bedeckt München 13°
vgwortpixel

BVB-Aus gegen Werder:Wille besiegt Wunderstürmer

DFB-Pokal 2020: BVB-Spieler Brandt und Reus nach der Niederlage gegen Werder Bremen

Ausgeschieden: BVB-Angreifer Julian Brandt und seine Teamkollegen

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Die Frage, die sich nach ziemlich genau 30 Minuten in diesem ab heute schon zu den Pokal-Klassikern zählenden Spiel stellte, lautete so: Wie viele Tore darf man Werder Bremen maximal Vorsprung geben, damit Erling Haaland das noch ausgleichen kann? Bei Online-Anbietern nennt sich das Handicap-Wette, und wäre es den Beteiligten im deutschen Fußball nicht streng verboten, auf eigene Spiele zu setzen, müsste sich Lucien Favre ein paar Fragen gefallen lassen. Favre ist Trainer von Borussia Dortmund, der BVB war Gast in Bremen, und Haaland, der Sieben-Tore-in-drei-Spielen-Mann, durfte zunächst nicht mitspielen. Das Handicap, dass die Dortmunder in diesem Achtelfinal-Drama im DFB-Pokal in die zweite Halbzeit trug, war ein 0:2.

Und dann kam Erling Haaland.

Selten hat sich eine Mannschaft so schnell abhängig von einem Spieler gemacht wie der BVB von seinem Wunderstürmer aus Norwegen. Alles, was die Dortmunder in der ersten Halbzeit im Weserstadion auch versuchten, endete am oder im Strafraum, in dem eben kein Haaland auf die Zuspiele von Sancho, Reus oder Brandt wartete. Die Gäste waren ja nicht nur hoch favorisiert in diese Partei gegangen, sondern als gesetzter Sieger: Wie sollte das gehen, dass die in dieser Saison so oft gedemütigten, vom Verletzungsfluch gebannten, um den Klassenerhalt bangenden Bremer nicht in den schwarz-gelben Tor-Schredder geraten sollten? Warum sollte die in drei Spielen mit 15 Toren gewonnene Leichtigkeit des BVB plötzlich verflogen sein?

Die Dortmunder spielten ein bisschen zu schlampig

Es gehört zu den Geheimnissen dieses Sports, dass er Kleine groß und Große klein machen kann. Die Dortmunder spielten ein bisschen schlampiger, als es ihr auf Präzision angewiesenes Direktpass-Pingpong verträgt, die Bremer sehr viel entschlossener, als man es einer Mannschaft aus dem Kohlenkeller der Liga zutrauen durfte. Sie pressten, sie blockten, und plötzlich begannen sie auch zu spielen. Werder nutzte die Dortmunder Fehler, wie den von Hakimi in der 14. Minute, zu mutigen Angriffen; den ersten schloss Davie Selke zum 1:0 ab. Nach 30 Minuten gelang Leonardo Bittencourt ein Traumtor zum 2:0. Und hätte Selke kurz vor der Pause nicht Rashica in der Mitte übersehen, es hätte 3:0 zur Halbzeit gestanden. In Haalands Abwesenheit hatte Innenverteidiger Mats Hummels die beste BVB-Chance, ein Fallrückzieher, den Bremens Torwart Jiri Pavlenka über die Latte fingerte (24. Minute).

Ein Leuchtturm für die eigene Mannschaft

Und dann, wie gesagt, kam Erling Haaland. Der große blonde Bub ist einer, der die Statik eines Spiels verändert, ein Angstfaktor für den Gegner und ein Leuchtturm für die eigene Mannschaft: Er weist seinen Spielern sicher den Weg in die gefährliche Zone, die immer dort ist, wo er steht. Dortmunds Druck wuchs sofort, erdrückend wurden die Gäste in der 67. Minute, als eine Hereingabe von Julian Brandt von Haaland über die Linie gezwungen wurde. Hätte der erst 17-jährige Giovanni Reyna eine Minute später die Nerven behalten, Werder wäre höchstwahrscheinlich mit fliegenden Fahnen untergegangen.

Doch es kam anders, auch, weil Erling Haaland eben doch auch nur ein Mensch ist und den Ball am Tor vorbei setzte, nachdem Brandt ihn spektakulär frei gespielt hatte (73.). Ein Fehlschuss zum für die Bremer bestmöglichen Zeitpunkt, denn sie führten da schon wieder mit zwei Toren Vorsprung, weil Milot Rashica im sechsten Pokalspiel hintereinander für seine Elf traf. Zum Wunderstürmer hat ihn dafür noch niemand erklärt, auch wenn der Spielstand zu diesem Zeitpunkt nach den Standards des Fußball einem Wunder glich.

Es war jetzt bereits ein Pokalspiel, das alle Erwartungen weit übertroffen hatte. Die Dortmunder Welle rollte ein aufs andere Mal Richtung Westkurve im Weserstadion, die Bremer verteidigten das Tor erstmals so, wie es ihr Trainer Florian Kohfeldt schon vor Wochen gefordert hatte: "Mit unserem Leben!" Weil Dortmund nicht nur Haaland ist, sondern eben auch einen Giovanni Reyna hat, blieb es spannend, der Teenager schoss ein kunstvolles Tor zum 3:2 (78.) Dann gerieten Moisander und Reyna aneinander, was ihnen gelbe Karten einbrachte, dann rettete Jiri Pavlenka noch zweimal, jeweils vor: Erling Haaland.

Das Spiel wird in die Bremer Geschichte eingehen: als Sieg des Willens über den Wunderstürmer.

© SZ vom 05.02.2020/sonn
Bundesliga Haaland ist nicht "Bayern-like"

Bundesliga

Haaland ist nicht "Bayern-like"

Der junge Stürmer von Borussia Dortmund wird in Zukunft einige Rekorde verfehlen, manche sogar deutlich. Kritik wird schon bald aufkommen.   Glosse von Christof Kneer

Zur SZ-Startseite