Bundesliga VfB siegt nur im Schönreden

Umständlich, langsam und harmlos wirkte der VfB beim Spiel gegen Fortuna Düsseldorf. Hier: Der Stuttgarter Nicolas Gonzalez (r) neben Düsseldorfs Marcin Kaminski.

(Foto: Marijan Muratdpa)
  • Der VfB wirkte im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf umständlich, langsam und harmlos.
  • Die Verantwortlichen in Stuttgart gaben sich hinterher alle Mühe, um die angespannte Situation nach außen hin nicht unnötig aufzubauschen.
  • Aus der VfB-Fan-Kurve ließen sich allerdings Pfiffe vernehmen.
Von Matthias Schmid, Stuttgart

Ron-Robert Zieler trottet gemächlichen Schrittes hinter Günther Schäfer her. Zieler, der Torhüter des VfB Stuttgart, weiß nicht so recht, wo er hin soll an diesem späten Freitagabend. Schäfer war in den 1980er- und 1990er-Jahren ein kompromissloser Verteidiger in der Bundesliga, Publikumsliebling und zweimal deutscher Meister mit dem VfB. Heute ist er Teammanager des Klubs, so etwas wie das Mädchen für alles. Schäfer also führt Zieler aus dem Souterrain der Stuttgarter Arena hinauf in eine der höheren Etagen, "ins Sportstudio", wie der Nationaltorhüter immerhin erfahren hatte. Als bester Spieler der Partie soll er da in den VIP-Räumen dem zahlungskräftigeren Publikum präsentiert werden.

Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn der beste Spieler der Torhüter ist. Schon gar nicht, wenn das in einem Heimspiel gegen einen Aufsteiger geschieht. Und es ist geradezu bedenklich, wenn dieses Spiel torlos endet, wie zwischen dem VfB Stuttgart und Fortuna Düsseldorf, und der Aufsteiger am Ende die eindeutig besseren Chancen hatte, mehrere sogenannte Hundertprozentige gar. Der VfB um Mario Gomez war im Spiel nach vorne nicht nur umständlich und langsam, sondern er wirkte ungefähr so harmlos wie die Wiener Sängerknaben beim Weihnachtskonzert. Aber Zieler immerhin hatte einen dieser Tage als Torhüter erwischt, an dem er auch mit verbundenen Augen noch den Ball hätte abwehren können. Der 29-Jährige war unüberwindbar und bewahrte am Freitagabend seine Mannschaft nicht ein- oder zweimal, nein fünfmal vor dem Rückstand.

Mann des Abends: Ron-Robert Zieler

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VfB-Kapitän Christian Gentner wusste nach dem recht trostlosen Auftritt, bei welcher Macht er sich zu bedanken hatte: "Wir hatten Gott sei Dank einen guten Torhüter." Das 0:0 ist ein Resultat, welches die Situation des bisher noch sieglosen VfB nicht verbessert, geschweige denn das schnell zur Unruhe neigende Umfeld beruhigt. "Dafür hätten nur drei Punkte geholfen", gab Gentner zu. Dramatisieren wollte er den missratenen Saisonstart mit nur zwei Punkten aus vier Spielen allerdings auch nicht. "Ich sage nicht, dass jetzt alles katastrophal war. Den Einsatz und den Willen habe ich heute gespürt, wir wollten das Spiel unbedingt gewinnen."

Gentner musste aber schon seine eigene Wirklichkeit konstruieren, um das Spiel schön zu reden. "Ich habe auch bei uns große Chancen gesehen", behauptete er. Das war geschwindelt. Die beste hatte in der ersten Hälfte noch Chadrac Akolo mit einem Schlenzer, ansonsten waren da nur Möglichkeiten, die Düsseldorfs Torhüter Michael Rensing nicht wirklich in Kalamitäten gestürzt hätten.

"Wir strotzen nicht vor Selbstvertrauen", hatte Gentner wenigstens noch ehrlich angemerkt, bevor er sich aufmachte. "Ich muss weg", fügte er an und verschwand in die kühle Nacht, nicht aber ohne noch einen Satz zu Michael Reschke loszuwerden: "Eine Wutrede oder so etwas hat es von ihm nicht gegeben." Der angesprochene Sportvorstand des VfB blieb länger als Gentner vor den Mikrofonen stehen. Aber aus dem Mund des Rheinländers hört sich jeder Fehlstart ungefähr so aufgeregt an wie eine Lesung aus einem Hermann-Hesse-Gedichtband, man kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie er die Mannschaft mit markigen Worten zusammenfalten sollte. "Es ist nicht dramatisch", sagte Reschke deshalb auch so nüchtern wie ein Notar bei der Testamentseröffnung, "es sind erst vier Spieltage gespielt. Zwei Unentschieden sind jetzt nicht optimal, aber auch keine Niederlagen."

Aus der Cannstatter Kurve hallten vernehmbar Pfiffe

Die Verantwortlichen des VfB gaben sich alle Mühe, um die durchaus angespannte Situation nach außen hin nicht unnötig aufzubauschen. Sie spüren selbst, dass der Gegenwind für Cheftrainer Tayfun Korkut zunimmt. Das Publikum hat die Spieler während des Spiels noch lautstark unterstützt. Aber schon auf der Haupttribüne haben sich die ersten vom Trainer abgewendet, der in der vergangenen Saison die Mannschaft noch aus der Abstiegszone fast in den Europacup geführt hätte. Seinen Kredit hat er mit seiner vorsichtigen taktischen Ausrichtung schon wieder verspielt. Die Fans schimpften oder bruddelten, wie es im Schwäbischen heißt, auf die Aufstellung des Trainers. Ihr Vorwurf: zu defensiv. Ihr Urteil: So schießa ma koine Tore.

Dabei waren sie in Stuttgart mit dem neuen aufgemotzten Kader um Daniel Didavi und Gonzalo Castro euphorisiert in die Saison gestartet, sie hofften auf einen Platz in der Europa League, mindestens. Und nun das: Der VfB bewegt sich schon wieder in den untersten Tabellenregionen. Reschke ließ sich von den Unmutsäußerungen der Besucher aber nicht beeindrucken, auch nicht, als aus der Cannstatter Kurve, wo die treuesten Fans stehen, nach dem Spielende vernehmbar Pfiffe hallten. Das Stimmungsbild der Spieler sei eigentlich okay, hob er hervor. "Ihnen würde es halt mega, mega guttun, wenn sie ein Spiel gewinnen würden, durch eine glückliche Konstellation."

Dass Reschke allerdings auch die Fantasie für eine wirkliche Wende fehlt, merkte man daran, dass er sich schon nach dem vierten Spieltag im Floskelwörterbuch für Durchhalteparolen bediente und davon sprach, dass sie nun von Spiel zu Spiel denken müssten. Und noch immer überzeugt seien. Von was oder wem genau, führte er nicht näher aus. Von Torhüter Ron-Robert Zieler in jedem Fall. Und bis zum Spiel in Leipzig am Mittwoch und zu Hause gegen Bremen am darauffolgenden Samstag ganz sicher auch vom Trainer. Der allerdings muss nun unbedingt beweisen, dass er mit einem spielstarken Kader auch offensiv und erfolgreich Fußball spielen lassen kann.

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