Bundesliga: Werder Bremen Bitte anschnallen!

Manche sehen den Sinn des Fußballs darin, durch ausgetüftelte Strategien und Effektivität Titel zu gewinnen. Der SV Werder Bremen dagegen liefert den ultimativen Kick.

Ein Kommentar von Ralf Wiegand

Als Tim Wiese, der leidgeplagte Torwart von Werder Bremen, neulich versuchte, in der Geschichte des internationalen Fußballs einen Vergleich für das wahnwitzige 4:4 gegen den FC Valencia zu finden, kam er über die eigene Vereinschronik erst gar nicht hinaus. Der wilde Ritt über den Rasen habe ihn an das eigene Spiel gegen Hoffenheim erinnert, an dessen Ende ein 5:4 gestanden hatte. Hätte Wiese fünf Minuten mehr Zeit gehabt, es wären ihm womöglich eingefallen: Ein 3:6 gegen Stuttgart, ein 6:3 gegen Aktobe, ein 3:4 in Mönchengladbach oder ein 5:2 in München, ein 3:3 gegen Udine oder selbiges Ergebnis gegen Dortmund. Das alles sind Werder-Resultate der vergangenen zwei Jahre, jedes Spiel war ein Erlebnis, jede Minute ein Geschenk. Kantersiege und Debakel sind da noch gar nicht eingerechnet.

An guten Tagen kann Werder Bremen sogar aus einem Pflichttermin gegen Bochum ein Spektakel machen, Herzrasen und Angstschweiß inklusive. Dass Zuschauer für Spiele der Bremer Eintritt bezahlen, hat den gleichen Grund, aus dem Menschen Geld dafür hinlegen, um mit einer Achterbahn Loopings zu fahren. Es gefährdet die Gesundheit, ist unvernünftig und alles in allem vollkommen sinnlos, aber es macht einfach unglaublich viel Spaß!

Genau dieser Bestimmung scheint seit Jahr und Tag der hanseatische Klub zu folgen. Er ist ein Unterhaltungsbetrieb erster Güte, der ohne großes Risiko für das Freizeitvergnügen Fußballstadion sogar eine Geld-zurück-Garantie anbieten könnte. In den vergangenen sechs Spielzeiten schoss Werder vier Mal die meisten Tore in der Bundesliga und nie weniger als die drittmeisten, nicht einmal in der verkorksten vergangenen oder der zwischenzeitlich krisenhaften aktuellen Runde. Es mag sein, dass der Zweck des Fußballs darin liegen sollte, durch besonders ausgetüftelte Strategien eine stabile Balance zwischen Abwehr und Angriff hinzubekommen und dank solcherlei Effektivität zu Titeln zu gelangen. Wahrscheinlich ist das so. Aber wie viele Teams bekommen das wirklich hin, und wie viele andere langweilen beim vergeblichen Streben nach Perfektion ihr Publikum zu Tode? Wer's mit den Bremern hält, weiß wenigstens, dass ihr anarchistisches Team vom selben Gedanken geleitet zu werden scheint wie sie selbst, nämlich der Suche nach dem ultimativen Kick. Deshalb bauen irre Ingenieure immer größere Rollercoaster, deshalb spielt Werder Bremen Fußball.

Das Weserstadion wird derzeit umgebaut. Die Architekten sollten mal über Sicherheitsgurte auf den Sitzplätzen nachdenken.