Bundestrainer:Und wer macht's nun?

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Bundestrainer: Jürgen Klopp, Hansi Flick und Ralf Rangnick

Jürgen Klopp, Hansi Flick und Ralf Rangnick

(Foto: imago(2); AP)

Joachim Löw hört nach der EM auf und der DFB muss zum ersten Mal seit 17 Jahren einen Trainer finden. Drei bis vier Kandidaten drängen sich auf - einfach wird das aber nicht.

Von Martin Schneider

Selbst wenn man mit Mühe ein paar rhetorische Hintertürchen in Jürgen Klopps Aussagen suchen wollte - sie waren recht schwer zu finden. "Nein", wiederholte der Trainer des FC Liverpool nach seiner offiziellen Pressekonferenz, in der er schon "Nein" gesagt hatte. Er stehe für den Bundestrainerposten nicht zur Verfügung. "Ich habe ja Vertrag", sagte Klopp im Interview beim Sender Sky "und selbst wenn Liverpool mich rausschmeißt, werde ich ganz bestimmt ein Jahr Pause machen, also funktioniert es einfach nicht."

Klopps Vertrag läuft in Liverpool bis 2024, gerade marschiert er dort zwar durch eine handfeste Krise, allerdings waren sie am River Mersey nach den vergangenen zwei Jahren kurz davor, eine Klopp-Statue in den Hafen neben die Beatles-Statue zu setzen. Eine schwache Saison werden sie "Jurgen" verzeihen (zumal man in Liverpool traditionell niemals alleine geht) und selbst wenn man nun auf den Gedanken käme, dass Klopp eventuell für die Heim-EM 2024 in Deutschland zur Verfügung stehen könnte, meinte er: "Wenn nach dem Sommer ein neuer Bundestrainer kommt und der dann sehr erfolgreich ist, dann wird 2024 kein Hahn krähen nach mir. Und das ist dann auch gut so." Da war sie dann doch, die winzige Hintertür.

Dennoch: Für einen Bundestrainer Klopp müssten nun schon sehr viele Wenn-dann-Sätze zusammenpassen. Wenn er in Liverpool geht oder gehen muss und wenn er sein Jahr Pause genommen hat und wenn der neue Bundestrainer nicht erfolgreich ist, dann käme die bei den meisten Fußballfans wohl populärste Lösung für das Amt des ersten Trainers in der Bundesrepublik zustande.

Historisch tut sich der DFB schwer mit der Bundestrainer-Suche

Mit ganz vielen solcher Wenn-dann-Situationen muss sich nun der Deutsche Fußball-Bund (DFB) beschäftigen, wenn es darum geht, eine Nachfolge für Joachim Löw zu finden. Sie sind darin ein bisschen aus der Übung gekommen in Frankfurt, weil es ja faktisch seit Jürgen Klinsmann, also seit 17 Jahren, nicht mehr notwendig war, einen Trainer aktiv zu finden. Das sind Zustände wie beim SC Freiburg.

Historisch tut sich der DFB auch schwer mit dem Finden des wichtigsten Angestellten, in der Vergangenheit wurde erst konsequent der Co-Trainer befördert (Helmut Schön, Jupp Derwall), die Lichtgestalt genommen (Franz Beckenbauer), wieder der Co-Trainer befördert (Berti Vogts). Als Egidius Braun dann nach einem gewissen Chaos auf Erich Ribbeck kam, ging das begrenzt gut aus. Die vielleicht kurioseste Geschichte ist immer noch die, dass Rudi Völler Teamchef wurde, einfach, weil er bei der entscheidenden Verhandlung um einen möglichen Bundestrainer Christoph Daum als Vertreter von Bayer Leverkusen mit am Tisch saß. Die Runde brauchte einen Übergangstrainer, der Blick fiel auf ihn, der Sage nach rief er noch seine Frau an und dann hatte er den Posten.

Wie die aktuelle Suche ausgehen wird, ist ungewiss, aber man kann dem DFB ein bisschen beim Denken zugucken. Könnte sich der Verband den Trainer einfach so aussuchen, würde er schnell bei Hansi Flick landen. Neben seiner Qualifikation als Weltmeister-Co-Trainer 2014 hat er aktuell gerade alle Vereinstitel der Welt gewonnen, zudem spielt die halbe Nationalmannschaft eh schon beim FC Bayern. Es gibt schlechtere Bewerbungsmappen.

Flick steht aber ebenfalls unter Vertrag und da beginnen die Schwierigkeiten. Der Kontrakt läuft bis 2023, in München sind sie wenig überraschend sehr zufrieden mit seiner Arbeit - könnten nun aber in die Situation kommen, sogar als FC Bayern um ihren Trainer kämpfen zu müssen. Falls sich Flick zwischen dem Job beim Rekordmeister und dem Job als Bundestrainer entscheiden müsste, würde ihm das zunächst eine absolut hervorragende Verhandlungsposition in München verschaffen - zum Beispiel bei der Zusammenstellung des Kaders.

Gleichzeitig ist es eine heikle Sache, als DFB dem FC Bayern den Trainer "abzuwerben", da genügten in der Vergangenheit schon ganz andere Sachen für Donnerwetter zwischen Säbener Straße und Otto-Fleck-Schneise. In der Angelegenheit kommt es wohl vor allem darauf an, was Flick selbst möchte und in welchen Zeiträumen der DFB plant. Will man einen Trainer für die WM 2022 in Katar und die EM in Deutschland? Oder würde der DFB tatsächlich auf einen Trainer der Kategorie Flick warten?

In welcher Rolle sähe sich ein möglicher Bundestrainer Rangnick?

Ein Kandidat, bei dem man diese Schwierigkeiten nicht hätte, wäre Ralf Rangnick. Der ist im Gegensatz zu Klopp und Flick an keinen Vertrag gebunden und seine fachlichen Qualifikationen sind absolut unumstritten. Im Fall Rangnick käme es darauf an, ob der DFB Flick aufgibt - und in welcher Rolle sich Rangnick sieht. Der 62-Jährige ist dafür bekannt, das große Ganze mitzudenken und da gäbe es beim DFB viele Bereiche, die vermutlich mit dem Zuständigkeitsbereich von Oliver Bierhoff, offizieller Titel "Direktor Nationalmannschaft", kollidieren würden.

Die DFB-interne Lösung wäre Stefan Kuntz, aktueller Trainer der U-21-Nationalmannschaft und dort ziemlich beliebt. Für ihn spräche, dass er die Verbandsstrukturen kennt, ebenso den Job als Nationaltrainer, wenn auch nur bei den Junioren. Was nur auf den ersten Blick ein zu vernachlässigendes Argument ist, da sich der Job des Verbandstrainers und des Vereinstrainers ja doch unterscheiden. Schaut man ins europäische Ausland, sieht man zum Beispiel in England mit Gareth Southgate einen Trainer, der zuvor keine nennenswerte Vereinskarriere hingelegt hat und als gefühlt erster englischer Nationaltrainer seit Jahrzehnten die Mannschaft auf Kurs bekommt.

Und wäre das alles nicht schon schwer genug, steckt die Nationalmannschaft ja gerade in einem kleinen bis größeren Tief. Die Begeisterung ist an Einschaltquoten messbar niedrig, ein neuer Trainer müsste auch so was Ähnliches wie Aufbruchstimmung erzeugen. Viel Arbeit für die Entscheider in der DFB-Zentrale, die in den vergangenen Wochen und Monaten ja auch noch mit diversen Machtkämpfen, Steuerrazzien und internen Ermittlungen zu kämpfen hatten. Eine chaosfreie Trainersuche täte dem Verband ganz gut.

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