Bundestrainer Joachim Löw Er kann auch anders

Joachim Löw profitierte auch vom überschaubaren Trainermarkt

(Foto: dpa)
  • Joachim Löw hat sich emanzipiert von den ungeschriebenen Branchenregeln, wonach kein Bundestrainer ein Vorrunden-Aus im Amt überlebt.
  • DFB-Präsident Grindel hatte ihm mit der Vertragsverlängerung vor der WM bis 2022 dafür den Weg geebnet. Löw wusste daher auch nach dem WM-Aus, dass der Verband ihn nicht kühl entfernen kann, ohne in Erklärungsnot zu geraten.
  • Dass er aus Fehlern lernen kann, hat Löw aber schon einmal gezeigt: Nach dem vercoachten EM-Halbfinale 2012 hatte er sich von ein paar romantischen Vorstellungen verabschiedet.
Von Christof Kneer

Wahrscheinlich kommt es immer darauf an, wie man zählt. Zählt man den Tag des Ausscheidens schon mit, oder beginnt die Zeitrechnung erst am Tag des Heimflugs? Die meisten Chronisten haben sich damals auf die Zahl "53" geeinigt, andere haben die "49" ins Spiel gebracht. Fest steht: Es war ganz schön lange. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) haben sie sich fast schon Sorgen gemacht damals, sie waren kurz davor, den Behörden eine offizielle Vermisstenanzeige zu überreichen. Gesucht wurde: ein Mann Anfang 50, sehr gepflegtes Äußeres, zuletzt gesehen im Großraum Freiburg. Besondere Kennzeichen: Espressotasse.

Joachim Löw ist damals doch wieder aufgetaucht, im Spätsommer 2012, nach 49 oder vielleicht auch 53 Tagen. Wie er diese Tage so alle verbracht hat, ist bis heute unklar, es gibt nur wenige Bilddokumente, die sich in der Regel durch zwei Merkmale auszeichnen. Erstens: Sie landeten immer bei der Bild-Zeitung. Zweitens: Es war immer eine Sonnenbrille drauf.

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Der Jogi sei damals "trotzig" gewesen, sagt ein langjähriger Begleiter, man weiß nur bis heute nicht genau, warum. Wenn man sich richtig erinnert, war es ja Löw selbst gewesen, der kurz zuvor im EM-Halbfinale gegen Italien eine so schiefe Aufstellung gewählt hatte, dass statt des Gegners blöderweise die eigenen Spieler durcheinander geraten waren. Vercoacht!, dieses böse Wort hallte danach durchs Land, und Löw wurde trotzig. Zurück trat er nicht.

Ein bisschen wiederholt sich die Geschichte nun sechs Jahre später, aber immerhin gab es diesmal keinen Grund, nach einem Mann Ende Fünfzig zu fahnden. Diesmal waren es nur fünf Tage - eins, zwei, drei, vier, fünf -, die sich der Bundestrainer nach dem Vorrunden-Aus bei der WM in Russland entschuldigen ließ, bevor er mitteilen ließ, dass er übrigens auch diesmal Bundestrainer bleiben werde.

Er sei "sehr dankbar für das Vertrauen, das der DFB weiterhin geschlossen in mich setzt", ließ sich Löw, 58, also am Dienstag in einem Verbandskommuniqué selbst sagen, er spüre "trotz der berechtigten Kritik auch generell viel Rückhalt und Zuspruch". Tatsächlich ist dies immer ein entscheidendes Kriterium für diesen Trainer und Menschen gewesen, und so hat Löw in den vergangenen eins, zwei, drei, vier, fünf Tagen genau registriert, dass sowohl seine Nationalspieler als auch die Trainer und Manager der Bundesligisten sich für ihn ausgesprochen haben; ebenso übrigens das Medium, das Sonnenbrillenbilder druckt.

Daraus hat Löw abgeleitet, dass er's noch mal wagen kann. Dass es also doch keinen Grund gibt, den schönsten Job der Welt wegzuschmeißen, der in den vergangenen Tagen übrigens noch ein bisschen schöner geworden ist.

Joachim Löw weiß jetzt, dass dieser Job so cool ist, dass er einem sogar ein monumentales Scheitern verzeiht.

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Seine Enttäuschung sei "nach wie vor riesig", meinte Löw, er wolle "nun aber mit ganzem Einsatz den Neuaufbau gestalten". Natürlich war dem Verband und seinem obersten Trainer bewusst, dass dieses Signal für den Erhalt des Jobs nötig ist: dass der Trainer sich demütig zeigt und gleichzeitig ein Zeichen des Aufbruchs sendet. Ein Weiter so, Deutschland! hätte selbst der schönste Job der Welt nicht verkraftet.

Dabei war das Szenario der vergangenen (eins, zwei, drei, vier, fünf) Tage ja doch etwas bizarr gewesen: Die Fußballwelt hatte bang nach Freiburg geblickt. Was macht der Jogi? Erkältet er sich auch nicht in seinem Oldtimer, in dem er demonstrativ lässig durch sein Südbaden kreuzt? Der DFB hatte keine Wahl, er musste solche Bilder zulassen, obwohl sie die Verhältnisse ins Gegenteil verkehrten. Die Bilder zeigten einen Mann in der Position der Stärke, einen Mann, der's genießt, dass das Land an seinen Sonnenbrillen hängt und sehnsuchtsvoll auf sein Jawort wartet. Es war - nur der Vollständigkeit halber - jener Mann, der die Wettbewerbshärte seiner Spieler offenbar vom ersten Trainingslagertag an unterschätzt hatte; der Mann, dessen Team von Mexiko überrumpelt wurde, ohne rettende Signale von der Trainerbank zu empfangen; der Mann, dessen morsche Weltmeister sich nicht mal mehr vom identitätsstiftenden späten Siegtor gegen Schweden helfen ließen.

Löw hat sich offenkundig emanzipiert von der ungeschriebenen Branchenregel, wonach kein Bundestrainer ein Vorrunden-Aus im Amt überlebt. Dass ihn keiner aus diesem Amt schubsen wollte, hat - neben Löws grundsätzlicher und durchaus berechtigter Beliebtheit - einige Gründe, die schon einen Teil der Geschichte erzählen. Denn dem DFB ist gar nichts anderes übrig geblieben, als Löw zu unterstützen. Schon sehr stolz war ja der Verbandspräsident Reinhard Grindel, als er Löws Vertrag kurz vor der WM bis 2022 ausdehnte; ohne Not, Löw war ohnehin bis 2020 gebunden und hatte keinerlei Druck ausgeübt. Für Grindel war Löw in diesem Moment eine Art Trophäenjogi, von dessen Weiterverpflichtung sich auch der Präsident ein wenig Sonnenbrillencoolness versprach.