Werder Bremen:Nicht mehr zu retten

Fussball 1. Bundesliga Saison 2020/2021 34. Spieltag SV Werder Bremen - Borussia Moenchengladbach 15.05.2021 Joshua Sarg; Sargent

Josh Sargent nach dem Spiel gegen Gladbach.

(Foto: Bjoern Hake/Ulmer/imago)

Thomas Schaafs Rückkehr auf die Trainerbank für ein Spiel hat keinen Effekt. Werder Bremen steigt nach einem 2:4 gegen Mönchengladbach erstmals seit 1980 in die zweite Liga ab und blickt einer ungewissen Zukunft entgegen.

Von Ralf Wiegand, Bremen

Das war schon ein besonderer Moment, dieser auf unbestimmte Zeit letzte Schlusspfiff eines Bundesliga-Spiels mit Beteiligung des SV Werder Bremen. Ihm schloss sich eine unheimliche Stille an. Seit mehr als einem Jahr simuliert der Fußball eine Wirklichkeit, die schon lange nicht mehr real existiert, lässt Stadionsprecher leere Stadien besprechen und nervt Leute, die eh nur zum Arbeiten rein dürfen, mit dem üblichen Skihütten-Gedröhne. An manchen Orten flackert sogar das Flutlicht bei Toren, ein Disco-Effekt, nur dass niemand tanzt. Die Pandemie hat Spieler gelehrt, in die Kamera zu jubeln statt ins Publikum. So tun, als ob - der Fußball hat das wirklich gut hingekriegt.

Aber jetzt, nach dem 2:4 von Werder gegen Borussia Mönchengladbach, dem Sturz auf Platz 17, direkt in die zweite Liga, löste sich die Kulisse zumindest im Weserstadion auf wie eine Fata Morgana. Da stand ein Verein in seinem menschenleeren Stadion, nackt. Keiner da, der einen betrauern würde oder Zuversicht verbreiten könnte. Schweigende Spieler. Ungewisse Zukunft. Minutenlang fiel kein Wort. Von draußen, wo Hunderte Fans noch einmal ihre Hoffnung zum Osterdeich getragen hatten, drang zunächst kein Mucks ins Weserstadion, das sollte sich erst später ändern. Die Stadionregie verweigerte, den Sound der Traurigkeit mit Musik vom Band zu überspielen, sie ließ die große Leere zu.

In dem Moment sah man, was Pandemie und Misserfolg übrig gelassen haben von jenem Verein, der mehr Spiele in der Bundesliga bestritten hat als jeder andere: eine trostlose Gegenwart, so viel mächtiger als die grandiose Vergangenheit.

Über die Feiertage haben sich fast alle Verantwortlichen dazu geäußert, wie es bei Werder Bremen weitergehen soll, zusammenfassen lässt sich das recht einfach: wie immer. "Das ist der klare Wunsch des Aufsichtsrats, dass wir die Themen jetzt in der Konstellation angehen, in der wir aktuell sind", sagte Geschäftsführer Klaus Filbry dem NDR. Sportchef Frank Baumann hatte direkt nach dem Spiel bekundet, weitermachen zu wollen, Ziel: direkter Wiederaufstieg. Auch Aufsichtsratschef Marco Bode lehnt einen Rücktritt ab, überdenkt aber eine erneute Kandidatur bei der nächsten Wahl des Kontrollgremiums. Hubertus Hess-Grunwald, Präsident des Gesamtvereins und als solcher auch Mitglied der Geschäftsführung, sagte Radio Bremen: "Wenn wir über Wechsel oder ,Vorstand raus' diskutieren würden, wer soll denn dann die notwendigen Gespräche führen, wenn nicht die Verantwortlichen?"

Werder hat sich noch nie treiben lassen von der Meinung der Straße. Ein paar Hundert sehr aufgebrachte Fans hatten am Samstag nach dem Spiel das Weserstadion belagert, "wir wollen die Mannschaft sehen", brüllten sie, und besonders laut: "Vorstand raus!" Die Mannschaft entschied sich gegen ein solches Date und wählte den Hinterausgang. Manager Frank Baumann, wissend, vom Publikum längst zum Hauptverantwortlichen für den Zusammenbruch erklärt worden zu sein, will auch jetzt nicht gehen: "Ich habe klare Ideen, wie wir uns aus der Lage befreien können. Ich bin überzeugt, dass ich der Richtige bin für Werder Bremen", sagte er dem Sender Sport1.

Die Planungen, das ist das Hauptargument der Verantwortlichen, liefen schon länger zweigleisig. Trainersuche, Kaderfindung, alles sei im Gange, "wir brauchen schnelle Entscheidungen", sagte Baumann. Die neue Saison beginnt für Zweitligisten, wie der Dritte der ewigen Bundesligatabelle nun einer ist, schon am 23. Juli. Werder wird etliche Spieler verlieren, muss ein deutliches Transferplus erwirtschaften. Die Gehälter jener Fußballer, die bleiben, werden in der zweiten Liga angeblich um 40 bis 60 Prozent sinken, allerdings gehen auch die Einnahmen im selben Verhältnis zurück.

Werder Bremen: Strahlte noch einmal Zuversicht aus: Thomas Schaaf auf seiner Ein-Spiel-Mission.

Strahlte noch einmal Zuversicht aus: Thomas Schaaf auf seiner Ein-Spiel-Mission.

(Foto: Fabian Bimmer/AFP)

Die Sache von Thomas Schaaf ist das alles nicht mehr. "Wir brauchen jetzt nicht über morgen oder übermorgen reden, wir sind mit dem Heute genug beschäftigt", sagte er nach dem Spiel. Auf ihm hatten die Erwartungen gelegen für eine Wende im letzten Moment. Schaaf, der Meistertrainer, Herr Schaaf, die "Trainerlegende", wie Abwehrspieler Ömer Toprak ihn zum Auftakt seiner Fünf-Tage-Mission genannt hatte. Schaaf hatte Werder Bremen bis vor zehn Jahren einen Fußball spielen lassen, den man lieben konnte, ohne Werder mögen zu müssen. Nach der verstörenden Entlassung des Trainers Florian Kohfeldt einen Spieltag vor Schluss war er fürs letzte Spiel eingesprungen. "Ich hab's versucht, wir haben versucht, nochmal eine Wende reinzubringen. Dass das so nach hinten losgeht, das ist dann halt so."

Vielleicht hätte es diesen einen Moment noch geben können. Aber die Angst des Stürmers vor dem Torschuss, selten hat sich sich in solch unverschämter Gestalt gezeigt wie in der 19. Minute in diesem Spiel der letzten Chance, als Josh Sargent und Davie Selke das fast leere Tor nicht trafen.

SV Werder Bremen - Borussia Mönchengladbach

Szene des Spiels: Davie Selke (rechts) vergibt vor dem nahezu leeren Tor die Chance zum 1:1 und schießt Torhüter Yann Sommer an.

(Foto: Carmen Jaspersen/dpa)

Werder lag da schon 0:1 zurück, es "war die Riesenchance", sagte Schaaf. "Wenn du es da machst, kriegst du Bestätigung, und es hinterlässt vielleicht auch Wirkung beim Gegner. Sollte nicht sein." Nach der Pause und dem wiederum schnellen 0:2 durch Thuram gab Werder auf, kassierte das dritte, das vierte. Die klitzekleine Aufholjagd zum 2:4 reichte nicht mehr, den Lauf der Dinge selbst zu beeinflussen.

Ein klarer Trend nach unten

Werder geht in die zweite Liga ausgezehrt von einem Niedergang, der sich mindestens über zwei Spielzeiten gezogen hat, im Prinzip aber schon viel länger dauert. Die Hoffnung des Vereins, durch eine glückliche Saison wieder oben andocken zu können, ist immer dann angestachelt worden, wenn fast mal ein Europacup-Wettbewerb erreicht worden wäre. 2017 war das so, 2019 wieder. Aber eben nur: fast. Das hat vieles verdeckt und nur den Glauben gestärkt, mit bordeigenen Mitteln irgendwann ins erste Drittel der Liga zurückzukehren. Tatsächlich zeigte Werder aber schon lange einen gefährlichen Trend nach unten. Das Spiel gegen Gladbach war schon das dritte eines letzten Spieltags, an dem es um die Existenz ging, nach 2016 und 2020. Dreimal ist zwar Bremer Recht, aber diesmal war drei Mal einmal zu viel.

Werder war im zweiten Jahr des permanenten Existenzkampfes dem Druck nicht mehr gewachsen, auch wenn die Stadt aus der Lethargie der letzten Wochen erwacht war. Die Pandemie hielt sie nicht mehr davon ab, die Mannschaft vor dem Stadion zu empfangen, mit Feuerwerk und Fahrradkorso. Sie hatten mitbekommen, wie leidenschaftlich Schaaf die Sache angegangen war, wie er brannte, wie er sich "nicht vorwerfen lassen wollte, nicht alles versucht zu haben". Er hat sogar die Raute wieder ausgepackt, eine im modernen Fußball aus der Mode geratene Taktik. Aber bisweilen ist das Heute eben mächtiger als das Gestern. Gladbach ließ der Werder-Raute keine Luft zum Atmen, die Bremer waren mit dem 0:1 eigentlich schon geschlagen. Ein Klassenunterschied.

SV Werder Bremen v Borussia Moenchengladbach - Bundesliga

Vor dem Spiel versammelten sich Fans vor dem Stadion und zündeten Rauchbomben.

(Foto: Focke Strangmann/Getty)

Bis Ende Mai soll ein neuer Trainer gefunden sein, Werder muss Transfergewinne erwirtschaften, um keine Sanktionen seitens der DFL fürchten zu müssen, gleichzeitig eine neue Mannschaft bauen, die konkurrenzfähig ist in einem Unterhaus der Superlative: Schalke, HSV, Düsseldorf, St. Pauli, Hannover, Nürnberg, Dresden, Rostock. Klingt spannend, diese Liga, liest sich aber auch wie eine Reha-Klinik für Traditionsvereine. Und Werder - da hilft die glorreiche Vergangenheit gar nichts - ist auch nur ein Kassenpatient wie alle anderen.

© SZ/schm/jki/sjo
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