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Bundestrainer Löw und die EM:Wut und Demut

Fehler? Welche Fehler? Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem EM-Aus übernimmt Joachim Löw die Verantwortung für das missglückte Italien-Spiel. Aber es bleibt der Eindruck, dass der Bundestrainer seine Strategie immer noch für die richtige hält.

Philipp Selldorf, Frankfurt

Joachim Löw streckte sich kerzengrade in seinem weißen Plastikstuhl, kontrollierte noch einmal den korrekten Sitz seiner Hemdenknöpfe und blickte schließlich so konzentriert ins Nichts, als ob ihm gleich der staatliche Prüfer die Fragen fürs Diplom verlesen würde. Als er dann das Wort ergriff, wurde es stellenweise so laut in dem weißen Pressezelt am Frankfurter Stadion, dass man den steten Krach der Flugzeuge nicht mehr wahrnahm.

DFB-Pressekonferenz - Joachim Löw

Joachim Löw in Frankfurt: Welche Fehler?

(Foto: dpa)

Der Mann am Mikrofon, Joachim Löw, argumentierte so energisch und akzentuiert und garnierte seine Sätze mit so vielen Ausrufezeichen, dass manche das Gefühl bekamen, er würde sie anschreien.

Schon im Laufe des mit Spannung erwarteten Wiedersehens mit dem Bundestrainer - es war seine erste Kontaktaufnahme mit der Nation seit der Heimkehr von der Europameisterschaft vor mehr als sechs Wochen - wurde Löws Rede zur "Wutrede" befördert. Das war aber doch ein wenig zu viel der Ehre.

Er mag immer noch ärgerlich oder sogar wütend sein über diese und jene Ungerechtigkeit und unsachliche Kritik, die ihm und seiner Mannschaft nach der heftig beklagten Niederlage gegen Italien zuteil wurde. Aber es geht nicht so weit, dass der DFB jetzt einen Bundestrainer in Aufruhr beschäftigen würde. Dafür bringt Löw nicht das passende Temperament mit, seine Wut ist eine partielle, und sie gilt Vorgängen, die sich auf Nebenschauplätzen zutrugen.

Warum er nach dem Scheitern der EM-Mission so lange und so demonstrativ und so beredt geschwiegen hatte - das hat er auch bei seinem Auftritt am Montag nicht verraten. Über etwaige Zweifel an seiner eigenen Trainerkunst wegen des missratenen Spiels gegen Italien hat er nicht gesprochen; die neuralgischen Punkte, die dieser seltsame Abend in Warschau aufgeworfen hatte, sparte er mit vielen Worten aus. Nach diesen 45 Pressekonferenz-Minuten, in denen er sich als Autorität der Nationalmannschaft offiziell zurückmeldete, weiß man immer noch nicht, wie er nun darüber denkt, dass er seiner Nationalmannschaft im Halbfinale eine Strategie verordnete, die nicht funktionierte.

Joachim Löw hätte es sich leicht machen und sagen können, dass sein Plan für einen Sieg gegen Andrea Pirlos Italiener leider nicht der richtige war; dass er halt leider die falsche Variante und die falsche Aufstellung gewählt habe. Und: Das könne ja mal vorkommen. Mit einem schlichten Sorry wäre das Reden und Rätselraten schlagartig beendet gewesen.

Aber er sagte nicht sorry, obwohl er am Ende einer langen Erwiderung einräumte, "im Nachhinein" könne man "vielleicht" sagen, dass eine andere Entscheidung besser gewesen wäre. Dieser Konzession ging allerdings das Insistieren voraus, dass er grundsätzlich trotzdem die richtige Strategie gewählt habe, als er auf dem Weg zwischen Viertel- und Halbfinale einen groß angelegten Systemwandel samt umfassender Personalrochade befahl.

"Daran halte ich fest: Wir wollten unser Spiel machen. Wir wollten die Italiener in der Mitte frühzeitig attackieren und in die Defensive drängen", so erklärte er das. Löw sagte zwar zu, die sportliche Kritik "mit allem Verstand und natürlich auch jeder Demut anzunehmen"; er übernahm, wie er mehrfach betonte, "die volle Verantwortung" für die missglückte Operation EM-Finale - dennoch blieb der Eindruck, dass dieses Annehmen von Demut und Verantwortung für ihn nicht mehr als ein formeller und vergänglicher Akt ist.

Fehler? Welche Fehler? "Wir hatten vor diesem Halbfinale 15 Pflichtspiele gewonnen, das war eine Weltjahresbestleistung. Wir haben Spieler, die sich absolut und vollumfänglich und ganz mit der Mannschaft identifizieren. Es gibt keinen Grund, von unserem Konzept abzuweichen."

Schon beim Auftritt vor dem DFB-Präsidium vorige Woche hatte er etwaigen Bedenken wissenschaftliche Daten entgegengehalten: Laut Statistik war die EM nämlich eigentlich viel besser, als sie in Erinnerung blieb. Seine Spieler seien mehr gelaufen, hätten mehr Chancen und mehr Torabschlüsse gehabt und weniger Torchancen zugelassen als bei der WM in Südafrika, darauf berief er sich auch am Montag: "Ich muss situativ entscheiden, und das werde ich auch in Zukunft wieder machen."

Der lässige Herr Löw, der kurz vor einem wichtigen EM-Spiel dem Balljungen einen lustigen Streich spielt, war nicht mitgekommen ins sonnige Frankfurt. Das Publikum erlebte einen angespannten Mann, der mit ungewohnter rhetorischer Mühsal, dafür aber mit erhöhter Lautstärke einen Katalog von Themen abarbeitete. Mehr Zeit als seiner umstrittenen Aufstellung widmete er jenen Themen, bei denen er punkten konnte.

Er rechnete mit jenen Populismus-Debatten ab, die der Boulevard nach dem EM-Aus initiiert hatte. "Punkt eins", begann er: "die Leitwolfdiskussion!" Kunstpause. "Mit dieser Struktur und diesen Spielern - Lahm, Klose und weitere - haben wir alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt", setzte er fort, und wenn das auch eine Nebensache und nicht mal wortwörtlich wahrheitsgemäß war (siehe ein gewisses Spiel gegen Italien), so verstand man doch, an wen sich die Botschaft richtete.

Die Adressaten waren Lahm, Klose und die anderen Getreuen, mit denen er in zwei Jahren zur WM in Brasilien aufbrechen will. Im Team stünden "Spieler, die für Willen und Ehrgeiz stehen", sagte Löw, "diese Diskussion halte ich nicht für in Ordnung, ich werde sie künftig nicht mehr führen".

Ähnlich leicht fiel Löw auch die Erledigung eines anderen Klassikers. "Der zweite Vorwurf, der immer wieder im Raum steht: Spieler mit Migrationshintergrund singen die Hymne nicht und vergessen deshalb zu kämpfen", referierte er (im Übrigen ohne Notizzettel oder Teleprompter). Diese Debatte hatte es in der Tat vor vielen Wochen gegeben, ein paar konservative Politiker hatten sie vorangetrieben, und nun gab ihnen Löw eine Antwort: "Fatal finde ich, was man unterschwellig raushört, dass diese Spieler vielleicht keine guten Deutschen sind. Das finde ich schlecht! Die Hymne zu singen ist schön, aber sie nicht zu singen, ist noch lange kein Beleg für die Unlust zu kämpfen."

Es ist wohl so, dass Löw sich am Montag außer an die deutschen Fußballfans auch an seine mutmaßlich vor den TV-Geräten versammelten Spieler wandte, um sie wissen zu lassen, dass sie erstens auf seine Unterstützung zählen können, und dass man sich - zweitens - ab sofort in einer imaginären Festung gegen Häme und Boshaftigkeit der Widersacher da draußen verschanzen werde.

"Fakt und grundsätzlich ist auf jeden Fall eines", rief Löw also aus, es war die zentrale Botschaft seiner Regierungserklärung: "Unser Weg, den wir vor einigen Jahren eingeschlagen haben, der stimmt! Daran werden wir absolut festhalten." Dieses Beharren ließ nicht zuletzt den Schluss zu, dass Löw nach eigenem Empfinden auf das Finale seiner Bundestrainer-Tätigkeit zusteuert, und dass er für den Höhepunkt, den die WM in Brasilien bringen soll, keine großen Rücksichten mehr nehmen will.

© SZ vom 14.08.2012/fred
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