Zukunft der Bundesliga:Strahlkraft außer Dienst

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Zukunft der Bundesliga: Jahrelang Führungsfiguren der Bundesliga, nun schon oder schon bald nicht mehr im Chefsessel: Karl-Heinz Rummenigge (links) und Rudi Völler, hier im Jahr 2008.

Jahrelang Führungsfiguren der Bundesliga, nun schon oder schon bald nicht mehr im Chefsessel: Karl-Heinz Rummenigge (links) und Rudi Völler, hier im Jahr 2008.

(Foto: Imago)

Seifert, Rummenigge, Völler, Zorc: Dem deutschen Profifußball kommen in schwierigen Zeiten viele einflussreiche Persönlichkeiten abhanden. Für die Nachfolger wird 2022 zu einem Jahr der Profilierung.

Kommentar von Philipp Selldorf

Der eine oder andere Zugehörige des Fußballgeschäfts hat möglicherweise mindestens geschmunzelt, als Hans-Joachim Watzke neulich nach der Wahl zum Aufsichtsratschef der beiden Bundesligen (DFL) meinte, er habe sich ja 17 Jahre erfolgreich um so ein Amt gedrückt, aber nun hätten ihn die anderen Gemeindemitglieder halt "an einem schwachen Punkt erwischt". Mit dem Votum von 32 der 34 anwesenden Vereinsvertreter stehe er jetzt in der Verantwortung, sagte Watzke - und hörte sich damit wie ein Politiker an, der endlich, endlich am Ziel ist, und dessen Glück im Moment nur einen Makel kennt: Wer, verdammt noch mal, sind die beiden Abweichler, die das einstimmige Ergebnis kaputt gemacht haben?

Doch der Klang der Worte täuscht. Der 62 Jahre alte Geschäftsführer von Borussia Dortmund ist gewiss kein uneitler Mann, dennoch war, so versichern Kenner, sein Berufen auf die Pflicht keine Koketterie. Watzke hat seinen Gefallen am Chefsein beim BVB und am gesellschaftlichen Verkehr mit den Patriziern, die in Madrid, Barcelona oder Turin den großen Klubs vorstehen - ein Funktionärsposten in der DFL jedoch erschien ihm bisher nicht erstrebenswert.

Nun hält er seinen tatkräftigen Einsatz allerdings für notwendig. Denn dem deutschen Profifußball sind nach dem Rückzug des DFL-Geschäftsführers Christian Seifert zum Jahresende und dem Abtreten des im vorigen Sommer pensionierten Münchner Wortführers Karl-Heinz Rummenigge einflussreiche Persönlichkeiten abhandengekommen. Ein Vakuum hatte sich in den vergangenen Monaten bereits abgezeichnet, als Rummenigge in den Medien nicht mehr als fordernder Vordenker der Branche auftrat, sondern vor allem als nostalgischer Erzähler, während Seifert die Übergabe der Geschäfte an seine Nachfolgerin Donata Hopfen vorbereitete und sich in zunehmendem Maße diplomatisch zurückhielt, wenn in der Öffentlichkeit die Bundesliga zur Debatte stand.

Die Vereine erwarten von der DFL mehr öffentliche Parteinahme

Mit Hopfen, 44, hat sich Watzke bereits getroffen, über die Begegnung kursieren Gerüchte in der Branche, die besagen, dass der erfahrene Fußballmanager der neuen Mitarbeiterin erst mal erklärt habe, wie die Dinge so laufen. Ob das wirklich stimmt oder nur das erwartete Klischee wiedergibt, ist zunächst nicht wichtig. Fest steht, dass Hopfen keine Aufgabe übernommen hat, in die sie sich gemütlich einarbeiten darf. Die Corona-Krise geht ins dritte Jahr, die Klubs leiden an der Wiederkehr von Mangelerscheinungen und an den Restriktionen, die ihnen die Politik mit dem Geisterspielbetrieb auferlegt.

Für Hopfen stellt das eine akute Herausforderung dar. Die Vereine erwarten von der DFL mehr öffentliche Parteinahme, nachdem Seifert zuletzt diskret geblieben war, weil er das für geboten hielt - und weil er der populistischen Debatten im politischen Zirkus müde war. Wenn Watzke nun sagt, die Liga müsse für "ihre originären Rechte" wieder "akzentuierter" eintreten und "den Fußball wieder mehr zum Strahlen bringen", dann darf Donata Hopfen das als Auftrag verstehen.

Manche Klubs sind allerdings auch damit beschäftigt, den Verlust von personeller Strahlkraft im eigenen Haus zu verkraften. Auch Watzkes BVB gehört dazu, im Sommer verlässt Sportchef Michael Zorc den Verein, dem er in einer Zeit beigetreten ist, als noch Willi "Ente" Lippens und Lothar Huber das Westfalenstadion unterhielten. Die historischen Wurzeln könnten einen glauben lassen, dass Zorc bestimmt schon mindestens 100 Jahre alt ist, in Wahrheit ist er aber erst 59 und könnte dem Verein mit seinem Fußballwissen, seinen Kontakten und seiner sowohl westfälischen wie schlawinerhaften Art noch eine ganze Weile weitere große Dienste leisten - will er aber nicht.

Zorc hat genug, wie auch Rudi Völler in Leverkusen, der bei Bayer 04 gleichfalls eine schmerzliche Leerstelle hinterlässt. Die Geschäftsstelle wird auch ohne Völler funktionieren, aber dem Fußballverein wird er enorm fehlen. Sebastian Kehl und Edin Terzic sind als Nachfolger in Dortmund ebenso bereits im Dienst wie Simon Rolfes und Stefan Kießling in Leverkusen - und Oliver Kahn beim FC Bayern. Für sie wird 2022 ein Jahr der Profilierung werden, aber es würde nicht schaden, wenn sie Watzkes Wort zum Silvestervorsatz nutzten: die Bundesliga wieder mehr strahlen zu lassen.

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