2:1 bei Besiktas in der Champions League:Dortmunds Jugend brilliert im Höllenlärm

Bellingham, Haaland, Moukoko: Den europäischen Saisonauftakt des BVB in Istanbul prägt eine glänzend aufgelegte Offensive. Vollends glücklich sind am Ende trotzdem nicht alle.

Von Ulrich Hartmann

Empathie und die Bereitschaft zum Geben sind zwei wichtige Voraussetzungen für einen guten Fußballer. Jude Bellingham, 18, hat beides. Kurz vor der Pause gab er Erling Haaland den Ball, damit dieser ein Tor erzielen konnte, und nach dem Spiel, mitten im Live-Interview vor laufender Kamera, gab er Haaland einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

"Brilliant", nannte der Brite Bellingham Borussia Dortmunds 2:1-Sieg bei Besiktas Istanbul zum Auftakt der Champions League. "Amazing", nannte der Norweger Haaland die Leistung Bellinghams, der mit zwei wunderbaren Aktionen das erste Tor selbst erzielt und ihm das zweite vorbereitet hatte. Jedem BVB-Fan, der die beiden Jungspunde an diesem Abend sah, musste das Herz aufgehen.

Marco Rose ärgert das Gegentor bei Besiktas

Der Trainer Marco Rose blickte am Ende dieses Abends hingegen gar nicht so glücklich drein, wie man sich das nach einem Auftaktauswärtssieg in der Champions League vorgestellt hätte. Der Fußball-Abteilungsleiter Sebastian Kehl erklärte, warum: "Zu null zu spielen, war ein großes Ziel." Doch dieses Ziel hatte man um 180 Sekunden verpasst.

97 Minuten lang hatte die Torverhinderung geklappt: 48 Minuten in der ersten Halbzeit und 49 Minuten in der zweiten. Doch dann, drei Minuten vor dem Ende einer finalen, siebenminütigen Nachspielzeit, köpfelte Istanbuls Francisco Montero eine Flanke zum 1:2-Anschlusstreffer ins Dortmunder Tor. Es war offiziell die 94. Minute. "Das ist momentan offenbar obligatorisch", sagte Rose lakonisch. Dieses Gegentor hat zwar nichts kaputtgemacht, es fühlte sich aber an wie ein Nadelstich.

Je zwei Gegentreffer gegen Frankfurt, Freiburg und Hoffenheim sowie gar drei gegen Bayern (Supercup) und Leverkusen erklären, warum die einer offensiv-defensiven Dysbalance bezichtigten Dortmunder am Mittwochabend in Istanbul nicht bloß gewinnen, sondern der ganzen Welt zeigen wollten, dass sie auch die Null halten können. Das ist ihnen in dieser Saison bislang nämlich nur gegen einen Drittligisten im Pokal (3:0 bei Wehen Wiesbaden) gelungen.

Um dieses Ziel auch gegen den türkischen Tabellenführer zu erreichen, zeigten sie sich in der zweiten Halbzeit ungewohnt zugeknöpft und gingen angesichts einer 2:0-Führung durch die Treffer von Bellingham (20.) und Haaland (45+3.) kaum noch ein Risiko ein. Sie wollten das ersehnte Zu-Null-Ergebnis mit einem flachen 4-4-2 heimbringen.

Als Montero so kurz vor Schluss das Ehrentor für Besiktas erzielt hatte, stampfte der Dortmunder Innenverteidiger Manuel Akanji wütend mit dem Fuß auf und warf verärgert die Arme in die Luft. Drei Punkte mit zwei Toren und null Gegentreffern hätten den Dortmundern den Abend versüßt. So aber wurde das späte Gegentor zum Haar in der Suppe. Akanji drückte nach dem Abpfiff niemandem einen Kuss auf die Wange.

"Es war echt schwierig", sagte Rose hinterher und reimte sich die drei schwierigsten Faktoren zusammen: "Publikum, Rasen, schwierige Phasen!" Das ausschließlich türkische Publikum im zur Hälfte besetzten Stadion machte einen Höllenlärm und pfiff die Dortmunder bei jeder Ballberührung zunächst schrill aus. Der Rasen war staubtrocken und stumpf und ließ in den ersten 20 Minuten die meisten längeren Dortmunder Pässe verhungern. Es war dies auch gleich die erste schwierige Phase für die Borussen.

Die zweite schwierige Phase war nahezu die gesamte zweite Halbzeit, in der die sonst so stürmischen Dortmunder ein ungewohntes Experiment unternahmen: Sie mauerten, spielten westfälischen Catenaccio, stellten den Mannschaftsbus vors Tor - was man beim Fußball so sagt über eine Mannschaft, die um Himmels willen ein Gegentor verhindern will. Aber das Schicksal spielt da momentan nicht mit. Drei Minuten nur haben am Ende gefehlt. Deshalb war auch Rose nicht in Bussi-Laune.

Während Dortmunds 16 Jahre altes Stürmertalent Youssoufa Moukoko nach seiner Einwechslung in der 70. Minute (noch) versäumte, als jüngster Torschütze jemals in die Champions-League-Historie einzugehen, gelang Bellingham ein anderer Altersrekord dadurch, dass er als jüngster Spieler in der Champions-League-Geschichte in zwei Spielen nacheinander getroffen hat. Zwar lagen nach seinem Treffer im Viertelfinal-Rückspiel der vergangenen Saison gegen Manchester City im April zwischen diesen beiden Spielen fünf Monate, aber das ändert nichts an jenem Rekord, über den Bellingham am Mittwochabend bloß sagte: "Ich will derjenige sein, der als Jüngster drei nacheinander erzielt."

Es ist dieser nimmermüde Antrieb seiner vielen jungen Spieler, der den BVB nicht nur in seiner Champions-League-Gruppe mit Besiktas, Sporting Lissabon und Ajax Amsterdam zu einem Mitfavoriten macht, sondern auch in der Bundesliga. Am Sonntag empfängt man Union Berlin. Man kann sich kaum einen herausfordernderen, aber auch gefährlicheren Gegner wünschen, um das eigene Spiel auszubalancieren. Eine Woche später geht es zu Borussia Mönchengladbach, dann folgt das Champions-League-Heimspiel gegen Sporting Lissabon. Gewinnen können die Dortmunder alle drei. Die Frage ist aber auch: Wie viele Gegentore werden sie zulassen?

© SZ/bek
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