Marco Rose wollte sich nicht mit allzu vielen Details das Wochenende verderben: "In der Summe war ich zufrieden", fasste Borussia Dortmunds Trainer sein Grundgefühl nach dem 2:1-Sieg gegen den FC Augsburg zusammen. Wenn Trainer so etwas sagen, heißt das aber meistens, dass ihnen vieles nicht gepasst hat. "Es war ein ordentliches, sehr intensives Spiel", meinte Rose noch, obwohl man gegen Gegner aus dem Mittelmaß doch eher ein gutes und möglichst auch kein kraftraubendes Spiel hinbekommen sollte.
Im dritten Pflichtspiel ohne Torjäger Erling Haaland, der weiterhin Muskel-Probleme im Oberschenkel beklagt und auch die nächsten WM-Quali-Einsätze mit seiner norwegischen Nationalelf hat streichen müssen, haderten die Dortmunder am Samstag vor allem mit ihrem zu großen Aufwand und mit der letztlich mäßig erfolgreichen Chancenverwertung. 17:8 Torschüsse registrierten die Statistiker, doch für Raphael Guerreiros 1:0 (10.) brauchte es einen Elfmeter, verursacht gegen Donyell Malen, und bei Julian Brandts Treffer zum 2:1 (53.) war ein verdeckter Kunstschuss nötig. Klar herausspielen konnten die Borussen gegen Augsburg hingegen nur wenige Chancen. Wenn nicht alles auf den schnellen, wuchtigen Haaland vorne hinausläuft, weil der auf der Tribüne zuschaut, wirkt vieles zu wenig durchschlagskräftig.
Torschütze Julian Brandt, der beim BVB auch dank der Verletztenliste in der Start-Elf zurück ist und sich mit großem Pensum und feinen Pässen zum besten Dortmunder aufschwang, brachte das aktuelle Problem zielsicher auf die Formel: "Wenn wir die Dinger reinmachen, haben wir nicht bis zur 90. Minute so einen Stress."
Wirklich große Möglichkeiten vergab die Borussia allerdings nur zweimal, durch Thorgan Hazard und Marco Reus. Augsburg konnte zwar durch Andi Zeqiri (1:1/ 35.) auch nur einmal treffen und mühte sich ansonsten meist vergeblich, überhaupt mal in Dortmunds letzte Zone vorzudringen. Aber für eine Topmannschaft blieb der BVB in der Spielkontrolle dennoch nicht überzeugend. Und Julian Brandts Formulierung vom "Stress" bis zum Abpfiff hatte vor allem mit der stets lauernden Unkonzentriertheit in der Dortmunder Verteidigung zu tun.
Das Torverhältnis von 19:13 ist kein gutes Zeugnis für die Defensive
Deshalb gelang es Marco Roses Mannschaft erneut nicht, das obligatorische Gegentor zu vermeiden. Defensive Standardsituationen bleiben eine wacklige Sache, bei Balleroberungen des Gegners braucht die BVB-Defensive öfter mal einen Tick zu lange, um sich zu sortieren. So auch diesmal beim 1:1, als Augsburgs Arne Maier zunächst an die Latte geschossen hatte, und danach Dortmunds Verteidiger nur staunend zur Kenntnis nahmen, dass Zeqiri den Abpraller im BVB-Tor versenkte.
Diese Anfälligkeit, die sich im Torverhältnis von 19:13 nach sieben Spielen deutlich spiegelt, muss der neue Trainer irgendwann abstellen, wenn seine Elf nicht ständig über 90 Minuten Kräfte verpulvern soll. Zuletzt in der Champions League gegen Sporting Lissabon gelang es immerhin mal, ein 1:0 zu halten, aber auch da musste der BVB bis zur letzten Minute erbittert kämpfen, um alle Punkte zu behalten. Immerhin sorgten dieses Mal im Stadion bereits 40 000 Zuschauer für Unterstützung. Verteidiger Manuel Akanji freute sich schon auf noch mehr Besucher: "Ich kann's kaum erwarten, dass wir wieder mal vor vollem Haus spielen dürfen."
Dass im Augenblick auch Verletzungen bei Roses Optimierungs-Arbeiten ins Kontor schlagen, darf man dem Coach und seiner Mannschaft zugute halten. Neben Haaland fehlten weiterhin Reyna und der seit vorigen Dienstag angeschlagene Dahoud, Brandt sowie die eingewechselten Can und Hazard sind erst seit kurzem wieder dabei. Gegen Augsburg mussten zudem Marius Wolf, Thomas Meunier und Mats Hummels mit heftigeren Blessuren ausgewechselt werden. Die Länderspielpause wird damit für mehrere lädierte Dortmunder zur tatsächlichen Verschnaufpause. Auch der erst 18-jährige neue Publikumsliebling Jude Bellingham, bei dem das Publikum inzwischen jeden Ballkontakt mit einem lauten "Djuuuuud!" befeuert, darf beim englischen Nationalteam eine Auszeit von der Dauerbelastung nehmen.
Für Trainer Rose und sein BVB-Team bleibt es trotzdem schwierig, die Selbstverständlichkeiten und Automatismen der bisweilen schon stark kombinierenden Mannschaft weiter voran zu bringen. Fest steht wohl schon jetzt, dass es Fluch und Segen ist, einen so dominierenden Torjäger-Typen wie Haaland zu haben. Dessen natürlicher Magnetismus auf dem Spielfeld führt dazu, dass sich nahezu alle Offensiv-Abläufe auf ihn konzentrieren.
Gegen Lissabon gelang dem als Ersatz für Jadon Sancho geholten Niederländer Malen eine starke Performance. Auch gegen Augsburg hatte er seine Szenen, aber ohne Haaland improvisiert Dortmund. Das geht, weil Typen wie Reus, Brandt, Bellingham oder Malen in ihrer individuellen Kreativität immer was zustande bringen. Doch ohne Haaland ist Dortmund nur eine sehr gute Mannschaft, aber keine Weltklasse-Mannschaft.


