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Bundestrainer Löw:Demonstratives Desinteresse für die Kritiker

Mit beeindruckendem Selbstverständnis moderiert Bundestrainer Joachim Löw bislang alle Debatten vor und während der Europameisterschaft. Damit fährt er ausgesprochen gut. Er beachtet Mehmet Scholl kaum, versichert stattdessen Mario Gomez seine Unterstützung. Ergebnis dieser Taktik: zwei weitere Treffer des Stürmers.

Joachim Löw erregte großes Aufsehen mit dieser Unart. Das gesamte Ausland diskutierte darüber. Vor allem die Südländer verzogen angeekelt das Gesicht. Ist das die deutsche Art? Macht ihr Deutsche das immer?

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"Mario hat noch viel vor"

Der Bundestrainer wurde 2010 in Südafrika während des WM-Viertelfinals gegen England dabei erwischt, wie er, nun ja, ausgiebig in der Nase bohrte. Das führte 2010 in einigen Ländern zu der Debatte, ob die Deutschen eine gute Erziehung genössen, wie es um den guten Geschmack in diesem Land bestellt sei. Das Pars (Joachim Löw) wurde auf das Toto (Deutschland) übertragen. So ist das während der großen Fußball-Turniere: Ein Bundestrainer repräsentiert das Land, auch und gerade, wenn er in der Nase bohrt.

In Charkow 2012 gab es wieder eine Beobachtung am Rande: Löw schlich sich Kaugummi kauend von hinten an einen ukrainischen Balljungen heran und stupste dem Jungen mit dem strengen, blonden Rechtsscheitel, der so hochkonzentriert dreinblickte, den Ball aus dem Arm. Der Bub drehte sich mit strengem, fast empörtem Blick um. Jemand hatte ihm sein Arbeitsgerät geklaut, was ist ein Balljunge wert ohne Ball? Als Löw erkannte, dass er den armen Jungen völlig irritiert hatte, lächelte er ihn an, klopfte ihm entschuldigend auf die Schulter, trabte selbst die paar Meter zum Ball und spielte ihm sein Arbeitsgerät zurück. Die Frage nach der guten Erziehung von Joachim Löw dürfte damit beantwortet sein.

Dass ein Bundestrainer im heiß dampfenden Metalist-Stadion von Charkow beim Stand von 0:0 gegen den Rivalen aus den Niederlanden zu kleinen Scherzen mit Balljungen aufgelegt ist, sagt viel über diesen 52-jährigen Fußballlehrer aus Schönau im Schwarzwald. Er ist zwar einerseits vollkommen eingetaucht in dieses Turnier, studiert, analysiert, strukturiert was das Zeug hält, um den größtmöglichen Erfolg zu haben. Andererseits wirkt er selbstsicherer als in Südafrika und hat deshalb im wildesten Trubel die Muße für kleine Begegnungen mit ukrainischen Balljungen. Er kann sich völlig auf sich selbst verlassen.

Alle hatten mit Miroslav Klose gerechnet

Mit diesem Selbstverständnis hat er bislang alle Debatten moderiert. Die kleine nach dem irritierenden 3:5 im Testspiel in der Schweiz. Und die große nach dem ersten EM-Spiel um Mario Gomez. Er strafte den Kritiker Mehmet Scholl mit demonstrativer Nichtbeachtung ("Was von außen kommt, ist mir egal") und versicherte dem Angegriffenen seine Unterstützung (Gomez: "Der Trainer hat gesagt, er entscheidet und sieht das anders."). Diese Taktik führte zu zwei weiteren Treffern des Stürmers. Einer schöner als das andere.

Es ist wie überall im Arbeitsleben: Wenn sich der Chef nach Kritik von außen vor die eigenen Mitarbeiter stellt, führt das zu Vertrauen und auch Dankbarkeit. Die Arbeitsleistung steigt danach in der Regel an. Die Causa Gomez verdeutlicht aber noch mehr: Löw hat gezeigt, dass er diesmal bei Bedarf von Gewohntem ablässt und auf aktuelle Eindrücke reagiert. Alle hatten ja mit Miroslav Klose gerechnet im Sturmzentrum.

Natürlich könnte die Mannschaft in der "gruup of däss" (badisch für: Todesgruppe) nun auch anders dastehen, bei den Siegen gegen Portugal und die Niederlande half auch das Glück ein wenig mit. Doch in einem solchen Turnier muss man alles mitnehmen, was man kriegt, die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Ergebnis haben Löw und sein Trainerteam jedenfalls geschaffen. Und wenn die Welt nun wieder ihn als Pars pro Toto für das Land nimmt, dann sind die Deutschen für einen Augenblick das am besten gekleidete, lockerste und höflichste Volk Europas.

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