie Guirassy und Nico Schlotterbeck hat und weil Ryerson überdies auch noch sehr lauf- und zweikampfstark verteidigt, ist er ein Schlüsselspieler für den derzeitigen Dortmunder Erfolg.
Aber nicht nur die Westfalen führt er gerade zu relevanten Siegen. Mit Ryerson, der keine Minute versäumte, hat die norwegische Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation glänzende Auftritte hingelegt, darunter auch Erfolge gegen Italien (3:0 und 4:1). Ein Tor und vier Vorlagen hat Ryerson in der Quali dazu beigetragen, dass Norwegen im Sommer in der WM-Gruppe auf Frankreich, Senegal und einen Playoff-Teilnehmer trifft. Mit Stürmern wie Erling Haaland (Manchester City), Alexander Sörloth (Atlético Madrid) und Antonio Nusa (RB Leipzig) und Mittelfeldspielern wie Martin Odegaard (FC Arsenal) sind die Skandinavier offensiv gut aufgestellt und haben das Potenzial zur Überraschung.
Eine starke WM könnte für Ryerson endgültig zum Karriere-Booster werden, abgesehen davon, dass er gewiss schon jetzt auf der Wunschliste einiger Topadressen steht. „Jeder Klub ist dankbar für einen Spieler, der die Bälle dort hinbringt, wo sie hin müssen“, sagte kürzlich BVB-Trainer Kovac, wollte damit aber gewiss keine Wechselgerüchte befeuern. Ryersons Vertrag in Dortmund gilt noch bis 2028. Sie würden ihn nur zu gerne behalten. Aber an so einem Wing Back, der unermüdlich die Linien entlang sprintet, kämpferisch verteidigt und vorn präzise Flanken schlägt, hat jeder Klub Interesse. Gehandelt werden derzeit der FC Barcelona, Manchester United und Newcastle United. Dortmund könnte Ryerson sicher ein Preisschild von etwa 30 Millionen Euro ankleben.
Gute Nachricht übrigens für Bayern München: Wenn der Bundesliga-Tabellenführer am kommenden Samstagabend zum Topspiel bei Borussia Dortmund gastiert, ist Ryerson gesperrt. Er hat sich am vergangenen Samstag in Leipzig seine fünfte gelbe Karte der Saison abgeholt.

