bedeckt München 26°

Bundestrainer Löw scheitert bei Fußball-EM:"Zum vierten Mal in die Fresse"

Dass die Gegentore dann jeweils über die verwaiste rechte deutsche Seite fielen, versinnbildlicht Löws fehlgeschlagen Plan. Vor dem 0:1 hatte der staksige Giorgio Chiellini den weiten, freien Raum vor sich und trug den Ball bis zu Stürmer Antonio Cassano. Das anschließende Abwehrverhalten von Mats Hummels hatte allerdings keine taktischen Ursachen, es war schlichtweg schwach. "Er hat den Ball zwischen den Beinen liegen, ich sehe das, will den Ball wegspitzeln, krieg ihn aber nur drei Zentimeter weg, er dreht sich, flankt. Klar, den Zweikampf muss ich gewinnen", gestand Hummels. Denn die Flanke fiel genau auf den Kopf von Mario Balotelli, Italien ging in Führung.

Deutsche Elf in der Einzelkritik

Desorientiert, aber gut frisiert

Nach dem Rückstand offenbarte sich die gesamte Verunsicherung der deutschen Mannschaft. Weil die Italiener ganz weit vorne angriffen, zerfaserte der Spielaufbau, die Selbstsicherheit war einer kollektiven Angst gewichen, den nächsten Fehler zu begehen. Hummels hatte mit seinem Missgeschick vor dem Gegentor zu kämpfen, Bastian Schweinsteiger strahlte wieder die Präsenz eines Spielers aus, der aufgrund von Verletzungen nicht fit ist.

Toni Kroos wusste, wie er sich in der Defensive verhalten muss. Wohin er bei eigenem Ballbesitz rennen sollte, wusste aber offenbar niemand. Lukas Podolski hatte seine besten Szenen vor dem Spiel, als die polnischen Zuschauer seinen Namen durch das Stadion brüllten. So wunderte sich Stürmer Mario Gomez darüber, dass reihenweise Bälle auf Scheitel- und Brusthöhe in seine Richtung flogen, die selbst Mario Mandzukic oder Claudio Pizarro nicht verarbeitet hätten.

Das 0:2 bereitete Montolivo auf der leeren deutschen rechten Seite mit einem der gefürchteten langen Pässe auf Balotelli vor. Philipp Lahm, sonst noch einer der besten, verschätzte sich völlig und musste zusehen, wie Balotelli den Ball ins Kreuzeck nagelte (36.). Dass der Torschütze danach in einer Kraft- und Überlegenheitspose seinen statuenhaften Oberkörper zeigte, blieb Balotellis egozentrische Randnotiz. Entscheidender war, dass seine Mitspieler ihre fußballerischen Fähigkeiten zeigten, wie Balotelli seinen Oberkörper.

Leidenschaftlicher, energischer, entschlossener

Die Italiener hatten nicht nur den besseren Plan dabei, sie wirkten auch leidenschaftlicher, energischer, entschlossener. Zwar durften die Deutschen für sich in Anspruch nehmen, nicht gerade vom Glück verfolgt gewesen zu sein. Pirlo rettete zu Beginn des Spiels gegen Hummels auf der Linie, Torwart Gianluigi Buffon hielt Fernschüsse von Kroos, Sami Khedira und einen Freistoß von Marco Reus. In der konfusen Schlussphase hätte vielleicht früher das 1:2 fallen können als erst in der Nachspielzeit durch einen Handelfmeter von Mesut Özil.

Doch hätten die Italiener in der zweiten Halbzeit ihre Konter schlauer zu Ende gespielt, Deutschland wäre in ein Debakel gerutscht. Mario Gomez wies dezent darauf hin, dass man ein Spiel auch mit einem fehlerhaften Matchplan gewinnen kann: "Man kann immer die Taktik vorschieben, aber wir auf dem Platz müssen das regeln und das haben wir nicht geschafft."

Als die deutschen Spieler merkten, dass der Plan ihres Trainerstabs nicht aufging, gerieten sie phasenweise in Panik. Plötzlich hielten sich manche an überhaupt keinen Plan mehr und liefen anarchisch über den Rasen oder standen wie Kroos Mitte der zweiten Halbzeit sekundenlang ratlos herum. Löw versuchte in der Halbzeit, seine Fehler durch die Einwechslungen von Miroslav Klose und Marco Reus zu korrigieren. Doch das reichte bei weitem nicht. Die Dynamik des Abends wäre nur noch durch einen glücklichen Umstand, durch ein frühes 1:2 zu stoppen gewesen. Doch das gelang nicht.

Auf die Fehler angesprochen, reagierte Joachim Löw betont ruhig: "Im Nachhinein kann man immer leicht sagen, ich hätte etwas ändern sollen." Er betonte die Notwendigkeit, sich auch nach den Stärken des Gegners richten zu müssen. Kapitän Philipp Lahm verwies auf die Fehler vor den Gegentoren: "In unserer Mannschaft steckt so viel Potential, aber wenn man es dann nicht abrufen kann oder in einigen Situationen nicht clever ist, dann verliert man so ein Spiel."

Was bleibt am Ende der Nacht von Warschau? Im vierten Turnier in Folge ist die talentierte deutsche Mannschaft kurz vor dem Ziel gescheitert. Im vierten Turnier in Folge ist sie weder unglücklich noch unverdient ausgeschieden, sondern hat ein großes Duell völlig zurecht verloren, weil wirksame Mittel fehlten, um dem starken Gegner beizukommen. Acht Spieler des FC Bayern München hatten angesichts der Pleiten in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League nun "zum vierten Mal in die Fresse" gekriegt, wie es Mario Gomez formulierte.

Und es bleibt ein Satz des 34-jährigen Miroslav Klose: "Der Trainer hat in der Kabine gesagt, dass es weitergeht. Aber für mich kommen nicht mehr viele EM oder WM."