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Bundestrainer Joachim Löw:Jetzt redet der Chef

Joachim Löw

Warum lief es so schief in Russland? Bundestrainer Joachim Löw stellt an diesem Mittwoch seine Analyse vor.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Heute stellt Bundestrainer Joachim Löw seine WM-Analyse vor - nach einer Weltmeisterschaft mit Vorrunden-Aus, Grüppchenbildung und Pädagogik aus dem Landschulheim. Von ihm werden jetzt Signale erwartet.

Das Problem des deutschen Fußballs ist auch, dass er sich über ein Leitmotiv zu definieren versucht, das aus der Zeit gefallen ist: Es stammt aus dem Jahr 1955. Damals veröffentlichte Sammy Drechsel einen Roman, dessen Titel als Hintergrundmelodie immer noch mitschwingt, sobald eine Formel für den Erfolg gesucht wird: "Elf Freunde müsst ihr sein", nannte der Berliner Sportreporter, der in München später mit Dieter Hildebrandt die Lach- und Schießgesellschaft gründete, seinen Klassiker.

Auch heute sind in der Erforschung des jüngsten WM-Debakels wieder Elemente einer Elf-Freunde-Sehnsucht zu entdecken. Von Grüppchenbildung ist da die Rede. Von einem Konflikt Alt gegen Jung. Und nun werden vielfach auch noch die vermeintlich spalterischen Kategorien "Kanaken" (für Spieler mit Migrationshintergrund) und "Kartoffeln" (für Spieler ohne) als Ursache des Scheiterns aufgegriffen, die teamintern Verwendung fanden.

Gut, dass da am Tag, bevor Joachim Löw an diesem Mittwoch um 12 Uhr einen neuen Spielerkader als Ergebnis seiner eigenen Nachforschungen präsentiert, Lukas Podolski ein kleines Comeback gab. Als Kronzeuge, zugeschaltet via Bild aus dem fernen Japan, nahm er der Kategorisierung ihre gesellschaftspolitische Spannkraft: "Ausdrücke wie Kanaken und Kartoffeln fielen auch schon bei der EM 2016. Jeder von uns weiß, dass es als Flachs gemeint ist", so Podolski.

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Ganz sicher fielen solche Ausdrücke auch schon auf jenem Berliner Schulhof, auf dem Drechsels Elf-Freunde-Märchen spielt. Und sie fielen auch 2014 in Brasilien in jenem sagenumwobenen Campo Bahia, in dem Podolski in Haus 3 wohnte. Die Wohngemeinschaft Nummer 3 hatte Per Mertesacker zum Hausvorstand; als Mitbewohner waren ihm neben Podolski die Spieler Özil, Boateng, Khedira sowie Torwart Zieler zugeteilt. Löws Stab hatte sehr viel Energie investiert, dieses multikulturelle WG-Prinzip zu etablieren. Es galt spätestens als lustiges Modell für ein integratives Deutschland, nachdem Argentinien im WM-Finale 1:0 besiegt worden war.

Die DFB-Pädagogik kennt man sonst nur vom Landschulheim

Eine wegweisende Frage, die sich daraus an Joachim Löw ergibt: Warum hat er 2018 nicht an diese WG-Idee angeknüpft? Warum hat er nicht wieder Spieler eng miteinander in Bezug gesetzt, die weder im Klub noch vom sozialen Hintergrund her sehr viel miteinander zu tun hatten?

Aus dem Quartier in Watutinki, das jetzt ein strapaziertes Alibi fürs Scheitern liefert, wurde nicht viel mehr bekannt, als dass nächtens von der Teamleitung das Internet abgestellt wurde. Zu viel sei beim Computerspiel gedaddelt worden. Eine Pädagogik, die man sonst nur vom Klassenausflug ins Schullandheim kennt.

Fast jede Fußballmannschaft ist heute eine Zweckgemeinschaft. Jeder kennt die Teams der Kreisklasse und ihre diversen Grüppchen, hier die Handwerker, dort die Studenten, man versucht, zusammen Spaß und Erfolg zu haben, und dann geht bis zum nächsten Training jeder seines Weges. Eine Nationalelf ist eine Komposition auf sehr kurze Zeit. Ein flott nominierter Mikrokosmos, auf den heutzutage noch viel stärkere Fliehkräfte einwirken als zum Beispiel bei der WM 1986 in Mexiko. Legendär die Vorgänge damals im Hotel "Mansión Galindo". Auf der einen Seite des Pools lag die Kölner Gruppe um Toni Schumacher, auf der anderen unversöhnlich die Münchner Gruppe um Karl-Heinz Rummenigge; Torwart Uli Stein nannte Teamchef Beckenbauer einen "Suppenkasper", Stein flog heim, die übrigen pflegten ihre Streitkultur und gelangten ins Finale, in dem Maradona dominierte.

Seither haben all die Egos noch einmal Verstärkung bekommen. Die Nationalspieler reisen an mit Manager- und Beraterstab, familiärer Entourage samt Friseur. Verpflichtet fühlen sich diese Fußball-Unternehmer erst einmal nur einer Gruppe: der eigenen. Die Berater versuchen, ihre Themen zu diktieren, ihre Spieler ins Team zu drücken; viele Situationen, die sie so schaffen, sind auch für einen Bundestrainer neu. Doch nicht nur in der Erdoğan-Özil-Affäre wählte Löw die falsche Lösung, als er hoffte, die Fotos würden sich samt Konflikt schon in Luft auflösen. Auch seine Elf war später strategisch schlecht beraten, was sich in den finalen Schreckensminuten beim 0:2 gegen Südkorea visualisierte: So sieht Angst aus!

Deshalb ist es gut, dass die öffentliche Deuterei nach zweimonatiger Bedenkzeit jetzt endlich konkret wieder dort landet, wo sie hingehört: Oben, beim Chef, der bestens honoriert wird, um die Agenda zu setzen. Auf den elementaren Feldern seines Jobs - moderne Menschenführung, kreative Strategie - werden vom Bundestrainer neue Signale erwartet. Seit zwölf Jahren ist Löw nun im Amt, an diesem Mittwoch fängt er noch einmal von vorne an.

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