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Bundestrainer Joachim Löw:Aus dem Fundi wird ein Realo

Pure Schönspielerei war gestern: Nicht nur die deutsche Nationalmannschaft hat inzwischen ihr Repertoire erweitert, sondern auch Bundestrainer Joachim Löw. Zählte für ihn früher nur die Leistung auf dem Platz, setzt er heute auch auf andere Tugenden. Vor Jahren war dies noch kaum vorstellbar.

Man kann ja mal versuchen, sich das vorzustellen. Es ist der 1. Juli, in Kiew läuft das Endspiel der EM, und Joachim Löw leidet. Er steht draußen an der Seitenlinie und muss mit ansehen, wie seine Spieler drinnen lauter Tabus brechen. Wie sie lange Bälle nach vorne hauen, grätschen oder nach Ballverlust zurückweichen, anstatt sich gleich wieder auf den Gegner zu stürzen. Man könnte sich weiter vorstellen, dass der großartige Manuel Neuer alles hält, und dass das, was er nicht hält, vom überlegenen Gegner fahrlässig vergeben wird.

Training deutsche Fussball-Nationalmannschaft

Bundestrainer Joachim Löw: Mit neuen Tugenden zum EM-Titel

(Foto: dapd)

Für die Geschichte spielt es keine Rolle, ob der Gegner Spanien, Frankreich oder Griechenland heißt, wichtig wäre allein, die Geschichte in folgendem Szenario enden zu lassen: In der Schlussminute setzt Özil, Kroos, Schürrle oder wer auch immer einen Verzweiflungsschuss ab, 28 oder 32 Meter vom Tor der Spanier, Franzosen oder Griechen entfernt. Der völlig missratene Schuss begegnet unterwegs einem Abwehrbein, eine reine Zufallsbekanntschaft, aber das Abwehrbein lenkt den Ball unhaltbar in die äußerste Torecke. Eins-null. Schlusspfiff. Deutschland ist Europameister.

Joachim Löw? Was macht jetzt Joachim Löw?

Schon klar, dieses Szenario ist so unwahrscheinlich wie das Szenario, dass Otto Rehhagel demnächst Journalist wird. Aber zum tieferen Verständnis des Bundestrainers Löw wäre es schon erhellend, seine Reaktion an der Seitenlinie zu verfolgen.

Löw ist selbstbewusst geworden

Würde er, was menschlich und deshalb wahrscheinlich ist, einen Freudensprung raushauen, dass Jürgen Klopp dagegen wie ein Stehgeiger aussieht? Würde er all seine Flicks, Köpkes, Bierhoffs in ein enthemmtes Jubelknäuel verwickeln, bei dem Arme, Beine und Köpfe bald nicht mehr zuzuordnen wären? Oder würde Löw kurz die Faust ballen, kurz lächeln und dann kopfschüttelnd in die Kabine gehen, um dieses verboten schwache Spiel aufzuarbeiten?

Joachim Löw würde diesen Titel schon nehmen, so ist es nicht. Jupp Derwall ist Europameister geworden, sogar Berti Vogts - muss man da nicht verlangen dürfen, dass auch der viel planvollere, viel präzisere Löw als Meistertrainer in die Geschichte eingeht? Auch wenn er den Titel nur einem wenig planvollen und sehr unpräzisen Fernschuss zu verdanken hätte? Löw wäre ein verdienter Sieger, das würde er übrigens auch selbst so sehen. Er hat ein recht kompaktes Selbstbewusstsein entwickelt seit der Zeit, als ein Weltstar namens Klinsmann das südbadische Trainerle zu seinem Gehilfen bestimmte.

Löw würde schmunzeln, würde man ihm mit diesem Sieg-durch-Glücksschuss-Szenario konfrontieren. Er weiß ja, dass ein Löw-Team so niemals spielen würde. Er weiß aber auch, dass einige in der Branche inzwischen leise die Frage stellen, ob dieser modische Fußball für mehr als dritte oder zweite Plätze taugt. Denn dies ist ja das Muster, das hinter den jüngsten Turnieren hervorleuchtet: WM 2006 - Dritter; EM 2008 - Zweiter; WM 2010 - Dritter.

Immer, wenn es zum Schwur kam, wurden in der Heimat die Großleinwände abgeschraubt und die Fanmeilen in normale Straßen zurückgebaut. Immer, wenn es ernst wurde, war der Spaß vorbei.

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