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Türkei-Stürmer Burak Yilmaz:Grimmige Dogge aus Antalya

FILE PHOTO: World Cup Qualifiers Europe - Group G - Turkey v Latvia

Burak Yilmaz spielt mittlerweile in Lille, wo er kürzlich Meister wurde.

(Foto: Umit Bektas/Reuters)

Er stürmte mit Podolski und ist Spieler der Saison bei Frankreichs Meister OSC Lille: Gegen Italien braucht die Türkei Tore von Burak Yilmaz - der Altmeister kommt in Bestform zur EM.

Von Jonas Beckenkamp

Bitte einfach mal darauf achten: Wenn die Kamera vor dem Eröffnungsspiel durch die Reihen der türkischen Nationalelf schwenken wird, dann dürfte klar werden, dass ein Titel bereits zum Start der Europameisterschaft vergeben ist. Den furchteinflößendsten Blick des Turniers hat Burak Yilmaz zu bieten. Der Stürmer besitzt eine besondere Veranlagung zur Grimmigkeit, die passenderweise mit seinem Spiel korrespondiert.

Yilmaz, der bald 36 Jahre alt wird, geht in jedes Duell, als sei es sein letztes Gefecht. Seine auf 1,88 Meter verteilte Wucht und seinen Willen müssen die Italiener erst einmal bremsen, wenn es in Rom um die Verteilung der ersten EM-Punkte geht. Und weil auch in der Squadra Azzurra hinten ein paar eiserne Routiniers mitspielen (Bonucci, Chiellini), könnte es gleich im Auftaktmatch Material fürs Zweikampf-Poesiealbum geben.

Bei den Türken gilt der Kapitän Burak Yilmaz als Mitreißer. Er ist neben dem früheren Künstler des Hamburger SV, Hakan Calhanoglu (AC Mailand), der Fixpunkt in der Offensive - und er bringt neben seiner Entschlossenheit noch eine wichtige Qualität mit: Er scheint sich rechtzeitig zur EM in Bestform zu befinden. In Frankreich feierte Yilmaz soeben mit dem OSC Lille einen echten Außenseitercoup: Insbesondere auch dank seiner 16 Tore, viele davon im Schlussspurt der Saison erzielt, übertölpelten die Nordfranzosen die schwerreiche Konkurrenz von Paris Saint-Germain und errangen den Titel der Ligue 1.

Yilmaz, der Anführer: mit dieser Rolle rundet sich derzeit auf den letzten Metern eine ungewöhnliche Stürmerkarriere ab. Sie verlief über weite Teile in einem konstanten Auf und Ab. Yilmaz, geboren in Antalya, spielte für alle großen Klubs in seiner Heimat, 2015/16 war er bei Galatasaray Sturmpartner von Lukas Podolski, ehe er zum Geldverdienen nach China wechselte. Sein sportlicher Vorruhestand in Lille verlief dann aber auch sportlich noch einmal höchst erfolgreich: Erst kürzlich wählten sie ihn bei den "Dogues" des OSC Lille zur Oberdogge - zum Spieler der Saison.

Und auch im Nationalteam sind seine Tore dringend erwünscht. Mittlerweile ist Yilmaz nach dem einstigen Fußball-Volkshelden Hakan Sükür (51 Treffer) mit 29 Länderspieltoren zweitbester türkischer Nationalstürmer der Geschichte. Das Problem ist nur, dass es bei den Türken außer ihm an Top-Personal in der Offensive mangelt. Das einstige Riesentalent Cengiz Ünder hat zwei schwierige Jahre bei der Roma und in Leicester hinter sich - eine Alternative ist Kenan Karaman, Zweitligaspieler aus Düsseldorf. Da hilft es vielleicht, dass die Türkei in der Gruppe A nach dem Italien-Spiel auf die wohl eher schlagbaren Gegner Wales und Schweiz trifft.

"Wir wollen zu Europas Elite dazugehören", sagt der türkische Trainer Senol Günes.

Manche Experten sehen die herausragende Qualität der türkischen Elf ohnehin eher in der Innenverteidigung. "Mein Geheimfavorit sind die Türken, sie haben eine richtig interessante Mannschaft, ihre komplette Abwehr spielt in der Premier League", sagte etwa Fredi Bobic der Stuttgarter Zeitung. Der neue Geschäftsführer von Hertha BSC kennt Caglar Söyüncü (Leicester) und Ozan Kabak (FC Liverpool) noch aus deren Bundesliga-Zeiten in Freiburg und Schalke. Beide könnten Italiens Soloknipser Ciro Immobile die Laune verderben - in der Abwehrmitte könnte allerdings auch Juventus-Turin-Verteidiger Merih Demiral beginnen.

Sportlich ist mit den Türken und ihrer interessanten Mischung aus England- und Frankreichlegionären durchaus zu rechnen, die große Frage ist aber: Wie kommt eine der jüngsten Mannschaften des Turniers mit der Last der EM-Ouvertüre klar? Trainer Senol Günes versucht es mit positiver Umdeutung: "Wir spielen vor den Augen der ganzen Welt, das wird uns aufputschen", beschrieb der 69-Jährige die Gefühlslage in der italienischen Zeitung Corriere dello Sport.

Klar sei jedoch, betonte Günes, "dass für uns sehr viel vom Eröffnungsspiel abhängt." Gelänge gegen Italien ein achtbares Ergebnis, würde das der etwas unerfahrenen emotionalen Elf Auftrieb geben. Vielleicht hilft es den Türken, dass zumindest ihr Coach weiß, wie man ein Großevent erfolgreich gestaltet: Günes saß bereits 2002 als Nationaltrainer auf der Bank, damals schaffte die Türkei Platz drei bei der WM in Japan und Südkorea. Und diesmal?

"Italien ist der Favorit und ein Kandidat für den Titelgewinn. Vor allem, weil sie zu Hause spielen", sagt Günes, der sich mit seinem Team zuletzt im ostwestfälischen Marienfeld auf den großen Auftakt einstimmte. Günes verfolgt durchaus langfristigere Pläne: Er möchte die Türkei in der europäischen Oberklasse etablieren: "Es gibt die Top Five, die fünf großen Länder in Europa: Italien, England, Spanien, Frankreich und Deutschland", findet er, und dann formuliert er ein klares Ziel: "Wir wollen zu dieser Elite dazugehören." Burak Yilmaz, die türkische Ein-Mann-Büffelherde, ist dagegen jetzt schon oberstes Level - in der Kategorie Verwegenheit.

© SZ/mok/bkl
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