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Wolfsburg-Erfolg gegen Hoffenheim:Turbulenzen im Erlebnispark

Streit in Wolfsburg

Schlechte Stimmung: Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner (li.) und Geschäftsführer Jörg Schmadtke sind aneinander geraten.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Der VfL gewinnt 2:1 gegen Hoffenheim - offen ist aber, ob das Resultat das Reizklima zwischen Geschäftsführer Schmadtke und Trainer Glasner beruhigt.

Von Javier Cáceres, Wolfsburg

Wenn dereinst eine Geschichte des deutschen Fußballs geschrieben werden sollte, wird ein kommerzieller Betrieb namens "Phantasialand" womöglich eine Rolle zu spielen haben. Weniger, weil im Internet immer noch die Beschwerden von Besuchern registriert sind, die bei der WM 2014 vergebens versuchten, dort die Spiele des späteren Weltmeisters Deutschland zu schauen. Eher schon, weil im Park eine Branchengröße namens Rainer Calmund, ehedem Manager in Leverkusen, 2019 einen runden Geburtstag feierte. Vor allem aber, weil der Geschäftsführer Sport des VfL Wolfsburg, Jörg Schmadtke, im Jahr 2020 wiederholt den (derzeit natürlich geschlossenen) Erlebnispark in Brühl im Wort geführt hat.

Wir sind ja nicht im Phantasialand", sagte Schmadtke im Juli, als Hannover 96 für Linton Maina eine zweistellige Millionenablösesumme aufrief. Am Wochenende eroberten Schmadtke samt Phantasialand die Bundesliga-Schlagzeilen. Diesmal aber nicht beim Poker um ein Talent. Sondern im Disput mit Trainer Oliver Glasner, der solche Wellen schlug, dass geraunt wurde, das vor allem am Ende turbulente 2:1 vom Sonntag gegen 1899 Hoffenheim könnte sein letztes Spiel als VfL-Coach gewesen sein. Obwohl Wolfsburg in dieser Saison ungeschlagen ist.

Ein Rücktritt, so sagte Glasner nach der Partie, "stehe in keiner Weise zur Debatte". Er gehe auch "ganz klar" davon aus, dass er nach der Länderspielpause weiter Trainer sein werde. Der 2019 von Schmadtke verpflichtete Glasner hatte sich Ende letzter Woche öffentlich über die Transferbilanz des VfL Wolfsburg mokiert. "Das Transferziel in der Offensive" sei verfehlt worden; seinem Team mangele es an "Tempo und Tiefgang" - Schmadtke reagierte erzürnt.

"Das ist ja nicht Phantasialand hier!", rief er dem Sportbuzzer zu, Glasners Vorstellungen "waren nicht realisierbar", und: "man kann nicht Dinge haben wollen, die unrealistisch sind". Gleichwohl: Er wolle einen Dialog mit Glasner über das führen, was geht, und das, was nicht geht, und überhaupt: Er sei "kein Trainerkiller". Glasner wiederum gab sich einigermaßen erstaunt darüber, welche Schärfe Debatten in Deutschland entfalten können, "dieser ganz große Aufruhr kam für mich etwas überraschend", sagte er bei Sky. Er habe das auch alles nicht so gemeint. Dann aber begab es sich, dass die dialektische Auseinandersetzung der Vorgesetzten zumindest die Konzentration der fußballspielenden Angestellten nicht hemmte. Im Gegenteil.

Die Partie begann für die nun schon seit fünf Spielen sieglosen Hoffenheimer mit einer Achterbahnfahrt, die dem Phantasialand alle Ehre gemacht hätte. Und die, ausgerechnet, von Wolfsburger "Tempo und Tiefgang" zeugte. Innerhalb von Sekunden hofften sie wegen einer (allerdings legalen) Attacke von Josip Brekalo auf den Hoffenheimer Stürmer Ishak Belfodil auf einen Strafstoß; am Ende des raschen Konters setzte der VfL aber den Ball durch Renato Steffen ins Hoffenheimer Tor.

Die kalibrierten Linien, die im Kölner Keller über die Szene gelegt wurden, brachten die Gewissheit, dass es sich um einen regulären Treffer handelte (5.). Auch dem 2:0, das 15 Minuten später folgte, ging zumindest Handlungsschnelligkeit voraus. Einem Pass in die Tiefe von Xaver Schlager folgte ein Schuss von Steffen; der erste Nachschuss von Wout Weghorst blieb in der Hoffenheimer Abwehr hängen, der zweite aber, wieder von Weghorst, landete im Tor.

Danach blieb das Spiel munter und umkämpft. Die Hoffenheimer gefielen durchaus mit guten Kombinationen, die beste Chance vergab Belfodil, als er den Ball rechts am Tor vorbei legte. Am grundsätzlichen Charakter der Partie änderte sich auch nach der Pause nichts. Wobei ins Auge stach, dass sich auch die Wolfsburger die Rede vom mangelnden Tempo und Tiefgang zu Herzen genommen hatten. Bestens zu sehen war das in der 54. Minute, als Jérôme Roussillon einen Feuerschweif in den Rasen brannte, als Maximilian Arnold ihn bei einem Freistoß in, nun ja, die Tiefe schickte.

Hoffenheims Torwart Oliver Baumann parierte (55.). Hoffenheim rang hernach um den Anschluss, doch der kam erst in der 87. Minute - und nachdem Weghorst einen Foulelfmeter vergeben hatte (83.) - durch Sargis Adamyan. Nur weil Koen Casteels in der Nachspielzeit einen Handelfmeter von Munas Dabbur hielt, blieb es beim 2:1 - und für Hoffenheim definitiv beim fünften sieglosen Spiel in Serie.

Zum Ärger von Hoffenheims Trainer Sebastian Hoeneß. Die Mannschaft sei nicht mit der nötigen Haltung in das Spiel gegangen, haderte er. "Hinten raus hat man dann gesehen, wozu wir in der Lage sind", sagte er, und kam zu einem bedrückenden Schluss: "Wir müssen jetzt schauen, dass wir die Ergebnisse ändern."

© SZ vom 09.11.2020/jbe
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