Bremens Niclas Füllkrug:Stürmer in einem mittelstürmerlosen Land

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Bremens Niclas Füllkrug: Hat Höhen und Tiefen mit Werder erlebt: Niclas Füllkrug war in der vergangenen Saison mit seinen Toren in der 2. Liga am Aufstieg von Bremen maßgeblich beteiligt.

Hat Höhen und Tiefen mit Werder erlebt: Niclas Füllkrug war in der vergangenen Saison mit seinen Toren in der 2. Liga am Aufstieg von Bremen maßgeblich beteiligt.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Niclas Füllkrug ist der aktuell treffsicherste deutsche Torschütze - und somit automatisch ein Kandidat für die WM in Katar? Der Bundestrainer sei ja "nicht blind", sagt da selbst Lothar Matthäus.

Von Thomas Hürner, Bremen

Der SV Werder Bremen und seine Stürmer, diese spezielle Beziehung hat wohl keiner besser zusammengefasst als der Brasilianer Ailton: Musse guck! Deshalb erst mal ein Blick in die pickepackevolle Ahnengalerie: Zuvorderst ist da natürlich eben jener Ailton zu nennen, der viel schneller war, als es seine gewölbte Erscheinung je vermuten ließ. Aber war er auch der Größte?

Darüber ließe sich herrlich streiten, denn bei einem Spaziergang durchs Werder-Pantheon begegnet man auch dem eher kurzen Kopfballriesen Kalle Riedle, den schlauen Torschlawinern Wynton Rufer und Claudio Pizarro, dem eleganten Klaus Allofs, dem gerissenen Rudi Völler sowie dem so melodischen wie gefährlichen "K&K"-Sturm Miroslav Klose und Ivan Klasnic.

Und jetzt sind da noch diese zwei hässlichen Vögel.

In Bremen gilt diese Umschreibung als eine Art Adelstitel, denn die zwei "hässlichen Vögel" sind die Stürmer Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug, die definitiv nichts dagegen haben, so genannt zu werden. Sie haben sich diesen charmanten Spitznamen nämlich selber verliehen. Und sie haben ohnehin anderes zu tun, als sich in jene hypersensiblen Sprachdebatten einzumischen, die im Jahr 2022 so geführt werden.

Füllkrug ist der beste Torschütze der Liga - und deshalb auch einer für den Bundestrainer?

Füllkrug, der aufgrund einer dentalen Fehlstellung auch unter dem Namen "Lücke" bekannt ist, ist aktuell genug damit beschäftigt, Fragen nach seiner Teilnahme bei der WM 2022 in Katar abzubügeln, ohne dabei unglaubwürdig zu erscheinen. Und Ducksch, der auf die Frage nach seinem Lieblingsort in Bremen mal ganz selbstbewusst mit dem Namen einer bekannten Restaurantkette für italienisches Essen antwortete, gilt als mitverantwortlich für die missliche Lage seines Stürmerkollegen, weil er ihm die ganze Zeit so schöne Bälle auflegt, bei denen Füllkrug gar nicht anders kann, als diese ins Tor zu schießen.

Bremens Niclas Füllkrug: Zwei, die sich verstehen: Niclas Füllkrug (links) klatscht mit Sturmkollege Marvin Ducksch ab.

Zwei, die sich verstehen: Niclas Füllkrug (links) klatscht mit Sturmkollege Marvin Ducksch ab.

(Foto: Christof Koepsel/Getty)

So geschehen mal wieder am Samstagabend, beim rauschenden 5:1-Heimtriumph gegen Borussia Mönchengladbach: Querpass Ducksch, Rechtsschuss des freistehenden Füllkrug zum zwischenzeitlichen 3:0. "Lücke" ist an diesem Abend aber auch fremdgegangen, indem er eine Vorlage eines anderen Teamkollegen verwertete und damit seine persönliche Zählmarke auf sieben Saisontreffer hinaufgeschraubt hat. Das bedeutet, dass Füllkrug momentan die Torschützenliste in der Bundesliga anführt, in die sich bekanntlich Fußballer aller Nationalitäten eintragen dürfen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass Füllkrug, 29, der mit Abstand erfolgreichste deutsche Stürmer dieses aktuell bedenklich mittelstürmerlosen Landes ist, das früher mal bekannt dafür war, Torjäger in Serie zu produzieren.

Ob es da aus Bundestrainer-Sicht nicht schlau wäre, sich mal intensiv mit der Personalie Füllkrug zu beschäftigen?

Wahrscheinlich macht sich Hansi Flick längst Gedanken in der Sache, er ist ja "nicht blind", wie Lothar Matthäus nach dem Spiel gegen Gladbach treffend anmerkte. "Er sieht diese Leistungen und wird am Ende einen dieser Stürmer mitnehmen, der diese Vorzüge hat", meinte der DFB-Rekordnationalspieler noch, und es war klar, was für ein Spielerprofil er damit gemeint hatte: einen Mittelstürmer altdeutscher Bauart, der die Ellenbogen seiner Gegenspieler wie Ritterschläge entgegennimmt und trotzdem gewieft genug ist, ihnen ein ums andere Mal zu entwischen. Einen, der groß und stark ist und über einen Charakter verfügt, der in der Fußballbranche gerne als "unkonventionell" gelobt wird. Einen wie Niclas Füllkrug eben.

Hansi Flick kann sich momentan nicht über Denkanstöße der 80 Millionen anderen Bundestrainer beklagen, die gefühlt alle der Meinung sind, dass Füllkrug unbedingt mit nach Katar muss. Zu den vehementesten Vertretern dieser Forderung gehört seit Samstag auch dessen Stürmerkollege Ducksch, für den Füllkrug der "beste deutsche Stürmer ist, den wir haben". Das war eine in dieser Absolutheit bemerkenswerte Aussage, denn unter Stürmern geht es meistens zu wie unter Teenagern, die auf das letzte Stück Pizza schielen: Man gönnt dem anderen immer nur exakt so viel, bis für einen selbst weniger übrig bleibt. In diesem Spannungsverhältnis begann auch die Beziehung zwischen Füllkrug und Ducksch, die beide glauben, dass anfänglicher Futterneid notwendig war, um später als Duo zusammenzufinden. Man kann sagen: Ducksch besitzt Urheberrechte an den "Füllkrug-nach-Katar-!!!"-Wortmeldungen, die aktuell zu hören sind.

Füllkrug und Ducksch waren mal Rivalen, nun bilden sie ein unzertrennliches Duo

Denn als Ducksch, 28, in der vergangenen Zweitliga-Saison zu Werder wechselte, sollte er die Planstelle in einem Solo-Sturm einnehmen, die zuvor von Füllkrug besetzt war. Füllkrug war in dieser Zeit ständig verletzt und schoss bedenklich oft neben das Tor, aber er war natürlich trotzdem stinksauer darüber, dass ihm da einfach ein neuer Neuner vor die Nase gesetzt wurde. Füllkrug arbeitete jetzt akribisch an seiner Formschwäche und seinen Fehlschüssen, was wiederum Ducksch zusätzlich anspornte - und was auch dem Bremer Trainer Ole Werner auffiel, der mitten in der Saison eine verunsicherte Mannschaft übernahm und deshalb eine pragmatische Entscheidung traf: Warum diese beiden gegeneinander arbeiten lassen, wenn sie womöglich auch miteinander könnten?

Werner hatte da freilich noch keinen Schimmer, was er damit in Gang setzen würde. Füllkrug und Ducksch fingen im Training an, sich die Bälle zuzupassen, und je häufiger das gelang, desto mehr Freude entwickelten sie an dieser Form der Zusammenarbeit. Irgendwann fingen sie sogar an, sich bei Toren des anderen zu freuen, was gleich mehrere Sondereffekte nach sich zog: Ihre gemeinsam erzielten 39 Treffer garantierten nicht nur den Bremer Aufstieg, sondern waren gleichermaßen maßgebend dafür, dass Werder endlich wieder Werder-Fußball spielte, also offensiv, mutig, risikofreudig. So bedienten Füllkrug und Ducksch auch nostalgische Werder-Gefühle, die unter den Bremer Fans immer dann nach oben schießen, wenn da eine Mannschaft den Ball haben will und vorne zwei Typen spielen, die irre Sachen machen und das Gesamtwerk vollenden.

Füllkrug hat mit dem SV Werder schon alle Höhen und Tiefen durchlebt

Die Rollen von Füllkrug und Ducksch sind mittlerweile klarer verteilt als bei den meisten ihrer Vorgängermodelle: "Lücke" lauert ganz vorn, Ducksch treibt sich in den Räumen dahinter umher. Die fleißige Zuarbeit des Sturmpartners weiß Füllkrug zu schätzen, er war neulich sogar so uneitel, dass er dem in dieser Saison im Abschluss unglücklichen Ducksch gegen Augsburg einen Elfmeter überließ - und Füllkrug war dann auch der Erste, der nach dessen Fehlschuss moralische Aufbauarbeit leistete.

Füllkrug weiß, wie wichtig ein Schulterklopfer für einen Stürmer sein kann. Als "Königstransfer" war Füllkrug angekündigt worden, als er 2019 zum SV Werder wechselte, wo damals noch vom Europapokal geträumt wurde. Aufgewacht sind beide Parteien zwischenzeitlich in der Zweitklassigkeit, auch weil Füllkrug das Kreuzband riss und er daraufhin wirkte, als schleppe er Zusatzgewichte mit sich rum. "Diese Scheiße", sagte Füllkrug mal und meinte damit den Abstieg, "mussten wir unbedingt wieder gut machen."

Heute kann man sagen: Füllkrug und Ducksch haben das wirklich gut gemacht. Und es ist davon auszugehen, dass eine mögliche WM-Teilnahme des einen auch sehr okay für den anderen wäre.

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