Fanproteste Der Kommerz dringt in die romantischen Nischen

Eine Wand, aber keine Macht: Fans von Werder Bremen

(Foto: dpa)

Fans von Werder Bremen und Union Berlin protestieren, weil sich Immobilienunternehmen in ihre Klubs einkaufen wollen. Doch die Anhänger sind machtlos.

Kommentar von Benedikt Warmbrunn

Die Geschichte der Sponsoren im deutschen Sport war immer auch eine Geschichte des Protests. Als sich 1973 der Fußballbundesligist Eintracht Braunschweig mit dem Likörfabrikanten Jägermeister auf eine Partnerschaft einigte, untersagte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Schiedsrichtern zunächst, Spiele mit Jägermeister-Trikot anzupfeifen. Erst nach monatelangem Streit erlaubte der DFB die Trikotwerbung, Einnahmen der Eintracht: 100 000 D-Mark. 1987 stand der Eishockeyklub ECD Iserlohn vor der Pleite, er ließ sich auf einen Deal mit dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi ein und zeigte für ein Spiel dessen Grünes Buch auf dem Trikot. Der Deutsche Eishockey-Bund verbot die Werbung, Iserlohn bekam nicht die versprochenen 1,5 Millionen Mark und musste Insolvenz anmelden.

Die Proteste der Verbände nahmen ab, inzwischen haben ein Kondomhersteller, ein Whisky-Konzern, ein französisches Atomkraftunternehmen sowie die Toten Hosen für deutsche Fußballklubs geworben. Und diejenigen, die sich nun gegen Sponsoren wehren, das sind zunehmend die zahlenden Zuschauer.

In diesen Tagen müssen sich zwei Bundesligisten mit dem Unmut des eigenen Anhangs auseinandersetzen. In Bremen haben am Pfingstmontag 500 Fans dagegen protestiert, dass die Namensrechte des Stadions an ein Immobilienunternehmen verkauft werden sollen, für einen Zehnjahresvertrag mit einem Volumen von 30 Millionen Euro; der neue Stadionname: Wohninvest Weserstadion. In Berlin empören sich die Anhänger vom Aufsteiger 1. FC Union darüber, dass das luxemburgische Gewerbeimmobilienunternehmen Aroundtown neuer Hauptsponsor wird, für angeblich 1,5 Millionen Euro jährlich. Ging es früher den Verbänden noch um Verstöße gegen die Moral, so geht es nun den Zuschauern darum, dass etwas verkauft wird, was ihnen viel mehr wert ist: um das, was so schwer zu greifen ist und was manche als Seele, andere als Herz des Vereins bezeichnen.

Wird die Seele des Vereins verkauft?

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Werder und Union pflegen jeweils das Image eines Klubs, der in einer romantisch aufgeladenen Nische erfolgreich arbeiten kann, im Gegensatz zum Rest in einer durchkommerzialisierten Fußballwelt. Die Nähe, die dabei zum Anhang hergestellt wird, lässt sich im modernen Fußball kaum aufrechterhalten, natürlich weiß das auch der harte Kern, der nun aufschreit. Entsetzt sind viele ja auch nur, weil beide Klubs sich einen Werbepartner ausgesucht haben, mit dem sie sich von den eigenen Fans entfremden.

Die Sponsoren beider Klubs verdienen viel Geld mit Gewerbeimmobilien - für zahlreiche Anhänger stehen sie daher für ein Geschäftsmodell, das bezahlbare Wohnungen verdrängt und das damit unvereinbar ist mit dem selbstauferlegten Ehrenkodex ihrer Klubs, soziale Verantwortung zu übernehmen. Dem Tagesspiegel sagte der frühere Union-Manager Christian Beeck, er sehe in einem Immobilienunternehmen als oberstem Geldgeber "ein Problem für einen Verein, der sich eigentlich gegen Kommerz ausspricht". Bei Werder ließen sich wenige damit beruhigen, dass Wohninvest doch nur der Vorname des Weserstadions sei.

Vielmehr erinnern sich bei Werder einige daran, wie sie 2012 protestiert hatten gegen den Hauptsponsor Wiesenhof; damals war der Umweltbotschafter des Klubs, Jürgen Trittin, zurückgetreten, mit den Worten: "Lebenslang Werder - keinen Tag Wiesenhof." Doch der Protest zeigte den Anhängern lediglich ihre Machtlosigkeit in einer Fußballwelt, in der der Kommerz längst auch die Nischen eingenommen hat. Der größte deutsche Geflügelzüchter, Feindbild vieler Tierschützer, ist inzwischen so lange Bremer Hauptsponsor wie kein Unternehmen in der Klubgeschichte zuvor.

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