Spanien bei der EM 2021:Hurra, Opa ist da!

Sergio Busquets

Sergio Busquets soll bei Spanien fortan wieder das Mittelfeld organisieren.

(Foto: AP)

Nach überstandener Covid-Infektion soll Barça-Ikone Sergio Busquets das spanische Nationalteam ins Achtelfinale führen - ohne ihn zeigte das Team bisher gravierende Schwächen.

Von Javier Cáceres, Sevilla

Aus einem Anlass, der vordergründig nichts mit der EM zu tun hatte, zeichnete der übrigens großartige Autor Enric González in der Zeitung El País klassische Philosophiedebatten nach, die in Spanien immer eine Rolle spielen, wenn es um Fußball geht. "Platon sagte, Schönheit verlangt nach Nützlichkeit. Aristoteles hingegen meinte, das Schöne müsse gar nicht dienlich sein", schrieb González: "Beide stimmten darin überein, dass die Mäßigung und die Proportion die großen ästhetischen Kriterien zu sein hatten. Aristoteles konnte, je nachdem, worum es gerade ging, ziemlich nervig sein. Für ihn konnte ein kleiner Mann niemals schön sein."

Womit wir dann doch bei der EM wären. Oder genauer: bei Sergio Busquets vom FC Barcelona, der Spaniens Nationalelf am Mittwoch in Sevilla gegen die Slowakei als Kapitän zum abschließenden Spiel der Gruppe E aufs Feld führen soll.

Busquets, 32, ist in einem aristotelischen Sinn mit Schönheit gesegnet. Er ist großgewachsen (1,89 Meter) und mit feinen Füßen ausgestattet, diese gehorchen einem Kopf, der vor ästhetischen Kriterien nur so strotzt. Kurz vor Beginn der EM stürzte er die spanische Mannschaft in ein größeres Chaos; er steckte sich - offenbar bei einem Familienangehörigen - mit Covid an und fiel für die ersten beiden Gruppenspiele aus.

Am Samstag stand er in Sevilla auf dem Platz. Allerdings nur vor dem Aufwärmen seiner Mitspieler, zwecks individueller Übungen, um wieder in Tritt zu kommen. Als die Partie gegen Polen begann, saß er in Zivil auf der Tribüne und sah im Estadio de La Cartuja, wie Spanien über ein 1:1 nicht hinauskam, phasenweise schlechter spielte als beim torlosen Auftakt gegen Schweden. Die beiden Unentschieden setzen Spanien unter Druck.

Spaniens Nationalelf verströmt noch immer die Aura der Mannschaft, die den Fußball kürzlich imperial beherrschte

Nur ein Sieg stellt den Achtelfinaleinzug sicher; ein Remis würde reichen, wenn Polen nicht gleichzeitig gegen Schweden gewinnt. Es wäre ein Szenario, mit dem man nicht rechnen musste. Spaniens Nationalelf verströmt noch immer die Aura der Mannschaft, die den Fußball kürzlich so imperial beherrschte wie weiland das Königreich die Welt.

Busquets ist der letzte Vertreter dieser Generation. Im 24-köpfigen Kader von Trainer Luis Enrique ist er der einzige verbliebene Weltmeister von Südafrika 2010. Neun Spieler aus dem 24-Mann-Kader waren zwischen sechs und zwölf Jahre alt, als Busquets sein Nationalmannschaftsdebüt feierte. "Ich bin so etwas wie der Opa, wer hätte das gedacht", sagte er in einem Interview mit dem früheren Nationaltrainer Vicente del Bosque, das in El País abgedruckt wurde und in dem der berühmte Aphorismus des Weltmeistertrainers aus 2010 nicht fehlen durfte: "Wenn ich reinkarniert werden müsste, wäre ich gern Busquets."

Seinerzeit war der Sohn des früheren Barça-Torwarts Carlos Busquets, 53, nicht unumstritten, diese Debatten drehten sich im Laufe der Zeit. Gleichwohl: Zuletzt hatte Busquets bei Barça eher durchwachsene Leistungen gezeigt, Trainer Ronald Koeman wechselte ihn recht häufig aus. Busquets zählt im Klub zu den Großverdienern - und würde vor dem Hintergrund der milliardenschweren Schulden auch für kleines Geld transferiert werden, weil das seinem Klub jährlich rund 20 Millionen Euro einsparen würde.

Warum Trainer Luis Enrique niemanden für Busquets nachnominierte? "Er ist unser Kapitän und unser Leader."

Barça muss dringend die Gehaltskosten senken, beim gegenwärtigen Volumen steht laut Spaniens Ligaverband LFP sogar der Verbleib von Lionel Messi auf dem Spiel. Die Klubs in Spanien dürfen nur einen bestimmten Prozentsatz ihrer Einnahmen für Saläre aufwenden. Busquets wurde zuletzt unter anderem mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Öffentlich sagte er bislang nur, dass er in Europa nicht mehr wechseln wolle. Sein Vertrag läuft noch zwei Jahre.

Genug Fußball hat er allemal in seinen dünnen Beinen. Für Spaniens aktuellen Coach stand nach der Covid-Infektion nie zur Debatte, Busquets zu streichen und einen anderen nachzunominieren, "wir wollen nicht auf ihn warten, wir werden auf ihn warten", sagte Luis Enrique. Warum? "Wenn wir in die Zeitungsbibliothek gehen und die letzten elf, zwölf Jahre durchblättern, sehen wir, was er beisteuert: Er ist ein Mittelfeldspieler, der offensives Pressing ausübt, jeden Spielzug verbessert und defensiv ein Spektakel ist. Er ist unser Kapitän und unser Leader." Stilistisch kommt ihm Rodri, 25, nahe, und auch wenn dieser sich längst bei Manchester City einen Namen gemacht hat, so schaut er doch zu Busquets auf. "Ich versuche, jeden Tag von ihm zu lernen", sagt Rodri.

Er macht seine Sache nicht schlecht. Gegen Schweden verlor Spanien seine Ordnung nie, gegen Polen nur am Ende, die Struktur der Mannschaft stimmt. Die Spanier spielen mehr Pässe als jede andere Mannschaft der EM, im Schnitt waren es 812 pro Partie, die folgenden Teams waren nach den ersten beiden Auftritten Belgien (643) und Deutschland (636). Aber es ist womöglich doch hilfreich, um Schönheit im Platon'schen Sinne herzustellen, wenn nicht nur Greenhorns im Team stehen, sondern Busquets mit seinen 123 Länderspielen und mehr als 30 Titeln. Überhaupt gemahnt die Logik, dass Luis Enrique auf mehr Erfahrung setzt. Zwei England-Legionäre aus der Ü30-Fraktion, Thiago (FC Liverpool) und César Azpilicueta (FC Chelsea), haben Chancen, am Mittwoch in Sevilla in der Startelf zu stehen.

Das eigentliche Problem bleibt, dass Spanien in beiden Strafräumen Schwächen zeigt. Das ist nicht ganz das Revier von Busquets. Aber Sicherheit gibt seine Präsenz schon. Und vielleicht liefert er auch die diskrete Form der Schönheit, die seinem Spiel attestiert wird, wenn auch nicht von Platon oder Aristoteles, die "selbstverständlich keine Ahnung vom Fußball hatten", wie die Zeitung El País in Erfahrung brachte.

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