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5:3-Erfolg des VfL:Plötzlich Euphorie im manchmal faden Wolfsburg

VfL Wolfsburg v SV Werder Bremen - Bundesliga

Da ist was los: Wout Weghorst freut sich über seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 4:3

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

VfL-Coach Glasner spricht von einem "tollen Spektakel", Bremens Kohfeldt hält die Leistung seines Teams trotz Niederlage für "überragend": Das turbulente 5:3 begeistert und überrascht alle.

Von Thomas Hürner

Es gibt Elemente eines Fußballspiels, die kaum jemand besser versteht als Florian Kohfeldt. Der Trainer des SV Werder Bremen ist in Sachen Taktik ganz und gar nicht dogmatisch, aber jeder seiner Ideen liegen Prinzipien zugrunde, die nicht verhandelbar sind. Nur wer diese Prinzipien achtet, glaubt Kohfeldt, schafft die Voraussetzung für alles Weitere. Und wenn der Kontrahent das ein bisschen besser macht, dann hat das entsprechende Anerkennung verdient: Leidenschaft, Härte, Körperlichkeit, zählte Kohfeldt also am späten Freitagabend auf, in all diesen Belangen sei der VfL Wolfsburg "überragend" gewesen.

Auch der Trainer des letztlich siegreichen Kontrahenten, der Österreicher Oliver Glasner, war nach dem 5:3 Heimerfolg seines VfL durchaus angetan von der Leistung seiner Mannschaft. Nach dieser turbulenten Partie, der Glasner zufolge der Charakter eines "tollen Spektakels" innewohnte, war er "begeistert von der Einstellung" seiner Spieler, sie hätten "sehr viel investiert" und "immer an sich geglaubt". Was zunächst nach ein paar Zufallstreffern in einem Fußballfloskelroulette klang, war aber in der Tat eine angemessene Analyse, und auch die Bremer mussten sich in dieser Hinsicht hinterher sicher keine Vorwürfe machen.

Die Teams setzen bislang ungeahnte Offensivkräfte frei

So weit, so erwartbar. Dass ein solcher Torreigen über das beschauliche Wolfsburg hereinbrechen würde, war dann aber nicht nur für alle Beteiligten dieses Spiels überraschend. Die gängigen Buchmacher hatten ein biederes 1:1 als das wahrscheinlichste Ergebnis ausgewiesen, man brauchte auch nicht mehr als stochastische Grundkenntnisse, um dieser Einschätzung folgen zu können: Es trafen immerhin zwei Remis-Könige der Liga aufeinander, in der Saisonchronik des SV Werder war zuletzt fünf Mal in Serie eben dieses 1:1 Endresultat aufzufinden, und mit dem Toreschießen hatten sich auch die Wolfsburger bislang eher schwer getan. So ein 5:3-Torverhältnis, wie es dann allein gegen Bremen zu Stande gekommen war, "hatten wir gefühlt erst nach dem sechsten Spieltag", sagte Glasner hinterher. Er war sichtlich amüsiert über diesen unverhofften Ausreißer.

Die beiden Mannschaften verbindet eine ähnliche Spielidee, die vor allem aus einer geordneten Defensive und sich wiederholenden Wellen des Pressings und Gegenpressings besteht. Sie neutralisierten sich aber nicht, sondern setzten bislang ungeahnte Offensivkräfte frei. Nach dem Bremer Führungstreffer durch Leonardo Bittencourt (14. Minute) trafen in kurzer Abfolge die beiden VfL-Verteidiger Ridle Baku (22.) und John Anthony Brooks (25.), ehe der früh eingewechselte und später noch mit Gelb-Rot vom Platz gestellte Kevin Möhwald wieder ausgleichen konnte (35.). Vor allem die erste Hälfte hätte ein Publikum im Stadion verdient gehabt, sagte Glasner, und damit war es ja noch lange nicht vorbei.

In Erscheinung trat dann vor allem ein Spieler, der von Haus aus schon eine Erscheinung ist: Der 1,97 Meter große Stürmerhüne Wout Weghorst traf zum 3:2 (37.), sein Teamkollege Brooks zum erneuten Ausgleich ins eigene Tor (47.), und dann wieder Weghorst in einer Disziplin, in der er sich neulich noch trotz seiner Körperlänge ein gewisses Verbesserungspotenzial attestierte - per Kopf zum 4:3 (76.). Das alleine war schon Anlass, einen aus Wolfsburger Sicht "wunderschönen Abend" zu feiern, wie Wegorst sagte. Aber dann gelang auch noch dem ebenfalls sehr langen (1,91 Meter), aber wesentlich jüngeren (19) Zugang Bastosz Bialek sein erster Bundesligatreffer (90. Minute).

Es herrscht wieder Burgfrieden in Wolfsburg

Es hat wohl dieses knallige Spiel gebraucht, damit Notiz davon genommen wird, dass sich der VfL gerade in einer "angenehmen und sehr positiven Phase" befindet, wie Glasner sagte. Klammheimlich hat sich das noch ungeschlagene Bundesligateam in Schlagdistanz zu den Champions League-Plätzen geschoben, dabei kann man den Wolfsburgern eigentlich nicht vorwerfen, zu wenig für ein bisschen mehr Resonanz getan zu haben. Aus irgendwelchen, bis heute immer noch nicht ganz aufgeklärten Gründen, hatten Trainer Oliver Glasner und Geschäftsführer Jörg Schmadtke zuletzt ja öffentliche Dissonanzen ausgetragen, und im Raum gestanden war dann plötzlich die Demission des Trainers.

Es war um irgendwas mit Transfers gegangen, die sich Glasner wünschte und Schmadtke ihm nicht gewähren wollte, aber am Ende verständigten sich die Beteiligten auf einen Burgfrieden in der Autostadt. Schmadtke, eigentlich eher stoisch veranlagt, hatte jedenfalls neben positiven Ergebnissen auch eine "spektakuläre Spielweise" eingefordert, um an diesem etwas faden Bundesligastandort Wolfsburg wieder ein bisschen Euphorie zu entfachen. Mission accomplished, könnte ihm Glasner nach der Partie gegen Bremen nun entgegnen.

© SZ/sonn
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