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Bundestrainer Joachim Löw:Löws Nimbus des Unangreifbaren ist zerstört

Die Erdogan-Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan belasteten die WM-Mission dann eben doch. Die schwachen Testspiele waren eben kein Zufall. Nicht einmal das 0:1 gegen Mexiko wurde ernst genug genommen. Als Löw dann sagte, seine Mannschaft habe vor dem Turnier eine "gewisse Selbstherrlichkeit" erfasst, wusste man erst nicht, ob er sich da mit einschloss. Die Bilder vor dem zweiten Gruppenspiel auf einer Brücke in Sotschi, wo er mit Sonnenbrille an einer Laterne lehnte, sendeten jedenfalls nicht das Signal, da würde nun einer Tag und Nacht schuften, um den buchstäblichen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Dazu das Murren, weil das Teamquartier Watutinki halt nicht am brasilianischen Meer lag. Bodenständig klingt anders.

Und die fußballfachlichen Fragen: Wieso kommen Leroy Sané und Ilkay Gündogan vom englischen Meister Manchester City bei ihm nicht klar? Wieso erklärt er Sami Khedira vor dem Turnier für unverzichtbar, und der entpuppt sich dann als einer der schwächsten? Wieso schaut er mehr als eine Halbzeit lang zu, wie seine Mannschaft von Mexiko taktisch überrannt wird? Wie kann es sein, dass die Spieler zum entscheidenden Gruppenspiel gegen Südkorea mit der Körperspannung eines Fotoshootings mit Sonnenbrille erscheinen?

Ein Teil des Publikums hatte immer Probleme mit Löws etwas jovialer, lässiger Art. Das Fußballvolk hängt bisweilen an den Grasfressern und Malochern, an Leuten mit Emotion und Kampfeslust. Aber solange die Ergebnisse stimmten, hielten die Kritiker still. Die WM in Russland hat Joachim Löws Nimbus des Unangreifbaren zerstört. Vielleicht verzeihen ihm die meisten dieses eine verkorkste Turnier, aber der Bonus ist weg.

Nun muss er von seinem Heiligenstand heruntersteigen und eine neue Nationalmannschaft basteln. Er trainiert gegen das Misstrauen an, seine Zeit sei eigentlich vorüber. Er muss sich wieder mit Kritikern und Andersdenkenden beschäftigen, um dem Eindruck vorzubeugen, er fühle sich immer noch immun. Und das wichtigste: Er muss relativ schnell gute Ergebnisse vorweisen. Es ehrt Joachim Löw zwar, dass er es noch einmal wissen will. Aber der Rucksack, den er auf diese Mission mitnimmt, ist groß und schwer.

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