Süddeutsche Zeitung

Borussia Dortmund:Sie haben viel vor

  • Wie schon vor einem Jahr ist dem BVB ein furioser Saisonstart gelungen - doch in der vergangenen Saison folgte dann eine Serie von Rückschlägen.
  • Daher stellt sich die Frage: Wie nachhaltig ist die Dortmunder Stärke diesmal?
  • Der Angriff um Paco Alcácer kann sich darauf verlassen, dass es nicht sofort im Durcheinander endet, wenn einer den Ball verliert. Aber auch andere Mannschaftsteile harmonieren.

Von Sebastian Fischer, Stuttgart

Es gehört zu den Besonderheiten des Kopfes von Lucien Favre, dass man nie so genau weiß, was darin vorgeht. Der Trainer von Borussia Dortmund ist wie ein Künstler, der sein Werk auch schon mal schreddert, wenn niemand damit rechnet. Am Samstag wurde er gefragt, wie er beim BVB diese gerade so beeindruckende Balance zwischen Stabilität und Kreativität herstelle. Seine Mannschaft hatte 4:0 (3:0) beim VfB Stuttgart gewonnen, ist nach acht Bundesligaspielen noch ungeschlagen Tabellenführer und hat 27 Tore geschossen. Favre sagte in einer kaum vollständig zu entschlüsselnden Antwort unter anderem dies: "Vielleicht müssen wir in Zukunft ein anderes System spielen."

Es ist ein Jahr her, dass Dortmund am achten Spieltag der vergangenen Saison nach einem ähnlich furiosen Saisonstart erstmals verlor, 2:3 gegen Leipzig. Damals hieß der Trainer Peter Bosz, und es gehörte zu den Besonderheiten, dass man ziemlich genau wusste, welche Idee er im Kopf hatte: die von einem alternativlosen Offensivfußball ohne Absicherung. Sie führte bekanntlich dazu, dass Dortmund danach erst mal nicht mehr gewann. Und deshalb ging es am Samstag auch um die Beantwortung der Frage, wie nachhaltig die Dortmunder Stärke diesmal sein könnte.

Die Antwort beginnt dort, wo das Spektakel ist: vorne. Schon nach drei Minuten traf Jadon Sancho auf Vorlage von Marco Reus und Jacob Bruun Larsen, nach 23 Minuten traf Reus selbst, zwei Minuten später traf Paco Alcácer mit einem traumhaften Lupfer, dem ein albtraumhafter Fehlpass des Stuttgarters Benjamin Pavard vorausgegangen war. Es war Alcácers siebtes Tor im vierten Spiel, ihm scheint gerade alles zu gelingen. Selbst wenn er mal den Ball bewusst nicht berührt, wie vor dem 2:0 durch Reus, als er die Vorlage von Lukasz Piszczek passieren ließ, macht er alles richtig. Zur Pause wurde er mit Schmerzen im Oberschenkel ausgewechselt. Doch er verließ das Stadion mit erhobenem Daumen.

Vor dem Spiel, dem ersten, in dem Paco Alcácer von Beginn an für den BVB auflief, machte die Meldung die Runde, wonach auf der Jahreshauptversammlung des FC Barcelona verkündet wurde, Dortmund habe bereits mitgeteilt, die rund 23 Millionen Euro teure Kaufoption für den bis 2019 vom spanischen Meister geliehenen Stürmer zu ziehen. Sportdirektor Michael Zorc wies dies als voreilig zurück, noch habe es diesbezüglich kein offizielles Gespräch gegeben. Zorc wusste aber auch keine Argumente zu nennen, die gegen eine Verpflichtung sprechen. Alcácer scheint perfekt in eine gnadenlos effektive Offensive zu passen, die so viele Tore zustande gebracht hat wie keine zuvor in der Historie des BVB nach acht Spielen. Mehr Punkte als aktuell 20 hatte Dortmund zu diesem Zeitpunkt nur in der Meistersaison 2011.

"Wir wollen das Spiel dominieren, wenn es möglich ist, und haben junge Spieler auf den Flügeln. Sie sind stark im Eins-gegen-Eins, sie haben viel vor, und man kann sehr gut mit ihnen kombinieren", so beschrieb Favre die Dortmunder Angriffsstärke. Deutlicher formulierte es Zorc, jedenfalls wenn man dem Stuttgarter Sportdirektor Michael Reschke glaubte, der aus einem Zwiegespräch mit seinem Kollegen zitierte, sinngemäß: Wenn wir einmal ins Rollen kommen, sind wir nicht mehr aufzuhalten.

Es gehört allerdings auch zur Dortmunder Stärke, dass die vier Angreifer bislang nicht die Sorge haben müssen, dass es im Durcheinander endet, sollten sie mal den Ball verlieren. Der Tempodribber Jadon Sancho, 18, darf nach Lust und Laune tempodribbeln. Reus, Dortmunds Top-Scorer mit fünf Toren und fünf Vorlagen, wirkt zurzeit so inspiriert wie kein anderer deutscher Nationalspieler. Denn zur Not sind ja die neuen Sechser Axel Witsel und Thomas Delaney da. Der eine, Witsel, spielt die verlässlichsten Pässe; der andere, Delaney läuft die meisten Kilometer. Am Samstag funktionierte, wie Zorc betonte, auch die neu formierte Viererkette, in der Piszczek den verletzten Manuel Akanji ersetzte und Abdou Diallo mit Dan-Axel Zagadou eine unerprobte Innenverteidigung bildete.

Es rundet die positive Momentaufnahme ab, dass die Dortmunder am Samstag auch die verhaltene zweite Halbzeit nicht verschwiegen. Immerhin hatte da ja der als Tabellenletzter angetretene VfB Stuttgart das Geschehen bestimmt. Dessen neuer Trainer Markus Weinzierl war zwar nach seinem misslungenen Debüt so schlecht gelaunt, dass er über Positives nicht sprechen wollte. Aber sein Chef Reschke lobte den "Mut im Spiel" und "deutlich mehr Torchancen als in den vergangenen Wochen" unter Vorgänger Tayfun Korkut. Reus sagte: "Man merkt schon, dass wir noch einiges zu tun haben."

Weinzierl hatte in der Pause auf eine Dreierkette umgestellt, Dortmund kam damit im Glauben des schon so gut wie sicheren Sieges nicht mehr zurecht, der VfB hatte am Ende 10:2 Ecken und öfter aufs Tor geschossen. Favre sagte gar, natürlich etwas übertrieben: "Wenn sie ein Tor machen, weiß ich nicht, was passiert." Dass, im Gegenteil, der Trainer seine Mannschaft auch auf unvorhergesehene Momente vorbereitet, erklärte Sebastian Kehl, seit dieser Saison Leiter der Lizenzabteilung beim BVB. Favre, sagte Kehl, setze die Spieler immer wieder in neuen Rollen ein.

Am Mittwoch trifft der BVB in der Champions League auf Atlético Madrid, "eine Reifeprüfung", sagt Reus. Madrid hat in Spanien bislang erst fünf Gegentore kassiert. Favre, das lässt sich ausnahmsweise zweifelsfrei behaupten, weiß das allerdings auch. Und er wird bereits nach einer Antwort auf dieses Problem suchen, die niemand entschlüsseln kann.

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Quelle:
SZ vom 22.10.2018/ska
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