Anschlag auf BVB-Bus "Das traumatische Erlebnis kann zu einer Stärkung der Gemeinschaft führen"

Nachdem sie Ziel des Bombenanschlags geworden sind, werden Spieler von Borussia Dortmund am Abend des 11. April 2017 zu Fuß von bewaffneten Polizisten eskortiert.

(Foto: AFP)

Der Sportpsychologe Jens Kleinert erklärt, wie Sportler einen Anschlag wie auf den Dortmunder Mannschaftsbus verarbeiten und warum es nicht zwangsläufig ein Fehler war, am nächsten Tag bereits wieder Fußball zu spielen.

Interview von Matthias Schmid

Im Prozess um den Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund wird an diesem Dienstag das Urteil verkündet. Der Angeklagte Sergej W. hatte am 11. April 2017 neben dem Mannschaftsbus des BVB drei Sprengsätze gezündet, mit dem Attentat wollte er einen Kurssturz der Fußballaktie herbeiführen. Der Profi Marc Bartra und ein Motorradpolizist wurden dabei verletzt. Im Interview erklärt der Mediziner und Sportpsychologe Jens Kleinert vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln, wie die Spieler in den Alltag zurückgefunden haben und ob der Prozess alte Wunden aufgerissen hat.

SZ: Herr Kleinert, der Prozess gegen den Angeklagten Sergej W. endet an diesem Dienstag mit dem Urteil. Können die Verhandlungstage für die Spieler von Borussia Dortmund längst verarbeitete Ängste wiederausgelöst haben?

Jens Kleinert: Grundsätzlich ist es möglich, dass so eine Verhandlung oder allein das tagesaktuelle Thema in den Medien Erinnerungen aktivieren kann. Unter Umständen können natürlich auch Unbehagen oder vielleicht sogar Angst reaktiviert werden.

Kann ein solches Trauma überhaupt vollständig verarbeitet werden?

In den meisten Fällen wird es nicht komplett vergessen, es wird auf Bewusstseinsebenen verdrängt oder verschoben, mit denen man gut leben kann. Wir nennen das vorbewusste Ebenen, weil man nicht bewusst mit dem Erlebnis umgeht. Letztlich bleibt es aber trotzdem irgendwo im Gedankengerüst erhalten. Der Spieler merkt das nicht, aber es ist noch da. Es kann also unterbewusst in irgendeiner Weise seine Gedanken, seine Gefühlslage und auch sein Verhalten beeinflussen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Beispielsweise ein lauter Knall auf der Straße kann die Erinnerungen wieder in den Alltag zurückholen?

Ja, solche Wahrnehmungen können dazu führen, dass ein Spieler erinnert wird und wieder darüber nachdenkt und so verdrängte Emotionen aktiviert werden. Aber es kann auch sein, dass sich die Situation ähnelt. Am Anfang war es vermutlich für einige Dortmunder Profis schwierig, überhaupt den Bus zu sehen oder in ihn einzusteigen.

Kann eine Mannschaft an so einem Ereignis auch wachsen und zu einer verschworenen Gemeinschaft werden?

Grundsätzlich schon, aber zunächst einmal muss jeder Spieler versuchen, selbst oder auch mit persönlicher Hilfe mit dem traumatischen Erlebnis, mit diesen Angstgefühlen umzugehen. Dabei können Gespräche mit Freunden, mit der Familie oder auch mit einem Therapeuten helfen, wobei man erwähnen muss, das sicher nicht jeder Spieler Angstgefühle entwickelt und jeder seine eigene Gefühlswelt hat. Aber auch die Mannschaft kann eine Rolle spielen, häufig als Quelle der Ablenkung und der Verdrängung. Zum Beispiel, wenn man mannschaftliche Aktivitäten nutzt, auch im Bus, um auf andere Gedanken zu kommen. Außerdem ist die Mannschaft für viele Spieler ein Zuhause, sie sagen sich, ich bin so gerne dort und es ist mir so wichtig dabei zu sein, dass ich dafür bestimmte Restrisiken in Kauf nehme. Bei einzelnen Spielern kann so ein Erlebnis auch den Wunsch nach Zusammengehörigkeit stärken, das Team bedeutet dann nicht nur Ablenkung, sondern auch ein soziales Zuhause. Das kann zu einer Stärkung der Gemeinschaft führen und hierdurch zu einem inneren Frieden des Einzelnen. Das Entscheidende ist, dass man diesen Frieden irgendwie findet. Wir nennen das Konsistenz, es muss also zwischen dem traumatischen Ereignis, meinen Gedanken und meinen Gefühlen eine Passung oder Stimmigkeit hergestellt werden. Das ist das Schwierige.

Universitätsprofessor Jens Kleinert (links) im Gespräch mit Fußball-Nationalspieler Mats Hummels (Mitte/Archivbild).

(Foto: dpa)

Weil Sportler gerne alles unter Kontrolle haben?

Genau, fehlende Kontrolle ist eine Sache, die nicht mehr passt. Plötzlich erlebt man Situationen, die man nicht mehr selbst im Griff hat. Das zu akzeptieren, dass man nicht alles bis ins letzte Detail kontrollieren kann, ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht.

Matthias Ginter weinte, als er im Prozess aussagen musste. War es für ihn besonders schwer, weil er zuvor auch schon mit der Nationalmannschaft die Anschläge in Paris miterlebt hat? Hat er dadurch sein Urvertrauen verloren?

Ich würde jetzt nicht von Urvertrauen sprechen, aber wenn jemand weint, ist das meist Ausdruck tiefer emotionaler Zerrissenheit und Spannung. Die eigenen Gedanken passen dann nicht zu den Gefühlen. Man redet sich zwar Vertrauen ein, zum Beispiel in die Sicherheitsmaßnahmen, in die Polizei, in das soziale Umfeld, in den Verein usw., aber emotional ist das Vertrauen gestört. Das kann durch mehrfache Ereignisse besonders stark beeinflusst werden. Wenn ein Spieler nun so etwas zwei- oder sogar dreimal erlebt, dann ist klar, dass sein innerer Frieden viel stärker gestört ist und diese Gefühlslage, dieses Unbehagen, diese Ängstlichkeit möglicherweise viel stärker hervorgerufen wird, als wenn ich das nur einmal erlebe.

Der BVB musste am nächsten Tag bereits wieder gegen den AS Monaco spielen. War das für die Aufarbeitung kontraproduktiv?

Aufarbeitungsprozesse können mehrere Stufen haben, die aber nicht immer streng nacheinander ablaufen müssen. Eine Möglichkeit ist natürlich die Verdrängung, die Ablenkung. Und aufgrund des Spiels war es auch notwendig, die Dinge kurzfristig zu verdrängen. Das heißt aber nicht, dass sie weg waren. Es dürften bestimmt auch Spieler dabei gewesen sein, die mit ihren Gedanken während des Spiels kurzzeitig ganz woanders waren. Aber die Athleten haben in ihrer Karriere gelernt, sich sehr stark auf ein Ereignis zu konzentrieren und zu fokussieren. Natürlich kann man zunächst einmal versuchen, sich davon zu lösen, so wie man versucht, sich von Misserfolg zu lösen, wenn man ein wichtiges Spiel verloren hat. Aber die Phase des Nachdenkens, der Reflexion muss danach dann trotzdem kommen.

Kann das Urteil dabei helfen, den inneren Frieden schneller zu finden?

Ich nehme nicht an, dass das Gerichtsurteil für die Spieler noch eine große Bedeutung hat. Der Prozess der Verarbeitung des Ereignisses ist ja schon lange im Gang. Womöglich ist es erleichternd, dass der Beschuldigte nicht nur gefunden, sondern nun auch noch eine angemessene Strafe erhalten wird. Aber das ist nur ein Gedanke von vielleicht Hunderten, die sich die Spieler in den vergangenen Monaten in den Gesprächen gemacht haben.

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