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Werder Bremen:Am Abgrund ohne die grün-weiße Mauer

14 05 2016 bzuh Fussball 1 Bundesliga SV Werder Bremen Eintracht Frankfurt emspor Fankurve F; Werder Bremen - Eintracht Frankfurt, 2016, green white wonderwall

2016 hatten sich die Werder-Anhänger entschlossen, den ganzen Frust hinter einer Mauer aus Optimismus zu verstecken: die green white wonderwall war geboren.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Dank der Fans schaffte Werder 2016 im Weserstadion die Rettung. Nun trifft der Klub zum richtungs­weisenden Spiel wieder auf Frankfurt. Anhänger sind keine da - das könnte diesmal aber ein Vorteil sein.

Von Ralf Wiegand, Bremen

Man muss nur vier Jahre zurückblättern, um zu ahnen, was aus diesem Mittwochabend hätte werden können, wenn Werder Bremen zum Nachholspiel des 24. Spieltags Eintracht Frankfurt empfängt. Am 14. Mai 2016 hatte sich ganz Bremen in der Nähe des großen Weserbogens versammelt, dort, wo das Fußballherz der Stadt schlägt. Berittene Polizei musste dem Bremer Mannschaftsbus einen Weg die Rampe hinunter bahnen, vom Osterdeich zum Weserstadion. Bengalos loderten, an allen Brücken der Stadt hingen aufmunternde Plakate, und wer irgendetwas Grün-Weißes daheim hatte, holte es jetzt aus dem Schrank und zog es über wie eine Rüstung, um in diesen letzten Kampf einer verkorksten Saison zu ziehen. Gegen Eintracht Frankfurt.

Verein und Stadt waren sich vielleicht niemals näher als im Moment der größten Abstiegsangst, vor diesem Finale am letzten Spieltag der Saison 2015/2016. Bremen und Werder haben viel zusammen gewonnen, den Europacup, die Meisterschaft, das Double - aber das stärkere Gefühl, als etwas zu bekommen, ist nun mal die Angst davor, alles zu verlieren. Für den Klassenerhalt musste ein Sieg her; eine Niederlage hätte den direkten Abstieg bedeuten können. Irgendwann im Laufe dieser Saison hatten sich die Anhänger des Vereins entschlossen, den ganzen Frust hinter einer Mauer aus Optimismus zu verstecken, die green white wonderwall war geboren als Zeichen bedingungsloser Unterstützung.

Den Klassenerhalt sicherte damals vordergründig ein sehr spätes Tor von Papy Djilobodji in der 86. Minute, bei den Feierlichkeiten bis spät in die Nacht lernte auch der letzte Werder-Fan, den Namen des Abwehrspielers zu buchstabieren. Tatsächlich aber gilt diese Rettung noch heute als Leistung der ganzen Stadt, die Fan-Aktion wurde später sogar preisgekrönt - auch in dem Bewusstsein, dass sich so etwas wahrscheinlich niemals mehr wiederholen lassen wird. Denn der Bereitschaft des Publikums, die Mannschaft über die letzte Schwelle zu heben, lag ja vor allem eine große Geste des Verzeihens zugrunde: Egal, was bis dahin auch passiert war, es war vergessen, als es wirklich ernst wurde.

Diesmal können die Fans Werder nicht helfen

Vier Jahre später wirken die Bilder von damals nur noch wie eine große Sehnsucht. Wieder steht Werder am Abgrund, wieder kommt Eintracht Frankfurt zu einem Spiel der letzten Chance nach Bremen. Nur ein Sieg eröffnet den Norddeutschen die Option, den direkten Klassenerhalt noch aus eigener Kraft zu schaffen. Aber diesmal wird ihnen niemand helfen können, weil Menschenansammlungen vor dem Stadion verboten sind und drinnen nur ein paar Funktionsträger dem Geschehen folgen dürfen. Die Stadt wird verwaist sein an einem Abend, an dem sie überquellen müsste vor Erwartung, Hoffnung und Spannung, und wer darin heute irgend etwas Positives erkennen will, ist am 14. Mai 2016 nicht dabei gewesen.

Florian Kohfeldt, heute Cheftrainer der Bremer, war damals dabei, als Assistent von Chefcoach Viktor Skripnik. Skripnik hielt noch bis zum Herbst der folgenden Saison durch, dann wurde er entlassen. Florian Kohfeldt aber, diesen damals 33-jährigen Nobody, feuerten die Bosse des Vereins nicht, sondern versteckten ihn als Trainer der zweiten Mannschaft im Maschinenraum des Klubs. Mit ihm hatten Marco Bode, Vorsitzender des Aufsichtsrats, und Sportchef Frank Baumann noch etwas vor: Nach der kurzen Ära von Alexander Nouri ernannten sie Kohfeldt im Herbst 2017 zum Cheftrainer.

Im Weserstadion hat Bremen Enttäuschung an Enttäuschung gereiht

Und jetzt also wieder Eintracht Frankfurt, wieder ein Spiel auf dem schmalen Grat zwischen großer Vergangenheit und ungewissen Zukunft. Die Frankfurter haben sich mit dem unerwarteten Sieg beim VfL Wolfsburg am Samstag etwas Luft verschafft, eine Niederlage in Bremen würde auch sie wieder tief in den Abstiegskampf ziehen. Für die Bremer aber ist es ein klassisches Alles-oder-nichts-Spiel. "All out", verlangt Kohfeldt, "es geht nicht anders." Nur drei Punkte versetzen seine Elf in die Lage, den direkten Abstiegsplatz 17 zu verlassen und den weiteren Verlauf der Saison noch selbst bestimmen zu können. Sieben Punkte aus den drei vergangenen Spielen haben diesen Luxus immerhin wieder möglich gemacht.

Die Abwesenheit von allem, was Fußball in solch extremer Zuspitzung erinnerungswürdig macht, kann für Werder diesmal sogar von Vorteil sein. Denn wie groß die Bereitschaft des Publikums wäre, der Mannschaft erneut eine ähnlich miserable Saison wie vor vier Jahren nachzusehen, ist ungewiss. Gerade im Weserstadion hat Werder ja zuverlässig Enttäuschung an Enttäuschung gereiht. Nur ein Sieg und lediglich sechs Punkte daheim: Das ist die mit Abstand schwächste Bilanz aller Klubs.

Sich auf nichts anderes mehr verlassen zu können als auf sich selbst, dürfte Trainer Kohfeldt geholfen haben, seine Mannschaft in jenen "Tunnel" zu schicken, den er seit drei Spielen mantraartig beschwört. Drei Spiele lang hat Werder kein Gegentor mehr bekommen, die beste defensive Serie seit sechs Jahren. Und zwei Tore reichten für zwei Siege, beide schoss Leonardo Bittencourt - ausgerechnet Bittencourt, möchte man sagen, denn der aus Hoffenheim geliehene Dribbler ist einer jener Spieler, die extrem vom Publikum leben. Seinem Spiel wohnt eine große Theatralik inne. Ob er alleine aufs Tor zuläuft oder gefoult wird: Es ist immer die ganz große Gefühlswelt auf dem Rasen, gerne auch mal einen Tick zu viel. Dass er es war, der den zähen Kampf in Freiburg entschied und in die Stille der Gelsenkirchener Arena hinein ein traumhaft schönes Tor schoss, kann als Beleg dafür gelten, dass die Bremer den Ernst der Lage erkannt haben.

Bittencourt, auf Schalke verletzt ausgewechselt, ist rechtzeitig genesen für das Spiel gegen Frankfurt, wenn es im Nichts des Weserstadions mal wieder um alles geht.

© SZ vom 03.06.2020/tbr
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