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BVB-Spieler nach dem Anschlag:Gladiatoren weinen nicht

Europa League Round of 16 Second Leg - RB Salzburg vs Borussia Dortmund

Marcel Schmelzer (vorne) war zur Zeit des Anschlags der Kapitän des BVB (Archivbild).

(Foto: Leonhard Foeger/Reuters)
  • Der Anschlag auf den BVB-Bus aus dem Jahr 2017 hat das Leben vieler Spieler verändert. Viel Zeit zum Verarbeiten wurde den Profis trotzdem nicht gewährt.
  • An diesem Dienstag wird nun das Urteil gegen den Attentäter gesprochen.

Von Holger Gertz

Vor ein paar Tagen ist Aki Watzke in der Sky-Talkshow von Jörg Wontorra gewesen, es war ein unkomplizierter Auftritt für den BVB-Boss, er gehört mit seinem Verein im Moment zu den Siegern, und Sieger werden im Sportfernsehen hofiert. Einmal erlaubte sich Watzke einen Ausflug in die Vergangenheit. "Durch den vermaledeiten Anschlag ist bei uns vieles aus den Fugen geraten", sagte er, "es gab die Problematik, dass sehr viele Spieler noch monatelang sehr stark traumatisiert waren." Watzke sagte schließlich: "Deshalb sind wir letztes Jahr zu hart kritisiert worden", und damit berührte er eine Kernfrage: Darf ein Profi-Fußballteam, dem Außerordentliches widerfahren ist, für sich in Anspruch nehmen, mit außerordentlicher Nachsicht behandelt zu werden?

Fürs Protokoll: Am 11. April 2017 hatte Sergej W., ein Elektriker aus dem Schwarzwald, drei Sprengsätze neben dem vollbesetzen Mannschaftsbus von Borussia Dortmund detonieren lassen. Inhalt: 90 fingerlange Metallbolzen. Das Team war auf dem kurzen Weg vom Mannschaftshotel ins Stadion, Champions League gegen AS Monaco. Der Verteidiger Marc Bartra blutete nach der Explosion, Glassplitter steckten in seinem Arm. Geschrei, Panik. Die Spieler wussten nicht, was noch passieren würde, der Schutzraum Bus schien zur Falle geworden zu sein; der Angriff dauerte nicht lange, aber ein Mensch kann in Sekunden, in denen er in den Abgrund blickt, sein Urvertrauen verlieren.

An diesem Dienstag endet in Dortmund der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter, der sich vorher Geld geliehen hatte, um auf einen Kurssturz der BVB-Aktie zu wetten. Nach Ansicht der Anklage hat das Verfahren erwiesen, dass er sich des versuchten Mordes in 28 Fällen schuldig gemacht habe. Die Formulierung "versuchter Mord" sagt: Es hätte auch leicht Tote geben können. Wie hätte es dann bitte weitergehen sollen? Abbruch der Spielzeit in der Bundesliga? Erklärung der Borussia zum Champions-League-Sieger ehrenhalber? Und wie hätten danach die Abläufe organisiert werden können, öffentliche Trainings, Autogrammstunden, Busfahrten durch Innenstädte?

Hochbezahlte Gladiatoren sind keine Maschinen

Die Branche Profifußball ist im April 2017 der Katastrophe entgangen, wobei ihr die Kategorien für das, was eine Katastrophe ist, längst verrutscht sind. Der Betrieb ist darauf trainiert, unterhaltsame Scheindramen zu inszenieren: Trainer, die um ihren Job kämpfen. Manager, die sich vor laufender Kamera demonstrativ vor oder hinter diese Trainer stellen. Krisensitzungen, gern noch bis spät in die Nacht, und am nächsten Tag eine Pressekonferenz. Das Zeremoniell ähnelt den Abläufen in der Politik, aber es ist nur Fußball. Die Krise der SPD ist selbstverständlich relevanter als die des DFB, aber seit der Sportnachrichtensender Sky Sport News HD sein Publikum rund um die Uhr mit Nachrichten versorgt, hat die TV-Überhöhung des Fußballs eine neue Blüte erreicht.

Da halten die Krisenberichterstatter ihr Mikro zwar nur vor der DFB-Zentrale oder vorm Geißbockheim in den Wind. Aber ihr Selbstwertgefühl erlaubt es ihnen, sich so zu fühlen, als stünden sie da, wo die wahrhaftigen Dramen sich abspielen, in Aleppo oder Caracas oder wenigstens vor der Parteizentrale der SPD. Und wenn die Nationalmannschaft nach der WM wieder antritt, steht bei Sky selbstverständlich in der Bauchbinde, es handle sich um den "Neustart nach der WM-Katastrophe". Katastrophe. Weil kleiner geht's ja nicht.

Die echten Katastrophen, auch das hat der Prozess gezeigt, müssen diejenigen mit sich selbst ausmachen, die in sie verstrickt sind. So sind die Aussagen der Spieler - formuliert im Gerichtssaal, in Blogs und Interviews - von bleibendem Wert, denn sie zeigen, dass die hochbezahlten Gladiatoren keine Maschinen sind.

Einige Spieler müssen mit Brüchen in der Karriere klarkommen

Eine Binsenweisheit? Die Häme-Attacken im Netz auf Sportler, die irgendwas falsch gemacht haben, beweisen: Es ist nicht verkehrt, sich dann und wann Grundsätzliches zu vergegenwärtigen. Torwart Roman Weidenfeller: "Das war ein Anschlag auf das Leben. Das hat mein Leben verändert." Kapitän Marcel Schmelzer: "Ich versuche, es wegzuschieben. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen man denkt, was für ein Glück wir hatten." Verteidiger Matthias Ginter: "Du hast einfach Angst, wieder in einen Bus zu steigen." Mittelfeldmann Shinji Kagawa: "Ich hatte anfangs Schlafprobleme und auch zu Hause Angst." Torwart Roman Bürki: "Wenn hinter mir jemand etwas fallen lässt und das sehr laut ist, erschrecke ich sehr und werde wütend."

Darf ein Profifußballteam, dem Außerordentliches widerfahren ist, für sich in Anspruch nehmen, mit außerordentlicher Nachsicht behandelt zu werden? Selten genug, dass der Zirkus einen Blick auf das Innere seiner Artisten zulässt, vergleichbar mit den Bekenntnissen der Tennisspielerin Monica Seles, der in den frühen Neunzigern in Hamburg auf dem Tennisplatz ein Verwirrter ein Messer in den Rücken gerammt hatte. Lange, schrieb sie in ihrer Biografie, konnte sie danach nur an der Wand sitzen, der Gedanke, jemandem im Rücken zu haben, erschien ihr unerträglich. "Der Messerstich nahm mir alles und bewies mir, dass ich niemandem glauben durfte, der behauptete, mir könne nichts passieren."

Mitzudenken fällt im Fußball vielen schwer

Die Mannschaft der Borussen hat sich nach dem Attentat stark verändert. Trainer Thomas Tuchel gewinnt in Paris inzwischen alles, einige Spieler müssen mit Brüchen in der Karriere klarkommen. Spätestens aus den Untersuchungen der Passagiere in der 1977 von Terroristen entführten Lufthansa-Maschine Landshut weiß man: Jeder verarbeitet so ein Ereignis anders. Bei den Dortmunder Profis gab es Vereinswechsel, die es ohne den Anschlag womöglich nicht gegeben hätte: Zum Vermeidungsverhalten eines Traumatisierten gehört auch, dass er den verdammten Bus nicht mehr betreten muss.

Dass die Spieler schon einen Tag nach dem Anschlag das Spiel gegen Monaco nachholen mussten, weil sonst der Uefa-Spielplan ins Rutschen gekommen wäre, gehört zu den knallharten Mechanismen des Geschäfts, und dazu passen die Debatten jetzt um den Superclásico in Buenos Aires: Auch wenn das Tränengas noch in der Luft steht, den Funktionären ist's am liebsten, dass wie geplant gespielt, verdient und profitiert wird. Mit dem Wissen von heute und im Sinne der Spieler hätten sich die Dortmunder - auch Watzke - damals der Neuansetzung verweigern müssen. Und wenn Watzke inzwischen feststellt, die Mannschaft sei nach dem Anschlag über Gebühr kritisiert worden, dann kritisiert er die Medien, die Öffentlichkeit, aber im Stillen kritisiert er womöglich auch den eigenen Anspruch und den einiger Fans, die sich im Stadion und im Netz in der letzten Saison gern den Torwart Bürki zur Brust genommen haben. Es lief nicht so richtig, da braucht man einen Sündenbock. Ein Attentat und seine Folgen mitzudenken, fällt im Fußball vielen schwer.

Am heutigen Dienstag endet der Prozess gegen Sergej W.; aber wie immer gilt: Nichts ist abgeschlossen.

© SZ vom 27.11.2018/ebc
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